Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1875)
- Date
- 1875-03-16
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
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187 Breslau, 16. Februar. (Privatm.) *- Es versteht sich von selbst, daß der Verlust Frankel's als Seminardircctor, so schmerzlich er auch gefühlt wird, dennoch ohne Zerrüttung des Bestehenden wieder ersetzt werden wird. Die Form bleibt sicherlich gewahrt, ob auch der herrschende Geist, das steht in Frage. Wer wird nach ihm erstehn, gleich groß als Talmudist und gleich durchdrungen von der Kennlniß und dem Geiste der griechischen, römischen und modernen Classiker; wer wird gleich ihm Len rastlosen Fleiß des Forschens mit dem kühnen Geistesschwung des Philosophen in sich vereinen; wer endlich wird gleich ihm mit der Pietät für alle bestehenden Formen und Gebrauche, das stolze Gefühl für die Ehre und Gleichberechtigung der Juden in sich wahren und nach außen zur Geltung bringen? Aber indem wir diese Borzüge an dem großen Todten bewundern, würden wir uns doch trösten, wenn sein 'Rachfolger keine solche wissenschaftliche Größe wäre, aber begeistert für die Idee des Fortschrittes im Judenthume. Denn so wenig wie ein großer Historiker deshalb ein guter Staatsmann ist, weil dieser die Geschichte genau kennen muß, so wenig ferner derjenige sicher ein guter Arzt ist, der in der Geschichte der Medicin am bedeutendsten ist, ebensowenig ist der größte Talmudist am geeignetsten zur Fortentwicklung des Judenlhums. Und Reformen sind unbedingt nothwendig. Das Judenlhum kann und will sich dem mächtigen Drang der 'Rationen nach Zurücksührung der bestehenden Religionen zu ihrer ursprünglichen Reinheit und Idealität nicht entgegenstämmen. Aber hierzu genügt es nicht, wie es bisher in der Richtung des hiesigen Seminars lag, nur der geistigen Entwicklung der Einzelnen freien Raum zu lassen, sondern auch die äußere Form, das Rituell, die Lebeuseinrichtungen müssen dementsprechend zu ihrer ursprünglichen Reinheit und Freiheit zurückgeführt werden, weil nur hierdurch der Fortschritt auch das Volk durchdringt. Andernfalls bleibt die bisherige Disharmonie zwischen Denken und Handeln bestehen, welche so viele zum Aufgeben ihres Rabbinerberuss veranlaßt, und die Bildungsschule der religiösen Leiter bleibt zurück hinter dem Entwicklungsgang der Gemeinden. Will das Seminar die Führerschaft des deutschen Judenthums behalten, so schreibe es aus seine Fahne: Freie Wissenschaft, Abschaffung veralteter, unschöner Gebräuche, Einrichtung des rituellen Lebens entsprechend unserm heutigen Cultuszustand, Duldung und Anschluß an die anderen Confessionen, denn jetzt, wo fast alle Staaten unsere politische und sociale Gleichberechtigung anerkannt haben, müssen wir in die dargereichte Hand zur Verbrüderung am besten für größere Mittelgemeinden. In kleineren stößt dicie Abschätzungsweise zu leicht auf Persönlichkeiten oder werden solche bei ihr vorausgesetzt. In sehr großen Gemeinden dagegen ist die Personalkenntnitz nicht genügend;n erlangen. Die Redaetion. *) Wie wir bereits in einer der vor. Nummern bemerkt haben, werden wir verschiedene Stimmen über das jüdisch-theologische Seminar und seine Zukunft sich vernehmen lassen. Der Gegenstand ist zu bedeutend, um nicht Urlhcitcn und Wünschen den Ausdruck zu gestatten. Redaetion. einschlagen, alles Fremdartige, Unnationale abstreisen, unsere Sonderstellung aufgebend, mitarbeilen an der großen Culturausgabe unsrer Zeit: durch Aufklärung zur Freiheit. Dieses Ziel hat auch der große Todte, dessen irdische Hülle heute zu Grabe getragen wurde, erstrebt, aber sein srietliebendes Wesen trieb ihn nicht zum Kamps gegen die herrschenden Vorurtheile, und durch sein eminentes Wissen und seinen unantastbar reinen Charakter stand er in so allseitiger Verehrung, daß er mit seiner Person auch die schwankende Parleirichrung deckle. Sein Rachfolger aber muß mehr als großer Gelehrter, ein kampfgerüstetcr und kampfmuthiger Reformator fein. Oesteneich-Ungarn. Wien, ini Februar. «Privatmitth.» Der „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten" hat seinen 32. Jahresbericht, und zwar über das Jahr 1S74, veröffentlicht. Gegen das Jahr 1873 hat sich die Zahl der Mnglieder, und deshalb der jährlichen Beiträge, etwas vermindert, letztere betrugen 4SI! fl. gegen 5ü'J4 fl. des Vorjahres; ebenso verminderten sich die Spenden von 420 st. aus 201 fl. Durch die Vermehrung der Zinsen und der Rückvergütungen glich sich dies aus, so daß die Einnahmen 9108 fl. gegen 9003 fl, betrugen. Dahingegen stiegen die Ausgaben von 8027 fl. auf 10,00 l ft., und mußte deshalb der Reservefond um 893 fl. beansprucht werden. Es galt in dem verflossenen Jahre, 353 Zöglinge zu überwachen, ihr physisches und moralisches Wohl zu fördern und zn begründen. Hiervon wurden 120 neu ausgenommen, 5o vollendeten ihre Lehrzeit und wurden in gewohnter Weise ausgestaUet, als Gehilfen abgeschrieben, 38 verließen aus verschiedenen Ursachen das Handwerk, 265 verblieben unter der Obhur des Vereines. Die 50 Gehülsen gehörten 18 verschiedenen Handwerken an. Bei solcher ausdauernden und segensreichen Wirksamkeit kann erwartet werden, daß die Mirgliederzahl, die Spenden und Stiftungen sich bald wieder steigern werden. —. Die „Zweite Israelitische Leopoldstädter Volksküche" hielt in diesen Tagen ihre Generalversammlung. Herr Di-. Ignaz v. Hosmannsthal begrüßte die zahlreiche Versammlung, die größtentheils aus Damen bestand. Hierauf verlas Herr Gustav Simon den Rechenschaftsbericht. Demselben entnehmen wir, daß diese Volksküche nach jüdischem Ritus, die jedoch Jedem zugänglich ist, am 0. October 1874 eröffnet wurde. Bis Ende December wurden 18,389 ganze und 72,540 halbe Portionen und 36,114 Brote verabreicht. Durch Sammlungen :c. erhielt der Verein in runder Summe 9ooofl. Die gezeichneten Jahresbeiträge wiesen 1525 fl. aus. Selbstverständlich folgt der Appell, neue Mitglieder dem Vereine zuzusühren. Frau Julie Schlesinger