Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 13 (23.3.1875)
- Date
- 1875-03-23
- Page
- Seite 206 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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206 und der von Soulz im Elsaß sind beide im Alter von 80 Zähren vor einigen Wochen gestorben. Zn Lemberg starb am 4. d. der Rabbiner Joseph Saul Nathansohn, ein Talmudgelehrter ersten Ranges. Er schrieb in Gemeinschaft mit seinem früher verstorbenen Schwager MarcuS Wolf Ettinger einen Commentar unter dem Titel „Jam -Hatalmud" (Meer des Talmud) und mehrere Monographien jüdisch-theologischen und rituellen Inhalts, sämmtlich in hebräischer Sprache. Schweiz. St. Gallen, 8. März. (Privatmitth.) Die Schächtmisere hat bereits die Schweizergrenzen überschritten; auch in Konstanz wurde jüngst die Anwendung der „Bruneau'schen Maske" beim Schlachten der Thiere obligatorisch erklärt. Nach den soeben erhaltenen Mittheilungen soll dies aber, wie sich betreffende Behörden selbst ausgedrückt, nur aus Unkenntniß der bezüglichen israelitisch-religiösen Borschriften geschehen, und dabei nichts weniger als eine Pression auf die freie Religionsübuvg beabsichtigt worden sein.. Die Aufhebung dieser Verordnung dürfte sonach nahe bevorstehen. Der Recurs der hiesigen Gemeinde an den Bundesrath ist vor ca. 8 Tagen nach Bern abgegangen, nachdem wir von einer Collectiveingabe in Folge ungenügender Betheiligung Umgang nehmen mußten. Außer den schon genannten Gemeinden sandten nur noch Lengnau (Canton Aargau) und St. Jmier lCanton Bern) ihre Beitrittserklärung ein, wahrend die meisten übrigen aus Rücksicht gegen ihre Orts- oder Regierungsbehörde sich nicht anschließen zu dürfen glaubten. Bon denen, die gar nichts von sich hören ließen und somit die ganze Angelegenheit keiner besonderen Beachtung gewürdigt zu haben schienen, nennen wir nur NeuchLtel, die inzwischen — welch eine Laune des Schicksals! — ebenfalls mit einem Schächtverbot beehrt wurde. Wir wünschen aufrichtig, daß fämmtliche renitenten Gemeinden nach erfolgtem Bundesrathsentscheid es nicht zu bereuen brauchen, ein gemeinsames Vorgehen vereitelt zu haben. Engelbert. Feuilleton. Religiöses Gefühl — Schwärmerei — Aberglauben. Was ist die Religion ohne das tief innerliche religiöse Gefühl? Was das Himmelsgewölbe ohne die goldene Sonne, der Frühling ohne Blüthenmeer und Bogelsang, eine Bergkette ohne grüne Waldung und rieselnde Quellen, Jugend ohne das Lächeln der Freude und Heiterkeit; oder, wollen wir unser Gleichniß aus den Werken der Menschen nehmen, was ein großes kunstreiches Maschinenwerk ohne die bewegende Kraft des Feuers oder des Wassers. Das ist der Unterschied zwischen Religion und Philosophem. Dieses baut sich aus Definitionen, Voraussetzungen und Folgerungen zusammen; aber die Religion, wenn sie ihre Lehren über Gott, Mensch und Welt ausgesprochen und ihre Vorschriften über Liebe, Recht und Freiheit gegeben, öffnet die Quellen des Gefühls und der Einbildungkraft, um die Au zu bewässern und die Saat sprießen zu machen, um das Herz zu erwärmen für alles Gute und Edle, und die Seele zu beflügeln für Opfer uno Hingebung. Der Kenner des Menschenherzens weiß, daß trotz aller Berstandesbildung und allem Jagen nach vernunftgemäßem Begreifen, trotz der Zurückweisung alles dessen, was nicht durch den Verstand erwiesen und durch die Erfahrung bestätigt worden, dennoch der Menschengeist mehr in dem Gefühle als in der Logik lebt. Prägt doch selbst der Gedanke, selbst die Vorstellung des Berstandes irgend ein Gefühl dem Herzen auf, und erhält dadurch erst seine bestimmende und bewegende Kraft. In der geheimen Werkstätte unsrer Seele geht selbst der vernunftgemäße Entschluß erst mit dem Gefühle zu Rathe, sucht sich mit diesem in's Gleichgewicht zu bringen, bevor sich sein Wille zur Thal befeuert. Es giebt da oft einen harten Kampf, und es ist selten auszumachen, wem von den beiden zu folgen, wenn sie sich nicht ausgleichen, das Richtigere und Bessere gewesen wäre. Und dennoch ist nicht zu leugnen, daß das religiöse Gefühl, wenn es sich mit der Einbildungskraft vereinigt, leicht auf Abwege geräth. Die Vernunft hat ihre bestimmten Wege, und wenn sie von dem festen Punkte des Gottglaubens ausgeht, führt sie die gerade Straße zum Ziele. Aber das Gefühl ist unmeßbar und trägt in sich den Drang, sich auszubreiten und zu vertiefen. Die Einbildungskraft endlich kennt kein Gesetz, keine Ordnung, keine Schranken; sie wirft alles Naturgemäße regellos unter einander und ist auf dem Gebiete der Religion um so gefährlicher, als sie nur dahin strebt, was den Geist bewegt sinnlich anschaulich zu machen, in ein körperliches Bild, in eine leibliche Form zu bringen. Die Geschichte aller Religionen zeigt daher, daß das religiöse Gefühl in Verbindung mit der Einbildungskraft leicht zur Schwärmerei und dann zum Aberglauben führt. So wird das Licht der Religion zur Dämmerung und die Dämmerung zur Nacht. Darum, wie die religiöse Erkenntniß von der belebenden Kraft des Gefühls erwärmt und gekräftizt werden muß, so darf auch ras religiöse Gefühl nicht ohne die regelnde und maßgebende Aufsicht des Verstandes bleiben, damit die Lehren der Religion nicht mit ihrer Bethätigung im Menschen in Widerspruch gerathen und sich schließlich in den ihnen entgegengesetztesten Erzeugnissen entstellt und verkümmert sehen. Doch wir wollen heute uns dies in einigen Beispielen recht anschaulich machen. Man erzählt von Jsaac Newton, dem berühmten Naturforscher, dem Entdecker der Gesetze der Schwere, des Lichtes, dem