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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-23 · Heft 13 (23.3.1875) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 13 (23.3.1875)
Date
1875-03-23
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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199 nach den Impulsen geschätzt wird, nach ven geistigen und sittlichen Impulsen, welche sie ihren Trägern zu geben vermögen. Zeigt es sich doch, daß Orthodoxie und Conservatismus durchaus nicht daffelbe sind, wenn die Wortführer jener das dauerhafteste Institut des Judenthums, die Gemeinde zersprengen, ihre Gegner diese conferviren wollen. — Auf dem Gebiete des religiösen Geistes aber werden am lebhaftesten unsre Hoffnungen für die Zukunft des Judenthums geweckt. Gerade die Kämpfe, die, wie wir sahen, auf kirchlichem, religiösen und religionsphilosophischem Felde mit immer größerer Heftigkeit und Entschiedenheit geführt werden, gerade die Gegensätze, die überall hervortreten; die Nacktheit, mit welcher die der Vernunft und der viertausendjährigen Geistesarbeit der Menschheit widerstrebenden Glaubenssätze und Philosopheme in extremster Weise aufgestellt werden, sichern dem Judenthume eine bedeutende Zukunft für seine Bekenner sowohl als auch für die gesammte ringende Menschheit. Der Jude, der sich auf dem Boden feiner Religion eine Ueberzeugung erworben har, sieht sich vor allen Schwankungen und Widersprüchen sicher gestellt, und da die Zeit des Verkleidens, Verhüllens, Verschweigens vorüber ist, da jede Partei ihre Fahne und ihren Wahlspruch entschieden darbietet, wird er sich nicht verlockt fühlen, von dem festen Grunde seiner Religion zu weichen; ebenso wie mitten unter allen diesen Wirren schließlich das Judenlhum allein einen Gedankeninhalt darbietet, der mit der Geschichte der Menschheit, mit dem Verstände und dem Herzen übereinstimmt. Die Kraft solches Geistes aber weckt und stärkt die Treue und Anhänglichkeit immer von Neuem, ermuntert zu immer neuer Opferwilligkeit und fördert die wahrhafte Propaganda, die das Recht und die Wahrheit durch sich selbst siegen macht. Bei Bettachtung und Beurtheilung großer Genoffenschaften muß, will man nicht irre gehen, von den Individuen, sowie von der Sttömung irgend einer beschränkten Zeitspanne abgesehen, und nur die Gesammtheit, wie sie sich zu ihrem Zwecke und ihrer Aufgabe verhält, in Erwägung gezogen werden. Und da können wir unsrer Glaubensgenoffenschaft nur nachsagen, Laß sie das letzte halbe Jahrhundert in großem und rühmlichen Maße verwendet und bedeutende Schritte auf dem Wege des lebendigen Geistes gethan hat. Wir können daher auch mit besten Hoffnungen in die Zukunft sehen, gewiß, daß. jemehr das Gebiet der religiösen Ueberzeugung in scharfer und inniger Auffassung bearbeitet wttd, das Judenthum auch diejenige festere Gestaltung erlangen werde, welche aus der Entwickelung des letzten Zeitraums und deren Kämpfen hervorgehen wird. Stteben wir und wir werden erreichen. Die Mederbesehrmg -es Directorats am jüdischtheologischen Seminar zu Lreslau. Aus S. B. 10. März 1 87 4. Dem Leichenwagen des verewigten Seminardir. Dr. Z. Frankel folgten über dreißig Rabbiuen, die aus dem Seminar hervorgegangen sind, eben so viele Schüler, die die Anstalt noch besuchen, gingen hinter denselben. Schon diese beiden Zahlen beweisen hinlänglich, welchen Einfluß das Seminar auf die Besetzung der Rabbinerstellen in Deutschland und Oesterreich übt und üben wird. Bei der materialistischen Richtung unserer Zeit widmen sich nur sehr wenige junge Leute dem dornenvollen Pfade der Theologie überhaupt, und die Stellung des jüdischen Theologen ist gewiß noch viel weniger geeignet, materielle Anziehungskraft zu üben. Dazu kommt, daß die Berliner Hochschule und das Breslauer Seminar eine wissenschaftliche Vorbildung verlangen, während die orthdoxe -nennen wir das Ding beim rechten Namen — Jeschiwa jedem Bachur mit dem mangelhaftesten Borwiffen offen steht. Das jüdisch-theologische Seminar in Breslau hat aber bis jetzt vor der Berliner Hochschule den practischen Vorzug, daß seine materielle Existenz für alle Zeiten gesichert ist, daß selbst für seine Hörer durch eine große Zahl von Stipendien gesorgt ist, die sie wenigstens vor der schlimmsten Noth schützen. Die dem Seminar von den verschiedensten Seiten zugewendeten Stipendienfonds haben die Höhe von 25,000 Thlr. überstiegen, ein wechselseitiger Darlehenfonds wirkt auch sehr wohlthätig. für das materielle Wohl des Seminars ist also hinlänglich gesorgt. Die Anstalt muß also fortbestehen können, wenn die Leistungen derselben das Vertrauen der Gemeinden erhalten und die Leitung eine derartige ist, daß man auf den Zufluß von Eleven rechnen In seiner obersten Leitung, d. h. nicht nur in der Verwaltung, sondern in der einzig giltigen Instanz, für die ideelle Führung und Einrichtung, untersteht das Seminar dem Curatorium der Fränkel'schen Stiftungen, aus deren Mitteln es erhalten In diesem Umstande scheint uns schon ein kleiner Fehler zu liegen. Die Leitung einer so eminent wichtigen Anstalt ist keine reine Geldangelegenheit, und Männer, die erblich oder testamentlich, wie dies statutengemäß der Fall ist, zu Curatoren ernannt sind, können wohl Darlehensinstitute, Wohlrhätigkeitsanst'alten und Künstlerstipendien sehr trefflich verwalten, brauchen aber keine Idee davon zu haben, welche Eigenschaften einen guten Seminardirector machen. Schon der erste Schritt, der in Angelegenheit der Directoratswiederbesetzung gemacht wurde, muß als ein solcher ksux pas bezeichnet werden. Kein Mensch, der die Berhältniffe irgendwie kennt, wird daran denken, daß der zum vorläufigen Talmudlehren ernannte Rabbi Kornfeld für die Directorstelle in's Auge gefaßt sei. Ja dieser feine und bescheidene Mann hat sogar das Lehrproviforium abgelehnt. Aber wie konnte das Curatorium auf die Idee kommen, das Talmudlehrfach einem Lamdan nach altem Schrot und Korn zu übergeben? Frankel mit seinem ausgebreiteten Wissen, mit seiner feinen classischen Bildung, aber nur er konnte es unternehmen, in einer modernen Anstalt den Talmud nach althergebrachter Weise vorzutragen oder vielmehr zu discutiren; 13*

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