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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-23 · Heft 13 (23.3.1875) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 13 (23.3.1875)
Date
1875-03-23
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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200 denn er war Lamdan genug, um es zu können. Gelehrter genug, um die Gefahren res Pilpuls zu vermeiden. Aber wie darf man auch nur daran denken, eine Stunde in einer modernen Anstalt den ersten Gegenstand, dem die meisten Lehrstunden eingeräumt sind,.einem nicht classisch-gebildeten Manne zu übergeben? Wie gesagt, hat die Bescheidenheit dieses Mannes das Curatorium vor der Ausführung dieser Idee bewahrt. Aber wie kam man auf diese Idee? Nun durch einen Fehler, der anderweitige Mißgriffe in dieser Angelegenheit befürchten laßt. Die nichtnachrenkende Pietät'. Zu Frankels Lebzeiten wurde Herr Kornfeld zu den Talmudrigorosen als Prüfungscommiffar herbeigezogen. Das war, wenn es von dem sel. Direktor des jüdisch-theologischen Seminars ausging, eine weise Vorkehrung. Kornfeld ist ein achter Lamvan, ein auf dem Talmudmeere Erfahrener, der selbst dem orthodoxesten Orthodoxen Anerkennung abgewinnen muß. Außer dem Director waren im Seminar- Lehrkörper natürlich keine Lamdanim vorhanden, die diesen Titel in der anerkennenden Weise der alten Schule verdienten, durch Herbeiziehung Kornfelds zu den Prüfungen war also von dem bescheidenen Frankel seiner eigenen Thätigkeit gleichsam eine Kontrolle gestellt. Aber zur selbstständigen Leitung des Talmudunterrichtes an einer von Universitätshörern frequentirten Anstalt eignet er sich darum 'selbst nach den Intentionen des Verblichenen nicht. Ich sagte, daß eine derartige Maßnahme für die übrigen Schritte des Curatoriums eine unliebsame Consequenz vorausfetzen läßt. Es ist ganz klar, daß das Talmud-Lehramt mit dem Direktorate gar nichts zu thun hat, und daß es durchaus nicht als Norm gelten kann, daß der zukünftige Director dieser oder jener Richtung angehören müsse. In Bezug auf die religiöse Richtung hat bisher an dem jüdischen Seminar eine wohlthuende Selbstständigkeit geherrscht. Die Lehrer haben eben die Wiffenschaft nicht nach einer ihnen gegebenen Schablone oder nach einer der Anstalt gegebenen Tendenz, sondern nach bester Ueberzeugung gelehrt. Wir hatten also das an einer theologischen Anstalt gewiß seltene Schauspiel, daß der fünfgliedrige Lehrkörper, fünf religiösen Richtungen von der äußersten Rechten bis weit in die Linke hinein, angehörte. Das störte das gute Einvernehmen durchaus nicht, im Gegentheil schien selbst die religiöse Ueberzeugung harmonisch vertheilt zu sein. Der Talmudlehrer war fromm, er konnte also selbst die minutiösesten Details mit Gewiffenhaftigkeit und Ausführlichkeit behandeln, ohne Gefahr zu laufen, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen. Ter Lehrer der Exegese und Literatur stand auf einem Standpunkte, wo er seiner Kritik keine Schnürstiefeln anzuziehen brauchte, der Lehrer der Pädagogik und Homiletik imponirte durch eine gemüthvolle Innigkeit, die seinen religiösen Standpunkt gleichgültig machte und vorzüglich diese Eigenschaften hervorleuchten ließ. Die ganze Anstalt war zwar von einem in religiösen Dingen skrupulösen Manne geleitet, der aber von Tyrannei weit entfernt war und durch sehr kluges Vorgehen selbst das Einschreiten gegen Schüler vermied, die seiner Richtung nicht folgten. Er ließ sie sich von selbst von der Anstalt ablösen. Nun aber der Nachfolger Frankels? Wäre es bei diesem ein Vorzug, wenn er auch orthodox oder doch wenigstens in dem Maaße orthodox wäre, wie dies Frankel war? Frankel's Intentionen gingen gewiß dahin. Er dachte und sprach viel über seinen eventuellen Nachfolger und hat mehrere Zöglinge des Seminars sogar direct für diese Stelle auszubilden gesucht. Diese Zöglinge, die er stets unter den Talmudkundigsten und Frömmsten der Anstalt suchte, wurden von ihm geradezu in seine Absicht, an ihnen einen Nachwuchs zu bilden eingeweiht und eines besonders freundschaftlichen Verkehrs gewürdigt. Die Absicht des Seminardirectors war klar. Lamdanim, die gleichzeitig Gelehrte sind, wachsen heute nicht mehr aus der Erde, diese beiden Eigenschaften gehörten aber nach seiner Ansicht zum Seminardirector, wo er ihre Keime entdeckte, suchte er sie also dahin auszubilden. In nicht eingeweihten Kreisen wurde es als selbstverständlich oder doch wahrscheinlich betrachtet, daß die älteste Kraft, die gegenwärtig am Seminar wirkt, die seine innere Organisation, seine Vorzüge, wie Gebrechen am genauesten kennt, das Directorat übernehmen werde. Das wäre nach dem Stande der Dinge wohl auch das Natürlichste gewesen. Eine allgemeine Norm, wie ein jüdisches Seminar organisirt sein muß, giebt es nicht; die Breslauer Anstalt war die erste derartige nach eigenstem Plane eingerichtete. Dieser Plan hat bei großen Vorzügen gewiß auch seine Gebrechen, aber er hat sich denn doch durch 23 Jahre lebensfähig gezeigt und nach diesem Plane sind mehr als 50 Rabbiner in Gemeinden Deutschlands angestellt worden; eine Approbation, die bei dem Mangel an Einheit in der religiösen Organisation durchaus nicht zu unterschätzen ist. Diesen Plan wird aber durchaus nicht jeder Nachfolger Frankels billigen können. Jeder von Außen in die Anstalt Berufene wird lange mit sich, mit seinem Einleben in das Vorhandene oder mit der Umschafsung deffelben zu thun haben, und die Schüler der Anstalt können sich hierbei nicht wohl befinden. Doch scheint diese natürliche Idee an der religiösen Richtung des betreffenden Mannes zu scheitern. Man glaubt eben, daß der Director der Talmudlehrer, der Talmudlehrer Lamdan und der Lamdan orthodox sein müsse. Ich habe im Vorangegangenen nur ganz allgemein einige Punkte in der beregten wichtigen Frage beleuchtet und werde auf geschehene Anregung Einzelnes noch genauer detailliren. V—s.

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