Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1875)
- Date
- 1875-03-16
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 einen, wie in Amerika und bereits auch schon in Australien, haben niemals eine einheitliche Gemeindeorganisation gehabt. Die Folge ist eine vielfach beklagenswerlhe. Wie in dieser Zeitung bereits mehrere Male ausgesührt worden, bestehen die zahlreichen einzelnen Gemeinden in den großen Städten Amerika's nur aus vielzahlenden Mitgliedern, und die Mehrheit der Juden gehört daselbst gar keiner Gemeinde an, bleibt ohne alle Benutzung der religiösen Institute und geht daher allmälig dem Judenthume verloren. Es ist Zeit, daß hierin eine Veränderung eintritl. Es ist Zeit, daß der Geist des Judenthums in diesen Juden wieder erwache, jener Geist wahrhafter Religiosität und Bruderliebe, der weiß, daß dir Religion nicht blos für Las Individuum allein, noch dazu für Las besitzende allein besteht, und daß es überhaupt keine Religion ist, wenn man seinen Nebenmenschen absteht und ihn verkümmern läßt! Wir glauben nicht, daß es möglich ist, in den großen amerikanischen Starten eine einheitliche Gemeindeordnung zu bewirken. Wo einmal Zerstückelung einzetreten, gehört eine organische Verbindung zur Unmöglichkeit. Aber was durchaus ohne große Schwierigkeit wäre, das ist, daß die Gemeinden, sagen wir z. B. in New-2)ork, und wären es auch nur die bedeutenderen, sich zu gewisien Grundsätzen vereinbarten, die darin beständen, daß jede derselben in dem abzugrenzenden ihr nächsten Bezirke alle Juden, die ihr beitreten wollen, auszunehmen habe, und sie nach ihren Vermögensverhältnisien in mehrere Steuerclassen rheile, natürlich die unbemittelten ohne Besteuerung, so daß allen die Benutzung der Synagoge, der Religionsschule und anderer seelsorgerischen Einrichtungen zugänglich wäre. Diese vom Geiste cer Religion und Humanität gebotenen Grundsätze würden schon die t!age der Dinge wesentlich verändern. Hierfür müßte Jeder, dem noch ein jüdisches Her; in der Brust klopft, Propaganda machen, und wir sind dann des Gelingens gewiß. Einen viel geringern Grad der Zersallenheit bieten d i e großen Gemeinden als zweite Kategorie, in welchen, wie in Paris, der Staat die Cultuskosten zahlt und eine gewisse Organisation formirl hat, rer gegenüber Las Individuum eine völlige Bekenntnißsreiheil genießt, eine Beitragspflichr also nicht besteht. Hier ist es, wo die Unzulänglichkeit der Mittel unübersehbaren Scharen mit sich bringt. Man erwäge z. B., daß in Paris bei mehr als 30,00» Seelen nur eine eigentliche Synagoge mit geordnetem Gottesdienste, die etwas über 1000 Personen fasten konnte, bis zu den Feiertagen des vorigen Jahres bestand ldie kleine portugiesische Synagoge in der llue Lamartine nicht mit gerechnet). Und selbst wenn erst die dritte Synagoge vollendet sein wird, wie könnten diese drei in der ungeheuren Stadt und für die große jüdische Bevölkerung genügen, da sie alle drei immerhin kaum '>000 Personen besaßen können werden. Ebenso ist es mit dem Unterrichte. Wir bekennen gern, daß wir bei einem frühern Besuche die israelitischen Schulanstalten ganz vortrefflich fanden; aber was wollen diese wenigen überfüllten Anstalten für das riesige Bedürfniß namentlich des Religionsunterrichts besagen! Daher schon vor einem Jahrzehnt die von den jüdischen Journalen von Paris ausgestoßene, aber viel zu wenig betonte und wiederholte Klage, daß viele hundert Judenkinder in Paris ganz ohne allen Unterricht und Tausende ohne allen religiösen Unterricht auswachsen! Wie sollte man zur Abhülse dieses schreienden Uebels eine Alliance israeliie für Paris erwünschen! Nun denke man endlich an alle seelsorgerischen Bedürfnisse. Wie wenig können da die paar vom Staate besoldeten Rabbiner aushelsen. Wie theuer z. B. stellt sich in Paris jede synagogale Trauung. Daß dem Bedürfniß gegenseitiger Hülse und der Wohlthätigkeit überhaupt durch viele einzelne Vereine ziemlich abgeholfen wird, ist nicht zu verwundern, das materielle Interesse treibt immer unmittelbar zur Vereinigung. Die Mittel, die der Staat für den jüdischen Cultus bietet, sind unzulänglich und werden mit der wachsenden Gemeinde immer unzulänglicher. Dies kam denn auch endlich in Paris zum Bewußtsein, und das Consistorium gründete eine „Gemeindecaste" im vorigen Jahre, freiwillige Gaben als Fond und jährliche Beiträge. Der Präsident des Consistoriums, Baron Gustav von Rothschild, gab sofort 100,000 Frcs. zu diesem Zwecke her, und bis jetzt sind 500 Personen mit ihren Spenden und Beiträgen beigetreren. Man erwartet nunmehr den Plan zur Verwendung der immerhin schon stattlichen Mittel. Daß diese jedoch noch lange nicht hinreichen, um etwas Durchgreifendes, das den oben bemerkten Bedürfnissen annähernd genüge, zu schaffen, ist gewiß, und man hofft, daß die Theilnehmenden und hiermit die Mittel noch bedeutend anwachsen werden. Es sind von mehr als 7000 selbstständigen Gemeindegliedern noch immer erst 500, die dieser hochwichtigen Angelegenheit ein kleines Opfer bringen. Wer die Dinge nicht blos von der Oberfläche beschaut, muß sagen, daß hier die Beitragenden eine Pflicht erfüllen, die sie gegen das Judenthum, also für ihr eignes religiöses Bewußtsein zu üben haben. Diese Pflicht liegt aber Allen ob, welche Juden sind und sein wollen. Es ist offenbar. Laß die Beitragenden mitzahlen für die, welche nicht minder beitragen sollten, aber nicht wollen. Der Unterschied von der gesetzlichen Beitragspflicht ist daher nur gering und hat den Nachtheil, daß die Mittel niemals in genügendem Maße vorhanden sein werden. Wir kommen nun auf unsren vaterländischen Boden an, nämlich zu der dritten Kategorie, zu den einheitlichen Gemeinden auch in den großen Städten bis jetzt mir der gesetzlichen Beilragspsticht aller jüdischen Ortsangehörigen. Daß diese allein vollständig auszureichen vermag, um den Bedürfnissen nach allen Seiten hin zu genügen, brauchen wir nun nicht mehr auseinandcrzusetzen. Wir können daher sofort zu jenen Schwierigkeiten übergehen, welche wir in der vorigen 'Nummer als für die großen Gemeinden in den großen Städten bestehend erkannten, und wie sie aus dem allmäligen und doch wieder raschen Anwachsen derselben entstanden sind und sich immerfort vermehren. Diese