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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-16 · Heft 12 (16.3.1875) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 12 (16.3.1875)
Date
1875-03-16
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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19t einem rochen Schnupftuch in der Hand zu Paaren Almosen sammelnd, ab- und Zuströmen und welchen „Gaboimlech" in Bezug aus die zweckmäßige Verwendung der veranstalteten Sammlungen die Mutter nicht recht trauen will, erhalten, von einem wohlwollenden Lächeln begleitet, sein kleines Schärslein. Jetzt holt er auch aus dem Bücherschrank die Pergamentrolle, worin eie denkwürdigen Ereignisse dieses Tages in einfach — erhabener, bezaubernder Sprache verzeichnet sind, hervor, wischt sorgfältig den Staub, der sich das ganze Jahr daraus gehäuft, ab, und legt sie zur Benützung am Festtage bei Seite. Bald aber haben sich die kleinen Kinder ihrer bemächtigt, und da dem Kinde alles zur Kurzweil dient und der jüdische Knabe besonders so eng in den Kreis seiner religiösen Beschäftigungen gebannt ist, daß er selbst seinen Zeitvertreib und seine Spiele darin suchen muß, so rollen sie sie rasch mit großer Fertigkeit zu einem langen Spieß aus und führen nun, damit fechtend, ein ritterliches Turnier aus. In viel ernsterer Beschäftigung begriffen, sitzen in einem andern Zimmer zwei ältere Knaben vor einem mit allerhand Schreib- und Zeichenrequisiten bedeckten Tische, und was mag wohl das kleine runde Stückchen Papier oder Pergament in der Größe eines Drei, groschenstückes sein, worüber der jüngere der Knaben tiesgebückt sitzt und so winzig kleine, kaum mit bloßem Auge wahrnehmbare, aber ungemein zierliche und saubere Charaktere hinmalt? Sollte man die Ausgabe, die er sich gestellt, und die in nichts Geringerm besteht, als in der wortgetreuen Abschrift der „Megulot". die in ihrer breiten, orientalischen Erzählungsweise in jener großen Pergamentrolle, die soeben im anstoßenden Zimmer in eine Lanze metamorphosirt worden, enthalten ist, aus riesen winzigen Raum wohl für ausführbar halten? Und doch bringt er dieses Kunstwerk mit der dem jüdischen Knaben angeborenen Zähigkeit und Ausdauer glücklich zu Stande, zur größten Freude seiner Eltern, die er am Purim damit überrascht und die es triumphirend, mit leicht verzeihlichem elterlichen Stolze, allen Freunden und Bekannten vorzeigen. — Vor dem altern Knaben liegt ein großes hebräisches Gedicht, zur Verherrlichung dieses Festes von ihm verfaßt, ein Epos, das in schönen wohlklingenden Reimen, aber in etwas zu hyperbolischen Bildern, die Heldenthaten Mardachai's und Esthers besingt, und das ebenfalls bestimmt ist, seinem Vater überreicht, von diesen „Kennern" gezeigt und von letztern zuerst mit einer ganzen Lava von Lobeserhebungen überschüttet zu werden, woraus sie aber bald an dem grammatischen Bau der Sätze, an dem Genus irgend eines Hauptwortes oder an dem in den Versen vorherrschenden Silbenmaße ein wenig zu nörgeln und zu kritteln sich den Triumph nicht versagen können. Mit verklärter Miene und mit einem holden Lächeln, das seine Autorfteude bekundet, blickt er auf das vollendete Werk seines Genius, woran er noch die letzte Politur vornimmt, damit die Verse glatt und eben dahinfließen, wie er es von seinem großen Meister Weffely gewohnt ist, dem er — fürwahr,! kein schlechtgewählies Vorbild! — nachzustreben sich Mühe giebt. Noch denkt er über einen passenden Bibelvers nach, der, aus das Tagesereigniß Bezug habend, zugleich genau die Jahreszahl nach dem ziffermäßigen Werth rer einzelnen Buchstaben anzeige, um riesen seinem Gedichte als sinnreiches Datum beizusetzen. Auch dazu verhilsr ihm ein wenig Erfindungsgabe und die Gewandtheit, womit er überall in den weiten Hallen der Bibel Bescheid weiß. Bald hat er den Satz glücklich gefunden, nur noch eine kleine Mcdisication, und freudig „zahlt er die Häupter seiner Lieben, und sieh', ihm fehlt kein lheueres Haupt". Und nun ist es endlich da, das holre Fest, und breiter seinen Zauberschleier über jede Wohnung, jede Hütte, die unter ihrem Dache eine jüdische Familie beherbergt, aus; Frenre malt sich aus jedem Gesichte, in allen Mienen ist Lust und Heiterkeit zu lesen, unv selbst ernste fromme Männer, denen das ganze Jahr alles, was Scher; und Frohsinn heißt, ein Dorn im Auge ist, sitzen heute vergnügt und fröhlich beim schäumenden Becher, sprechen wacker den köstlichen Speisen zu, die heute in reicher Fülle und Auswahl aus rer Tafel prangen, und würzen die Bisten durch lustige Einfälle, glückliche Cilare und geistreiche „gleiche Wörtlech", die wie schimmernde Raketen herüber und hinüber fliegen. Unendlich glücklicher aber und in wahrer Wonne und Seligkeit schwimmend, fühlt sich die Jugend, besonders die muntern Knaben, die mit dem Empfangen und Versenden der Purimgeschenke, mit dem Einkauf alles des süßen, niedlichen Zuckerbackwerkes, ras in bunter Mannigfaltigkeit und in so riesenhafter Menge auf Tischen und Gestellen in den Straßen seilgeboren wird, die Hände vollauf zu thun haben. Da kommen zuerst die obligaten „Hamanstaschen", die schön candirt, in allen möglichen Farben und Formen Einen gar verlockend anblicken, hier liegen zierliche Puppen aus Mehl und Zucker, reich herausftaffirt, hier niedliche Thierchen hübsch nachgebildet: kleine Sckäflein, Hündchen, Kätzchen, hier ein kleines Pfeifchen aus Zucker, und hier em Paar wunderschöner Pantöffelchen, und da ein winziges Cylinderchen mit Krämpe und Band, wie es für Freund „Däumling" im deutschen Märchen wohl paffen möchte. Und selbst die fünf Bücher der Bibel, die dem Kinde doch so viele saure Mühe machen, und deren hohen, unvergleichlichen Werth man erst nach vielen überstanvenen Prügeln und sonstigen Mißlichkeiten zu schätzen unv zu würdigen lernt, selbst diese schauen hier in seltener Miniaturausgabe und aus eitel Zucker und Mehl so holdlächelnd aus der fabelhasten Menge der verschiedenen Spielzeuge hervor. Und von Allem wird das Schönste herausgesucht und ohne viel zu mäkeln rasch gekauft, denn Taschengeld hat man heute die Hülle und Fülle; spendet es der Pater nicht reichlich, so legt wohl die Mutter ein paar harte Kupfer- oder Silberslücke hinzu, und thut es diese nicht, so findet sich schon eine gutherzige Tante oder ein freundlich zugethaner Onkel, der die Taschen mit dem nöthigen Zehrpfennig versieht. Selbst im Bethause, das sonst für nichts weniger als für 12*

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