Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Landstädte, oder durchwandere Spanien — treue Bilder werden hier nicht viel anders ausfallen.-. Bon Beyruth schreibt er: „Als wir das Judenviertel durchwanderten, begegneten wir einigen jungen Mädchen von einer charakteristischen Schönheit; diese Frauen haben mehr als in der häßlichen Judenstadt Konstantinopels die Gesichtsform und den Gefichtsausdrnck, der unter dem Namen jüdischer Typus bekannt ist, erhalten; so kennzeichnen sie uns die ältesten Documente, so hat die Tradition in den Modells der ältesten Meister sie unS überliefert: große, düstere und sanfte Augen, feines und mattes Oval, würdevolle und natürliche Anmuth, so mußte Esther dem Urtheil des Ahasverus gegenüber gestanden haben." Nachdem der Reisende aus Damaskus den Reichthum der Architektur geschildert hat, wie jedoch die schönen Gebäude dem Verfall überlaffen werden, sobald bei Muselmännern und Christen die Familien in ihrem Besitzstand herunterkommen, was immer wieder bald bei rer einen, bald bei der anderen der Fall ist, fahrt er fort. „Bei der Sorglosigkeit der Muselmänner und der Furcht der Christen sind die reichen Juden die einzigen, die bauen. Sie verlangen von der Baukunst die groteskesten und geschmacklosesten Verzierungen. Bei Einem von ihnen bewunderten wir eine von zwei Löwen getragene Fontaine, von einem italienischen Gypsbrenner ansgehauen, und mit Palmen geschmückte marmorne Pannelen, mit Laubwerk in Relief mit ausgestopften Vögeln zwischen den Zweigen. Dies ist das Aeußerste des israelitischen Geschmacks. Ein Anderer läßt von einem durchreisenden Ansprecher Medaillons malen, und um uns seine französische Sympathie zu beweisen, zeigt er uns auf einer Wand zwischen einem Eisenbahnzug und einem Dampffchiff das Haus des Herrn Thiers.*) Der gute Damascener war in Geschäften gerade zur Zeit der Commune in Paris gewesen; gerechter Weise empört über die Zerstörung des Hauses des Präsidenten, hat er daffelbe in seiner Galerie abmalen laffen." Die luxuriöseste dieser besagten Bauten ist das Haus von Ambhar, einem jüdischen Millionär, deffen Vermögen einer Erzählung aus Tausend und einer Nacht gleicht. Vor ungefähr zwanzig Jahren als Diener nach Indien gegangen, ist er von dorten, wie mau sagt, mit einem „mit Diamanten gefüllten Fez zurückgekommen." Man weiß, daß die Orientalen für ihre Ersparniffe diese solide, mobile und leicht zu verbergende Anlage lieben. Nichts war an diesem Tempel, den er, wie die Alten, der fernen Fortuna hätte weihen können, vergeffen als der Geschmack. Ein glücklicher Zufall verschaffte uns während einer feierlichen Familienverfammlung den Eintritt, die ein ergreifendes *) Herr Thiers hat dies wahrlich nicht um die Juden von Da< maskus verdient, denn er spielte den Beschützer jenes fran;ö,i,chen Konsuls, der die Juden dieser Stadt des Mordes am Pater Thomas berüchtigte und sie in da« Gesangniß werfen ließ, aus welchem sic nur die Dazwi'chenkunft Montefiore's, Cremieux' und Munk's befreite. Bild darbot, das Veronese „das Wiedererstehen der Wöchnerin" betitelt haben würde. Alles, bis auf das Vorherrschen der gelben Farbe in den Damentoiletlen, erinnert an die großen Gemälde dieses Meisters. Die Wöchnerin sitzt auf ihrem Paradebette, in einem Meer von Spitzen, auf's Prächtigste geschmückt, angemalt wie Judith, als sie den Holofernes zu verführen ging. Frauen in glänzenden und schreienden Costümen, beladen mit Edelsteinen und Diademen, geschminkt, mit abrasirten Augenbrauen, umgeben das Kopfende des Bettes. Die Freunde, die Kinder, stehend auf Stelzschuhen von Holz oder Elfenbein, verloren in ihren großen Kleidern in lila, kirschroch und apfelgrün, sind vereinigt um kleine Tische von Perlmutter, die mit Weintrauben und Pistazien bedeckt sind. Der Herr spaziert inmitten dieser Leute in einem Gomba; von gelber, geblümter Seide, zusammegehalten von einem Kaschmirgürtel. Einige dieser Jüdinnen haben große ausdrucksvolle Augen, belebt noch durch den „kohl"; der übrige Theil des Gesichtes ist unter einer dreifachen Lage von Bleiweiß und Spießglanz verborgen. Dieses antike Lebensbild aus der Wirklichkeit, für uns so neu, hielt uns zurück, so lange wie die Sittlichkeit es erlaubte." — Am ersten December befindet der Versaffer sich in Saphed. Er beschreibt voll Entzücken und in höchst anziehender Weise die anmuthige Lage dieser kleinen Stadt, welche uns einen Augenblick an die glücklichsten Zeiten dieses ewig denkwürdigen Landes erinnert. Er erzählt: „Wir halten unsere Pferde bei einem Brunnen von weißen Steinen an, der unter schönen Oliven sich außerhalb der Thore befindet; junge Jüdinnen von wunderbarer Reinheit des Typus, kommen hierher, um gegen Sonnenuntergang Waffer zu schöpfen, mit ihren Armen die auf dem Kopfe gettagenen Amphoren stützend, in ihren antiken Schleier gehüllt, bieten sie ein Bild der Komiphoren in ihrer klassischen und künstlerischen Stellung dar. Es ist dies die Bibel ganz lebendig und beredt wiedergegeben; die Ursitten, die sie erzählt, sind nicht verändert; an dem Brunnen empfängt man noch die Neuigkeiten, ordnet die Heirathen an, wie zur Zeit Rebekka's und Eliesar's." Ganz anders lautet der Bericht, als der Reisende das Judenviertel vou Saphed besucht hat: „Wir besuchten soeben das Judenviertel, wo unsere Neugierde im höchsten Grade erweckt wurde. Die Söhne Israels strömen in großer Anzahl herbei, sich hier niederzulaffen, um den Messias zu erwarten, der, nach der talmudischen Ueberlieferung, in TiberiaS geboren, seinen Thron in Saphed besteigen wird. Sie sind hier unter dem Schutze Englands und hängen direct von dem britannischen Consul iu Jerusalem ab. — Selten hat mich eine Vereinigung vou Menschen mehr erstaunt. — Denken Sie sich, au den beiden Seiten einer langen Gaffe stinkende Höhlen, besetzt mit tausenderlei Kleinhandel, in jeder derselben befindet sich ein Greis, würdig Rembrandt als Modell zu dienen, oder eine alte Hexe, ungerechnet der Kinder mit langen hängenden Locken; denn dies sind Juden ll*