Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1875)
- Date
- 1875-03-16
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
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192 einen Ort der Unterhaltung und Belustigung angesehen werden kann, wie hat man heut so vergnügliche Stunden verbracht! Es ist auch eine gar zu schöne Sache, um das „Anhören der Rolle", zumal wenn man sich dabei nicht so mäuschenstill verhalten muß, wie man es heutzutage von den Kindern verlangt. Ja, damals hatten sie noch volle Acrionsfreiheit, die lieben Kleinen; kein Verbot mürrischer Fortschrittler setzte den Ausbrüchen der kindlichen Freude einen Dampfer an. und so standen sie, wie zum Kampf gerüstet, mit dem sausenden, schmetternden „Gregors", mit Stöcken und gut beschlagenen Stiefelchen eine feste Phalanx bildend, und mit gespanntem Ohre auf die Namensverlesung des Stammvaters aller Judenfeinde, Hamans I., lauschend, welcher Lurch diesen ganzen Kriegsapparat symbolisch todtgeschlagen werden soll. Mit schlechtverhehlter Ungeduld hören sie der Ablesung der ersten Kapitel zu, in welchen der so verhaßte, liebe Name nicht ein einziges Mal vorkommt. Endlich ertönt es aus dem Munde des Vorlesers, das so sehnsuchtsvoll erwartete Wort, und wird von einem weit erdröhnenden, schmetternden Tusch begrüßt, und abermals und abermals erschallt es „Haman", und jedesmal erfolgt eine Salve, bis die Erzählung an jenem Momente anlangt. wo die zehn Söhne des graulichen Bösewichts aufgezählt werden; nun kennt die kindliche Freude keine Grenzen mehr, die Pulse stürmen, die Augen funkeln, ein glühendes Roth übergießt die zarten Wänglein, und gleich den Pumpen eines vom Untergänge bedrohten Schiffes werden die „Gregors" aus vollen Leibeskräften bearbeitet. Welch eine Lust ist es, den Kindern in diesem Augenblicke zuzusehen'. Man fühlt sich fast versucht, es dem „Talmud" übel zu nehmen, der es verordnet, daß diese Stelle in so raschem Tempo, oder vielmehr in „einem Athemzuge", wie der Ausdruck wörtlich lautet, vorgettagen werden soll, wodurch den Kleinen ihre Freude allzusehr geschmälert wird. Wären die Kinder ernster Reflexionen fähig — und glücklich für sie, daß sie es nicht sind! — so könnten sie daran die Betrachtung knüpfen, wie vergänglich alle Freuden des irdischen Lebens sind, wie rasch und kaum genoffen jede Lust hienieden verschwindet! Doch lassen wir für jetzt die frohen Kleinen ihr strenges Vehmgericht über das Andenken jener Söhne des Wüthrichs halten, und sehen wir uns nochmals ein wenig in den Straßen um, die immer mehr und mehr jenes ganz speciell-purimliche Aussehen gewinnen. Aus allen Ecken und Enden sieht man in hastigem Schritt gutgelaunte, mitunter etwas angeheiterte „Schelauach-monot-Träger", eine oder mehrere Flaschen Wein unter rem einen und einen silbernen Korb voll Früchten und Süßigkeiten unter dem andern Arm, die Kreuz und die Quer dahineilen, und die zierlichen rothen, seidenen Tücher, womit die Delicateffen bedeckt sind, flattern wie die Siegesfahnen vom Winde bewegt umher. Gar stolz und majestätisch wiegt einer dieser Götterboten das Haupt, denn ihm ist keine gewöhnliche alltägliche Mission zu Theil worden; ist doch der „Schelauach-Monot", der seinen Händen anverttaut ist, nichts Geringeres, als die imposanten Purimgeschenke eines „Mechutans" an den Angelobten seines theuern Töchterleins! Aber auch die andern Collegen, denen kein so glänzendes Loos beschieden, wandern vergnüglich ihres Weges, trällern auch wohl ein klein Liedchen vor sich hin; denn sie fühlen sich aus der Höhe ihrer Situation. Auch der „Rabbi", sonst so streng und unwirrsch, ist heute besonders mild und zuvorkommend und schickt zuerst seinem Schüler ein kleines Angebinde. Gewöhnlich ist es ein winziges, wenige Strophen enthaltendes Gedichtlein, das sich in den Fallen eines aus vielen Arabesken und Schnörkeln gebildeten Monogramms versteckt, oder wohl gar eine kleine, zum Purimfeste in naher Beziehung stehende talmudische Dissertation; doch dieses Mal bei Leibe! kein ernster „Pilpul" vom schweren Kaliber, sondern ein duftiges, buntes Blumensträußchen aus dem herrlichen Zaubergarten der „Hagada" gewunden. Und der Knabe freut sich herzlich ob dieses Geschenkes; aber noch viel vergnügter ist der„Rabbi" über die blanken, harten Silbergulven, die der Vater als Gegengeschenk zurücksolgen läßt, und nicht minder die „Rebezin" über daS imposante appetitliche Stück marinirten Karpfens mit Lorbeerblättern und Citronenscheiben hübsch belegt, welches die Mutter als Separatbeilage der Geldsendung hinzufügt. Auch an manchem Carnevalsscherz, een man sich heute gern gefallen läßt, fehlt es nicht. So erlaubt sich ein lustiger Spaßvogel einem intimen Freunde, statt der zu erwartenden guten Flasche Tokajer, eine wohlversiegelte Flasche — Dinte zu übersenden, und dieser schickt, den Scherz gewahr werdend, in gleicher froher Laune, in reichverziertem goldenen Korbe, mit kostbarem seidenen Tuche bedeckt, ein ansehnliches Quantum — Galläpfel Das Purimfest war auch von jeher das einzige in der Reihe der jüdischen Feiertage, zu dem auch die Musen ihre Gaben spenden dursten, besonders wurden die edlen Genüsse der Euterpe in reichlichem Maße gekostet, aber auch die fröhliche Thalia war der Feier stets fteundlich gewogen. Allerdings mochten es nichts weniger als eminente Künstler gewesen sein, die den Ahasverus, den Haman und Mardachai gaben, ja wir können sogar mit Bestimmtheit annehmen, daß wären schon damals auch hierzulande die Localblätter in solchen Schwünge gewesen, wie sie es jetzt sind, und hätte der Theaterrecensent über die Productionen unserer Lewinski's, Sonnenthals zu berichten gehabt, so würde es manche scharfe Rüge, manchen derben Schlbag mit der Peitsche der Kritik abgesetzt haben. Wie es aber um den künstlerischen Werth dieser Purimfpiele bestellt sein mochte, den Zweck haben sie gewiß erreicht, Lust und Fröhlichkeit zu verbreiten. Vielleicht denkt noch jetzt mancher schlichte Bürger, der längst seinen langen Talar gegen den kurzen modernen Rock vertauscht und nun zur fashionablen Welt gehörend, im Theater sitzen und Offenbach'sche Operetten oder gar Wagnerische Zukunftsmusik anhören muß, bei sich im Stillen: „ach es waren doch gemüthlichere Tage, als du