Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-23 · Heft 13 (23.3.1875) · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 13 (23.3.1875)
Date
1875-03-23
Page
Seite 207 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227028--33400-3303186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

207 Erfinder der Differential-Rechnung — wenn ihm auch die Priorität der letzteren von Leibnitz streitig gemacht wird — man erzählt von ihm, daß er, sobald er selbst im gewöhnlichen Gespräche das Wort „Gott" ausfprach, zuvor einige Sekunden innehielt. Deshalb befiagt, erwiderte er, er könne dieses Wort nicht aussprechen, ohne wenigstens mit einem Gedanken die Unendlichkeit dieses Begriffes Lurchzudenken und die Gnade durchzusühlen, welche der Schöpfer dem Menschen gewährt hat, diesen Begriff zu haben, diese Erkenntnis zu besitzen. Dies war echtes religiöses Gefühl, eine wahre Empfindung der Ehrfurcht vor der Majestät und Gnadenfülle Gottes. Wir Juden bedürfen dieses Beispiels nicht. Tief in unsrer Religion ist diese Scheu vor der Heiligkeit Gottes als eine wesenlliche Eigenthümlichkeit begründet, keine knechtische Furcht, keine sklavische Erniedrigung, aber auch nicht jene schwärmerische Vertraulichkeit, jene Ueberhebung, welche Gott fast als seines Gleichen behandelt und den Rathschluß und Willen Gottes in der Tasche zu haben wähnt oder vorgiebt. Diese auftichtige Verehrung der Gottheit hat Las Judenthum vor vielen Verirrungen geschützt, vor Dogmen, welche die Grenzen zwischen der Gottheit und dem Menschen verwischen, vor priesterlichen Einrichtungen, welche Gott und Mensch vom Munde des Priesters abhängig machen. Diese heilige Scheu zeigte sich auch darin, daß die höchste Bezeichnung Gottes, die in ihrer Tiefe das Räthsel alles Daseins enthielt, dem Volke nicht in den Mund gelegt ward, sondern nur einmal im Jahre, in der Stunde des höchsten religiösen Werkes, der Versöhnung mit Gott, vor dem versammelten Volke vom Hohenpriester ausgesprochen ward, und wie der geheiligte Klang von den Lippen desselben erscholl, warf sich das Volk nieder, und bekannte in seinem Innern die Sündhaftigkeit, der es sich schuldig gemacht, Die Erhabenheit des Momentes ergriff die Gemüther mit unnennbaren Gefühlen und erhob den Geist über die irdische Sphäre zur Höhe, zum Unendlichen, zum Göttlichen hinauf. Noch jetzt macht im Muffaphgebet des Versöhnungstages die Schilderung dieses Vorganges einen tiefen Eindruck auf die Versammelten, und wenn die Worte verlesen werden: „Und die Priester und das Volk, die in der Vorhalle standen, sobald sie den hochverehtten und ehrfurchtbaren Namen Gottes von dem Munde des Hohenpriesters in Heiligkeit und Reinheit aussprechen hötten: beugten sie das Knie, bückten sich und fielen auf ihr Angesicht, bekannten ihre Sünden und riefen: Gepriesen sei der Name Seines herrlichen Reiches immer und ewig!" Dann werfen sie sich noch heute auf ihr Angesicht voll Ehrfurcht und innerster Bewegung und sich wieder erhebend rufen sie wie ihre Väter: „Gepriesen sei der Name Deines herrlichen Reiches immer und ewig!" Nichts ist natürlicher, als daß dieses ehrfurchtsvolle Gefühl vor Gott sich auf alles das ausdehnt, was unmittelbar mit der Verehrung und Anbetung Gottes zusammenhangt. Bor Allem wird und muß der Gegenstand höchster Achtung für den Juden die Thorarolle sein, aus welcher ihm in der gottesdienstlichen Versammlung das Wort Gottes verlesen wird, das nunmehr seit mehr als drei Jahrtausenden ihm von Geschlecht zu Geschlecht als das unschätzbarste Kleinod überliefert worden, seinem Stamme Leuchte und Stab durch die wechselvollsten Zeiten gewesen, und ihm selbst, wenn er es verstanden und in seine Seele ausgenommen, zur Quelle der Einsicht und der Kraft diente. Es liegt ganz in der Natur des Menschen und in der Befriedigung seines Gefühls, daß diese Thorarolle deshalb ganz und gar in der Gestalt und Form erhalten wird, wie sie seit uralter Zeit überkommen worden. Der nüchterne Verstand sagt freilich, das Wort in dem gedruckten Buche, das Dir in Deinem Hause so bequem zur Hand ist und das Du wohlthuest, recht oft zur Hand zu nehmen, besagt mit keiner Silbe, keinen Buchstaben etwas Anderes als da in dieser hochverehrten Rolle auf Pergament geschrieben steht. Unser Herz spricht doch anders, und verlangt, um geweckt und gestärkt zu werden, um Liebe und Ehrfurcht in sich erhalten und gehoben zu sehen, etwas Anderes als auf dem Bücherbrett zu Hause, verlangt die uralte geheiligte Form, verlangt die Bethätigung seiner Hochachtung und seiner Würde. Wie schön und richtig ist daher z. B. die alte Vorschrift, wenn die Thora an uns vorübergetragen wird, von unsrem Sitze aufzustehen, wie wir dies eben thun, wenn eine achtungswerthe Persönlichkeit zu uns tritt. Dies ist religiöses Gefühl. Aber wie leicht wird dies zur Schwärmerei! Wenn es sich zur Sitte gemacht hat, zu der vorüberziehenden Thora hinzueilen, und den Saum des seidenen oder sammtenen Mäntelchens, in das sie gehüllt ist, zu küffen, so ist dies bereits ein Akt der Schwärmerei, und erinnert an den Sklaven, der den Saum des Kleides seines Herrn küßt. Doch noch weiter. Aus der Schwärmerei entwickelt sich der Aberglauben. Es ist eine abergläubische Consequenzmacherei, wenn verboten wird, den unbeschriebenen Pergamentstreifen von einerunbrauchbar gewordenen Thora zu einer Mesusa zu gebrauchen, weil diese weniger heilig ist, als jene und das mehr Heilige nicht zu einem minder Heiligen verwendet werde. Dies ist nicht mehr religiöses Gefühl, sondern abergläubische Berechnung der Gradation im Heiligen; oder wenn vorgefchrieben wird, die unbrauchbar gewordene Thorarolle in ein irdenes Gefäß zu thun und neben einem frommen Gelehrten zur Erde zu bestatten. «Jor. Deah 290. 282, 10.) Man sage nicht: das ist doch unschädlich; die Vorstellung, die darin enthalten ist und genährt wird, ist ein Glied einer ganzen Kette, und eines hält das andere fest. In der Thora wird den Priestern der Segen vorgeschrieben, den sie über Israel aussprechen sollen. Noch heute steigen deren Abkömmlinge an den Festtagen, die nicht auf einen Sabbalh fallen, zur heiligen Lade und sprechen jene Segensworte aus. Nichts ist selbstverständlicher, als daß die Versammelten in achtungsvollem Schweigen und stehend das den Segen Gottes verheißende' Wort empfangen. Es sind ja nicht die Männer, sondern das Gotteswott, denn es heißt ausdrücklich i-t Mos. 6, 13*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.