Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1875)
- Date
- 1875-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mart 50 Pf. pro Hundert berechnet. wende man sich an l>r. i. piUippfoa in Bonn; dinftchrlich de- Bezug« und der Imcrate an SLnmaSrrner'« ßaä/tiaTtblanq ,necir;ig. Inserate, welche bi« vonurr,- tag cingeben. finden in der carauffolgenden 3iira-- Diese Zeitung erscheint wöcheutlich einmal in 'l bis 2«/2 Bogen. Preis Biertatädria »Mart. Inserate werde» mit 2» Pf. für dir Petitzeile oder deren ~ ' ' * Alle Buchhandlungen, ‘‘rtg« - Expeditionen Irnigcn an. ® Zeitung«-' n Bestellung« 39. Jahrgang. Leipzig, den 30. März 1875. J\f 14 Iahatt. Leitende Artikel: Der Kampf um Jerusalem und die Parteien inlihm. — Die Svmbolik des mosaischen HciligthmnS. II.— Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Tckrimm, Berlin, Erlangen, Eulm, Dresden, Wolsenbüttel. — Oesterreich-Ungarn: Aus Obcrungarn, Brünn, AuS dem südl. Böbmcn. — Frankreich: Paris'. — Großbritannien: London. — Italien: Rom. — Schweden: Stockbolm, ytovvtöping. — Ruß! and: Aus Rußland. — Asien: Damaskus. — Frmlleto«: Die Königin von Saba. — Vermischtes. jCetteiidc« dLxtlßcf. Bonn, den 24. März. Der Kampf um Jerusalem und die Parteien in ihm. Der Kampf um Jerusalem gegen die römische Weltmacht ist seinem moralischen Werthe nach von den Juden nickt genug gewürdigt und ausgenutzt worden. Sie hielten sich stets nur an die traurige Thatsache, daß Jerusalem zerstört und der Tempel verbrannt worden. Dem galt durch alle Zeiten der strenge Fasttag des neunten Ab. dem galten die Trauerlieder, welche an diesem augestimmt werden. Daß diesem Falle ein heldenmüthiger Kampf vorangegangen, der eine Zeit lang Rom selbst zittern machte, daß die Nation darin zu einer Zeit, wo der Fuß Roms aus dem Nacken aller Völker stand, einen seltenen Heroismus, eine gewaltige Energie bewiesen, das lebte im Bewußtsein der Juden nicht. Außerhalb der jüdischen Kreise spielte sich die Geschichtserzählung über diesen Kampf ab, und wurde nur von einem erklärten Römling, JosephuS, und einem entschiedenen römischen Judenfeinde, Tacitus, ausgeführt. Die Gegenschrift des JustuS von Liberias gegen Josephus ist verloren gegangen. Der Talmud, bei seinem Mangel an geschichtlichem Sinne, dem das Gesetz Alles, die Thatsachen nichts bedeuteten, und weil ihm, wie wir später sehen werden, die Richtung des Kampfes zuwider war, hat so spärliche Notizen über den Freiheitskrieg der Juden, daß sie eben nur das Bild dieser großen und furchtbaren Zeit hier und da ein wenig ergänzen. Erst im zehnten Jahrhundert brachte Joseph ben Goreon, Josippon genannt, durch Auszüge aus Josephus, den er jedoch vielfach entstellt, einige Kunde davon, die aber erst viel später in's Hebräische übertragen, Verbreitung fand. Die Geschicke hatten die Juden gewöhnt, sich nur an den Erfolg einer Begebenheit zu halten, inwie weit ihnen daraus ein Fortbestand, eine Erleichterung oder Erschwerung desselben hervorging. Darum wird der Sieg Esther's und Mordachai's durck eine Palastintrigue noch bis heute freudiger gefeiert, als selbst der Sieg der Makkabäer, der auf blutgetränkten Schlachtfeldern errungen ward. Die Erinnerung feiert an diesem mehr die Wiedereinweihung des Tempels als die Kampfe der Helden, und hierzu kommt, daß die Anschauung der Juden die Thaten der Menschen über die Hülfe Gottes vergessen machte, und vor dem Lobpreis des göttlichen Beistandes den Dank und die Anerkennung der kampfenden und siegenden Männer übersah. (Man lese das Gebet irrm» Man kann daher sagen, daß es zuerst Salvador in seiner Geschichte der Röurerherrschaft -c. war, der den geschichtlichen- und moralischen Werth dieses Kampfes aufgefnnden und mit tiefem Sinne dargestellt hat. Er sah darin den großen Zusammenstoß des Westens und Ostens nicht blos um den Besitz eines beschrankten Landes, sondern uni eine große Culturfrage; er erkannte den ganzen Helvenmuth des jüdischen Völkchens und sah, wie der Besiegte in seiner Unverwüstlichkeit nach Westen zog und den Sieger entthronte. Seitdem ist vielfach darum gestritten worden. Insbesondere drehte es sich um den Charakter des Flavius Josephus und die Glaubwürdigkeit seiner geschichtlichen Darstellung. Der Eine focht ihn