Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1875)
- Date
- 1875-03-16
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227027--33377-3303162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
185 und wir werden wahrlich darauf hingewiesen, auch uns eine Ouelle zu eröffnen, die uns bis jetzt keine Nahrung gewährte, während wir sie speisen helfen mußten. Alles dies ist sehr einfach. und Jedermann wird sagen: Dieser Artikel hat ganz Recht. Aber man fuge nur nicht hinzu: warum tritt der und der nicht auf? Nein, der Vorstand einer der größern Gemeinden muß die Vorstände der anderen großen Gemeinden zu der oben angedeuteten Berathung auffordern, und eine solche Conserenz wird schon die weiteren Schritte zu thun wissen. Behalten wir nur die Sache im Auge, wenn die Vorstände der größern Gemeinden ihre Pflicht nicht thäten. Berlin, 5. März. (Privatmiltheil.) Die „V. Z." schreibt: „Wir theilten vor einiger Zeit mit, daß der Vertreter des Cultusministers in der Petitionscommission des Abgeordnetenhauses erklärt habe, ein von verschiedenen Seiten beantragter Gesetzentwurf über den Austritt aus einer Synagogengemeinde könne in der lausenden Session nicht mehr vorgelegt werden. Es hat diese Erklärung, wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, darin ihren Grund, daß der Cullusminister eine allgemeine Regelung der Verhältnisse der Juden, unter Berücksichtigung der im Laufe der letzten Jahrzehnte eingetrerenen Bewegung innerhalb des Judenthnms beabsichtigt, welches längere Zeit in Anspruch nimmt. Vor Ausarbeitung eines dahin zielenden Gesetzentwurfs sollen Vertrauensmänner aus jüv. Kreisen zur Abgabe ihrer Meinung anfgesordert werden." Bei solchem ernsten und würdigem Borgehen der Staatsregierung können wir wohl volles Vertrauen auf die Erwägung aller in dieser Angelegenheit mitsprechenden Momente hoffen. — Es ist vielleicht den Lesern erinnerlich, daß — es treten jetzt doch sonderbare Anforderungen, wenn auch aus wissenschaftlichen Motiven an die Regierung heran — das preuß. Cultusministerium anthropologische Untersuchungen in den Schulen angeordnet hat, die sich auf Farbe des Haares, der Haut und der Augen bei Schülern und Schülerinnen beziehen. Im Elsaß sind solche bereits vollzogen worden. Wie man versichert, soll daselbst die angegebene Zahl der braunhaarigen, braunhäutigen und braunäugigen Kinder weit über die Wirklichkeit hinausgehen, weil der französische Patriotismus die Gelegenheit wahrnahm, den französischen Typus als bei Weitem vorherrschend auszugeben. Ueber die angeordnete Untersuchung bemerken wir noch, daß das Schema eine besondere Aufzählung der jüdischen Schüler vorschreibt, deren Zahl jedesmal hinter der Gesammtzahl zu bemerken ist. Es handelt sich dabei, wie ausdrücklich bemerkt wird, nicht um die Religion, sondern um die Abstammung, und die Kinder getaufter Juden würden also in dieser Rubrik mit aufzuführen sein. Der letztere Umstand wird jedenfalls sehr unzuverlässige Resultate abgeben. Denn sehr häufig ist nur der eine Theil der Eltern von jüd. Abstammung. Ueberhaupt wird jeder Sachverständige einräumen, daß eine so allgemeine Bezeichnung der Farbe nicht sehr in's Gewicht fällt. Viel entscheidender ist die Schattirung einer Farbe, namentlich das Schwarz, und auf die Beschaffenheit der Haare in ethnographischer Beziehung*- an. — Die von uns jüngst besprochene beabsichtigte Bildung einer neuen orthodoxen Gemeinde „Kehal Jisroel" «Lippschützj hat bereits den Zorn der orthodoxen Gemeinde „Adaß Jisroel" (Hildesheimererweckt, und in einem Inserat der „B. Z." warnen der Vorstand und die Repräsentanten der „Adaß Jisroel" vor jenen Verlockungen, da. wie sie sagen „zu einer solchen Neubildung eine factische Beranlasiung nicht vorlicge, indem Adaß Jisroel allen Bedürfniffen der hiesigen conservativen Gemeindemilglieder genüge." Sie bemerken auch, „daß durch jede Zersplitterung die religiösen Jnlereffen der conservativen Gemeinde wesentlich geschädigt werden." Man sieht also, daß die Adaß Jisroel Furcht hat, es werde ihr etwas entzogen, und daß diese Furcht das wirkliche Jntereffe für die religiöse Richtung, die zu vertreten sie vorgiebt, bei Weitem überwiegt. Das Gefühl der Größe und Stärke spricht sich hierin nicht aus. Ebenso fürchtet sie die Zersplitterung. Nun, was dem Einen recht, ist dem Anderen billig. Diese Partei will die eigentlichen Gemeinden zersplittern und sie sieht jetzt schon ihre eigene Zersplitterung voraus. Ausbleiben wird eine solche nicht, und wir wollen es ihr sagen, warum nicht. In den ihr angehörigen Gemeinden ist die hierarchische Autorität des geistlichen Führers die Hauptsache, die unbeschränkt herschen will und der Niemand widersprechen soll. Siehe z. B. das neue Statut der Hirschen'schen Gemeinde in Frankfurt am Main. Dies vertragen aber die Juden nicht lange und besonders nicht in unsrer Zeit. Hader und Ungehorsam können nicht ausbleiben. Uebrigens hat die Adaß Jisroel schon kleine Nebengemeinden am hiesigen Orte, z. B. die des Herrn Nascher. Sie wird sich also beruhigen muffen. Fürth, 5. Marz. (Privatmitth.j Zur Besetzung einererledigten Lehrerstelle an der Simultanschule wurde vom Magistrat in Nürnberg ein Lehrer jüdischer Confession präsentirt, die Regierung versagte jedoch die Genehmigung, plaidirend, daß der conf. gemischten Schule der christliche Charakter gewahrt bleiben müsse und forderte den Magistrat aus, einen anderen Lehrer in Vorschlag zu bringen. Der Magistrat in Nürnberg wird jedoch gegen riese Regierungs-Entschließung beim Ministerium Protest erheben. Aus der bayrischen Pfalz, im Februar. (Privatm.» Welchen schweren, mühevollen Gang die wirkliche Gleichstellung in Deutschland trotz Versaffungsparagraphen und Reichsgesetz zu gehen hat, beweisen einmal wieder die Elementarschulen in der bayrischen Pfalz! Bekanntlich wurden durch die französischen Gesetze die Elementarschulen zu Communalschulcn erklärt, von den Communen zu erhalten und von den Kindern ohne Unterschied des Standes und des Glaubens zu besuchen. Die bayrische Regierung verstand das Heil des Volkes und die Grundsätze des Rechtes besser, und schon an, 26. August l S17 crslvß die Bestimmung, daß die Schulen in katholische und *) So im Manuseript. D. C.