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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-16 · Heft 12 (16.3.1875) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 12 (16.3.1875)
Date
1875-03-16
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 ihr Selbstgefühl wiedergeben und es ermöglichen, das Feld zu Und den Herrscher eines solchen Landes hat man auf seiner einer geistigen Cultur dieser unglücklichen Bevölkerung vorzube- Reise durch Europa aller Orlen mit Huldigungen umgeben! Feuilleton. Das purimfeü in der guten, alten Zeit. Bon S. N. Ntargalies in Brody. Lieben Freunde! es gab schönere Zeiten, Als die uniern, das ist nicht zu streiten! Schiller. Nur wenige Tage trennen uns von dem Purimfeste, dem schönen, lieblichen Veilchen, dem Blümchen Wunderhold in dem Kranze der jüdischen Feiertage, und Wehmuth will uns fast beschleichen, wenn wir daran denken, welcher schöner Zauber es einst umgab, wie gemüthlich, wie vergnüglich es gefeiert wurde, und wie es jetzt zum bloßen Schemen von dem, was es war, herabzesunken ist. Was weiß auch unsere kalte, nüchterne Zeit von den behaglichen Freuden eines solchen Festes; selbst die frommsten Leute behandeln es jetzt mit ziemlicher Gleichgiltigkeit, und wenn sie auch noch in herkömmlicher Weise -an ein paar Freunde ihren „Schelauach monoth" schicken, ihre „Hamanstaschen" verzehren und sich wohl auch einen kleinen Haarbeutel antrinken, der poetische Duft, die innere Weihe fehlt doch jetzt der Feier ganz und gar. Aber noch lebst du, du bolde Prinzessin Purim in dem Glanze deiner verblichenen Schönheit und Pracht, nicht nur in der Erinnerung steinalter Mütterchen, sondern auch im Gedächtnisse eines viel jüngern Geschlechts, zu dem auch Schreiber dieses zahlt und der es versuchen will mit seiner schwachen Feder für die freundlichen Leser dieses Blattes ein Bild von dem zu zeichnen, was du noch vor kaum zwei Decennien in seinem Heimathslande warst. — Umschwebt mich, ihr einst genossenen Freuden des herrlichen Purimsestes, die ihr mich aus meiner Kindheit so freundlich anlächelt und gießet über meine Schilderung den süßen Duft, der mir aus euern zierlichen Blumenkelchen entgegenweht, aus, daß wer einen Sinn für solche gemüthliche, stille Freuden hat, sich daran labe und die prosaische, trockene Gegenwart mit dem warmen, milden Hauch jener entschwundenen Zeit vergleichend, mit uns die Werte des großen Dichters, die wir uns an die Spitze unseres Feuilletons zu setzen erkühnten, unterschreibe und ausrufe: „Lieben Freunde! es gab schönere Zeiten als die unsere, das ist nicht zu streiten!" Schon mehrere Tage zuvor, ehe das Purimsest feinen fröhlichen Einzug hielt, pflegte die wohlhabende, vorsorgliche Hausfrau für die feierliche Begehung deffelben ihre Vorkehrungen zu treffen, deren Schwerpunkt in der maffenhaften Zubereitung jenes unter dem Namen „Hamanstaschen" bekannten Backwerks liegt, deffen Entstehen und Ursprung, wie uns daucht, von den Gelehrten noch nicht genug erforscht worden ist, welches sich aber Gelehrte und Ungelehrte nichtsdestoweniger wohl schmecken laffen. Aus Mehl, Zucker oder Honig und verschiedenen Confituren bereitet, bildet es eine jener wohlschmeckenden Delicateffen, deren ErfindungSpatent ausschließlich den jüdischen Frauen zukommt, und welche von Heine, der dem „Schalet" in seinen Liedern ein Denkmal begeisterten Lobes errichtet, diesem gewiß würdig zur Seite gestellt worden wäre, hätte er „Hamanstaschen" je gegeffen. Hier thront sie nun, die gute Hausfrau, in dem Reiche, wo sie unbeschrankte Herrscherin ist, in den weiten Küchenräumen, von der Schaar ihrer Kinder umgeben, die vor Freude, dieser angenehmen Beschäftigung zuschauen zu dürfen und im Vorgenuffe der zu kostenden Süßigkeit, laut aufjubeln. Die reinliche weiße Schürze umgebunden, die Aermel hinaufgerollt, Selbstzufriedenheit und feierlichen Ernst in ihren Mienen, empfängt sie, mit dem „Zwickerl" gerüstet, aus der Hand der geschäftigen Dienstboten ganze Ladungen in eisernen Becken dicht aneinander gereihter „Hamanstaschen", denen sie durch dieses feierliche „Abzwicken" den Stempel der Vollendung aufdrückt und so erst denselben die eigentliche Weihe verleiht. Welche Bedeutung hat das „Zwickerl"? Vermeint die brave jüdische Patriotin vielleicht durch dieses symbolische Stechen und Zwicken der Erzfeindin ihres Stammes, der bösen Frau „Seresch", die vor so vielen Jahren ihren Vorfahren so großes Herzeleid bereitete, Stiche unv Hiebe zu versetzen, oder liegt vielleicht ein tiefes, gewichtiges, culinarisckes Geheimniß darin verborgen? Genug, sie arbeitet vamit wacker, malt zierliche Schnörkeln auf der Oberfläche des Backwerks, wobei sie getreu den Worten des Dichters, „wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fori", mit behaglicher Geschwätzigkeit herrliche Reminiscenzen aus ihrer Jugendzeit zu Lust und Kurzweil ihrer Zuhörer mittheilt, oder mit inrereffanten Ueberlieferungen aus dem Munde ihrer Mutter und Großmutter, wobei die „Hamanstaschen" immer die Hauptfigur spielen, die Unterhaltung würzt. So die Thätigkeit der Mutter. Auch der Hausvater ist schon einige Tage zuvor mit kleinen Vorbereitungen zum Purimfeste beschäftigt. Da werden von ihm mit stillem Ernst in den vielen Behältern seines Geldschrankes große Rollen Kupfer- und wohl auch kleiner Silbermünzen angesammelt, womit er die vielen Armen seines Ortes, je nach Rang und Stand, je nachdem es bloß ein gewöhnlicher, simpler, oder ein „schöner armer Mann" ist, zu beschenken gedenkt. Denn wiewohl auch das ganze Jahr den Armen und Nothleivenden seine Thür nicht verschloffen bleibt, so spendet er an diesem Tage mit besonderer Herzlichkeit die milden Gaben, keiner geht von ihm mit leeren Händen aus, und selbst die kleinen Jungen, die mit

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