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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-23 · Heft 13 (23.3.1875) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 13 (23.3.1875)
Date
1875-03-23
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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Richtungen innerhalb der Religionsgenossenschaften so offen und entschieden auftraten und miteinander rangen. Wenn dies Alles ohne religiöses Bewußtsein und Berürfniß geschehen soll, wenn trotzdem der religiöse Jndifferentismus allgemein sein und überall die Oberhand haben soll, so muffen wir gestehen, wir begreifen dies nicht. Man offne nur irgend ein Tagesblatt, man blicke in die literarischen Erzeugniffe, die nicht etwa einem bestimmten Fache angehkren, und man wird sehen, daß Alles von diesen kirchlichen, religiösen und religionsphilosophischen Fragen angefüllt ist. Dies zeugt doch wohl unwiderleglich von der tiefen religiösen Bewegung unsrer Zeit. Doch sprechen wir blos von unsrem Judenthume. Dies bietet allerdings jetzt einen ganz anderen Anblick, als wie es sich bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts hinfchleppte: Damals wurden die überkommenen Satzungen und Bräuche bis zum kleinsten örtlichen Minhag aufs Strengste in Synagoge und Haus beobachtet, und obgleich schon damals in vielen Geistern die unerschütterliche Anhänglichkeit an denselben sehr gelockert war, hing doch das Volk mit seiner ganzen Anschauung und Liebe, noch mehr mit seiner Furcht an ihnen; die Synagogen waren Morgens und Abends gefüllt und der Unterricht der Jugend beschrankte sich auf Bibel und Talmud. Wir brauchen nicht zu schildern, wie ganz anders es jetzt ist. Aber war denn dieser Zustand haltbar? Bis dahin kannten die Juden nur zwei Lebensintereffen: Religion und Erwerb. Hiermit war ihr Leben abgeschloffen. Wer war es aber, in welchem der Drang nach anderen Zuständen erwachte? Das jüdische Volk selbst. Seine Abgesandten standen bereits vor der ersten constituirenden französischen Nationalversammlung» um die Befreiung von seinem Joche, um das Bürgerrecht zu verlangen, abgesehen davon, daß schon lange Zeit vorher jüdische Männer es öffentlich gefordert, wie Menaffe ben Israel und Mendelssohn. Es war keine Neuerungssucht, sondern ein echter Selbsterhaltungstrieb,'wie er so recht im Jnstincte des Volkes lebt. Unter den durchaus veränderten Weltzuständen wären die Juden, falls sie in ihrem geistigen, politischen und bürgerlichen Ghetto zurückgeblieben waren, sicherer verfallen und untergegangen als unter den drückendsten und blutigsten Verfolgungen. Wir haben es schon wiederholt gesagt, eS war dieser Wandel in den Juden ebenso ein Werk der Vorsehung wie die Zerstreuung nach dem Falle Jerusalems. Es traten nunmehr noch ganz andere Jntereffen in das Leben -der Juden ein, das Jntereffe ausgedehnter profaner Bildung und Wiffenschaft, für welche die Jugend in völlig veränderter Weise erzogen und unterrichtet werden mußte, das Jntereffe an Staat und Stadt, an Menschheit und Vaterland, der Eintritt in die Heere, die Eingliederung in das gesammte bürgerliche und industrielle Leben, selbst die Bedingungen des Handels wurden ganz andere. Die Umwandelung des jüdischen Lebens ward hiermit eine Naturnothwendigkeit. Aber wir haben noch eine andere Zeit in der Erinnerung. Männer, die wie wir ein halbes Jahrhundert mit Bewußtsein zurückblicken, gedenken der damaligen Zustände sehr wohl. Aller Orten kleine vernachlässigte, verfallene Synagogen, die — wir sprechen von den civilisirten Ländern — nur von einer kleinen constanten Anzahl besucht wurden, und wenn sie an den hohen Feiertagen angefüllt waren, gingen die Besucher, ohne berührt, angeregt und erbaut zu fein, nach Hause, um im nächsten Augenblicke daran vergeffen zu haben. Die Gemeinden mißachtet, verwahrlost, unorganisirt. Der Gottesdienst geistlos und tumultuarisch, selbst Gemeinden wie Berlin, Wien, Frankfurt am Main hatten noch lange keine Prediger. Der Hamburger Tempel war erstanden, aber wie klein war seine Gemeinde, und wie kalt und abwehrend verhielten die Gemeinden sich noch dagegen. Nur wenige Gemeinden hatten noch eben ihre alten Rabbiner, die bei aller persönlichen Achtung unbeachtet und ohne alle Wirksamkeit lebte». Der religiöse Unterricht lag vollständig rarnieder, kaum noch etwas nach dem alten Schlendrian war von ihm übrig geblieben. Die alten Jeschiboth waren verlaffen, Bildunzsanstalten für Lehrer und Rabbiner gab es nicht. In der Mehrzahl der jüdischen Häuser wurden zwar noch die Satzungen beobachtet, aber nur aus Gewohnheit, und schon vielfach angezweifelt und durchlöchert. Bon jüdischer Literatur, von jüdischer Preffe keine Spur. Der bekannte Verein in Berlin für Wiffenschaft des Judenthums war nach kurzem Leben wieder erloschen. Selbst die Schulliteratur machte eben nach den früheren Versuchen von Moses Philippson ihre ersten Schritte durch Peter Beer und Johlson. Nicht eine einzige jüdische Bibelübersetzung gab es außer den 5 Büchern Moses von Mendelssohn (dessen Psalmen und Hoheslied waren nicht verbreitet). So war die Zeit vor fünfzig Jahren beschaffen — und nun vergleiche man die Gegenwart, um noch über die ttostlose Lage der Religion sprechen zu können. Welche Fülle von schöpferischer Kraft bewahrte sich für vas Judenthum in diesen letzten fünf Jahrzehnten, und zwar nicht in einzelnen Geistern, sondern vielmehr darin, daß die gesammte Masse fortbewegt ward! Was sich in allen diesen Werken bethatigt, und was die Hauptsache, das ist: daß der Geist des Judenthums erwacht ist, sich kräftig entfaltet, wirksam und seiner bewußt geworden, seiner Geschichte und seiner Mission für seine Bekenner, wie für die Menschheit. Vergebens will dies die sg. Orthodoxie leugnen, vergebens das Hauptgewicht in dem Bestände und der Energie der Religion auf die unbedingte Beachtung überkommener Formen legen. Dies reicht nur aus einer Zeit, wo der menschliche Geist lediglich am Formalen hängt oder nur eine kurze Periode des Aufschwungs durchlebt. Wehe aber einer historischen Erscheinung, die sich mit den hergebrachte» Formen, aus denen der Geist gewichen. auch dann noch begnügen will, wenn der Geist in der menschlichen Gesammtheit überall die Schalen durchbrochen und sich als das wesentliche Leben zur Herrschaft gebracht hat, wenn der Werth der Dinge und die Dauerhaftigkeit des Bestandes

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