Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 174 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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174 weniger daraus lerne«, indeß dies interessirt uns nur beiläufig. Wichtiger ist eS, den Geist des Verfassers überhaupt, die Anschauungen, aus denen seine Schilderungen und Urrheile geflossen siud, ke»nen zu lernen. Hierzu wollen wir nur eine Stelle hervorheben. Herr von Vogue steht am Ufer des Sees Genezareth (Liberias); er sieht in seinem Geiste die blühende» Städte, Flecken und Dörfer, welche zur Zeit, da das jüdische Volk diese Landschaften bewohnte und reich bevölkerte, diese Ufer schmückten und in geistiger wie materieller Beziehung mit bewegtem Leben versahen; er sieht die üppige Fruchtbarkeit, welche der jüdische Fleiß diesen Thäleru entlockte, und die sie mit so vielen Reizen zierte. Da ruft er aus: „Dies war die Stunde, in welcher Galiläa, der bevorzugte Aufenthalt der Herodes, den Glanz Jerusalems beinahe überstrahlte; aber da trifft an einem Tage der Ausspruch des Fluches diese zehn Städte, weil sie dem Heilsworte taub waren; alsobald entfesseln sich über sie der Bürgeruue Fremdeukrieg, Zerstörung und Plünderung und Vernichtung bis auf das Andenken seiner Herrlichkeit. Die verfluchte Erde verweigert zukünftig Städte und Früchte zu tragen, Ruhe und Einsamkeit herrschte für Jahrhunderte auf dem Meere Genezareth; kein menschliches Geräusch wird sie mehr stören können, nichts wird das Nachdenken des Vorübergehenden abziehen, ausgenommen das Brausen des aufgeregten Sees in den Tagen des Sturmes, gleichsam als Echo des Anathems — Vae tibi Beihsaüla!" ... Da haben wir also die ganze Borvirtheit orthodox christlicher Anschauung! Der Gott der Liebe spricht den Fluch aus, und sofort gehen die Städte unter, das Land wird unfruchtbar und Alles verödet! Und warum flucht dieser Gott der Liebe? weil das arme ungebildete Volk den mystischen Lehren einiger ihm sonst ganz unbekannten Heilsverkünder kein Verständniß entgegenbringt, Lehren, denen der väterliche Glaube und der einfache Menschenverstand dieses Volkes geradezu widersprachen, und ein Verständniß, das doch nach den Lehren derselben Orthodoxie wiederum nur ein Gnadengeschenk desselben Gottes sein soll. Dies ist die Anschauung des Herrn v. Voguö, und wir haben damit genug erfahren, um die Vogelperspektive zu kennen, aus welcher er Syrien und besonders Palästina ansieht. Da geht denn jeder eigentliche geschichtliche Sinn verloren und die Bedeutung der historischen Erscheinungen vermag nicht gefaßt zu werden. Syrien war vom Beginn der Geschichte an dazu bestimmt, das Schlachtfeld zu sein, auf welchem der Osten und Westen immer wieder zum gegenseitigen Kampfe, zu blutigen Siegen und Niederlagen Zusammenstößen sollten. So geschah es zuerst zwischen den egyptischen und mittelasiatischen Mächten, zwischen welchen die beiden Reiche israelitischer Nation zerrieben wurden; so später zwischen den Ptolemäern und Seleuciden. Desselben Kampfes Opfer wurden auch die gegen Rom sich erhebenden Juden. Hier war es ferner, wo die Griechen vor den vorrückendeu mohammedanischen Völkern Schritt vor Schritt kämpfend zurückwichen; wo dann die Kreuzzüge die Streiter des Christenthums und des Islams verheerend und zerstörend einander eutgegenführte», und wo das, was diese verheert hatten, unter der Herrschaft der Türke» nicht wieder aufblüheu konnte. Dies war also kein Fluch eines Messias oder Apostels, der unverstanden geblieben; dies war eine geschichtliche Bestimmung der Landschaft wegen ihrer geographischen Lage, weil sie das Grenzland zwischen dem Osten und Westen war. Dies erfüllte sich bereits zur Zeit des Sesostris und Tutmosis, zwei Jahrtausende vor jenem Fluche des unverstandenen Sehers. Auch von dem „Sogleich" kann nicht die Rede sein, denn noch vier Jahrhunderte später blühte Galiläa und war der See Liberias von Städten und reizenden Gärten umgeben. Wir können daher schon im Voraus wissen, wie der Verfasser die Juden in Syrien ansieht — so nämlich, wie sich ein solcher gläubiger Christ die Verhältnisse der Juden vorstellt uud zusammen construirt. Wir wollen hiermit nicht sagen, daß er den Zustand der dortigen Juden in ihrer äußeren Erscheinung und ihren äußeren Verhältnissen anders schildert als sie sind. Da brauchten wir nur auf Berichte aus jüdischer Feder selbst zu verweisen, um Herrn v. VoguL von falscher oder selbst nur willkürlicher Zeichnung freizusprechen. Aber die Motive, die er ihnen unterlegt, malt er sich aus seinen Fluchvorstellungen zusammen, uud vom inneren Leben der Juden hat er gar keine Ahnung. Schon die Worte in der oben citirten Erklärung: „eine Kaste, die sich fteiwillig vom Reste der Menschheit getrennt hat", zeigen, daß er von orientalischen Verhältnissen trotz seiner Reise im Orient keine Kenntniß hat, und von der Geschichte der Juden auch keine. Im Oriente trennt Religion und Abstammung die Menschen auf immer und vollständig; Christen und Mohammedaner sind gerade so von einander geschieden, wie die Juden von beiden; Beduinen uud Türken stehen sich so fern uud bleiben so unvermischt, wie die Bekenner der drei genannten Religionen; selbst die Schiiten und Sunniten, also Perser und Türken, sind durchaus von einander getrennt. Es liegt also gar nicht in dem fteien Willen der Juden, wie der französische Reisende meint, sich mit diesen andern Klassen oder Kasten, wie Herr v. Bogue sagt, zu vereinigen; sie mußten Mohammedaner werden, und auch dann wäre es ftaglich, ob ihre Abstammung nicht eine andauernde Scheidelinie bildete. Endlich schildert der Verfasser häufig genug die mohammedanische Bevölkerung, wie sie einem christlich europäischen Auge sich darstellt, gerade nicht anders als die dortigen Juden. Auf die Christen wirft er einen schonenden Blick. Offen gesagt, wir wünschen die syrischen Juden, Christen und Mohammedaner anders — aber giebt es nicht auch im christlichen Europa noch Plätze genug, wo die Bevölkerung auch keinen anderen Anblick bietet? Herr v. Boguö versenke sich einmal in die neapolitanische Bolksmaffe, oder besuche polnische Dörfer und