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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-09 · Heft 11 (9.3.1875) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 11 (9.3.1875)
Date
1875-03-09
Page
Seite 176 (sequence 12)
Language
German
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176 aus dem Norden Europas, aus allen Ländern, aber besonders aus Polen, Rußland und der Walachei; sie habe» die eigenthümliche und widerliche Tracht beibehalten, die allgemein bekannt ist; langer Kaftan, schmutzig und geflickt; kegelsörmiger Hut, oder eine Mütze, wie die eines Mugik (russischen Bauern), oder eine ungeheure Pelzmütze mit Klappen, eine sehr widersinnige Kopfbedeckung unter dieser bleiernen Sonne. Einige Greise mit langem, weißen Barte haben noch eine gewisse Würde; andere bieten die geeignetsten Typen dar, welche ein realistischer Maler sich erträumen kann, um den Wucher und die Habgier zu verkörpern: die gebogene Nase, die beiden Locken als Pftopfenzieher um die Schlafen, ein besonderes Zeichen dieser Sekte, die rothen und zwinkernden Augen, oft von Aussatz heimgesucht. Zu diesen allen gemeinschaftlichen Zügen gesellt sich die Niedrigkeit der unteren europäischen Klassen, wo sie gelebt haben, und der Ausdruck einer beständigen Furcht, welche nur zu sehr gerechtfertigt ist durch die Zurücksetzung, welche sie im ganzen Oriente zu erdulden haben. Nichts kann dieses Aeußere von gewohnheitsmäßigem und widerlichem Schmutze beschreiben, welches die Verachmng herausfordern zu wollen scheint. Tacitus sah sie bereits so, als er sich über ihre schmutzigen Sitten wunderte „Judaeoruni 1110s sordidus“. „Fast Alle sprechen Deutsch. Sie antworteten mit dem dieser verfolgten Race eigenen Mißtrauen auf die Fragen, welche wir an sie in dieser Sprache richteten. Sie sind, sagten sie uns, Juden von allen Welttheilen, und seit zehn, zwölf, fünfzehn Jahren im Lande ihrer Väter ansässig, um dort in Frieden zu sterben. — Der wunderlichste Platz dieses wunderlichen Stadtviertels ist die Synagoge. Ich lasse meinen Blick durch die blinden und schmierigen Scheiben dringen und kann ihn nicht von diesem Bilde lvsreißen, das fähig ist, die Einbildungskraft eines Malers festzubannen. Der viereckige und finstere Saal hat als einzige Ausrüstung und Schmuck einige von der Decke herabhangende zinnerne Lampen, Bänke und Pulte von gothischer Form; auf einem Bücherbrett zerlederte Bände der Bibel, des Talmuds und der Mischna. Vor den Pulten sitzen vier Greise: ich verzichte darauf, diese pharisäischen Gesichter, vergraben in ihre weißen Bärte und in die Flügel ihrer gleich Sonnenschirmen breiten Pelzmützen, zu beschreiben; gebeugt über vie hebräischen Texte, murmeln sie mit einer dumpfen Modulation und einem rhythmischen Wiegen des Kopfes Prophetensprüche, die ihnen die Wiederherstellung Zions verheißen. Dieser Anblick ist wohl geeignet, das Nachdenken zu erregen. Dies sind die Menschen, deren Leben aus Gewohnheit nur ein zügelloses Rennen nach Gewinn ist; sie haben Geschäfte verlassen, die vielleicht blühend waren in Ländern, wo sie ftei und geschützt waren, um nach diesem armseligen Neste ohne Handel, ohne Geld zu kommen, den Beschimpfungen ebenso der Christen, wie der Muselmänner ausgesetzt, welche sie mit größerer Verachtung als die Hunde des Bazars behandeln; sie ertragen hier ohne eine Klage die Kränkungen, daS Elend, die Krankheiten des Klinias, um das Recht zu haben, in's Geheim innerhalb des Reiches David zu weinen, hier den zu erwarten, den sie erhoffen, und wenn er nicht kommt, ihre sterblichen Ueberreste im Lande Abrahams zu betten. Sonderbares und geheimnißvolles Geschlecht dieses Volk, welches hofft, von Generation zu Generation seine unerschütterlichen Hoffnungen überliefert, wie die Fackel deS lateinischen Dichters. Geduldig, weil sie bereits seit viertausend Jahren bestehen, lächeln diese armen Geschmäheten, man weiß nicht welchem unsichern Lichte entgegen, das stets vor ihren Augen zurückweicht; unbeweglich und zurückgezogen, mischen sie sich nicht unter die Völker, die an ihnen vorübergehen und die in ihrer Milte bleiben, um die Mißhandlung Aller zu ertragen, wie die Nachwögel, denen man am Tage begegnet und die von allen Vögeln des Himmels verfolgt werden; nur die unglücklichsten sterben unter den Fußtritten des Türken neben den Särgen ihrer Väter. Von Mitleid bewegt bei dem Anblick so vielen Elends und so vieler Treue, ist man versucht, diesen Verblendeten, welche die Berge Galiläas nach dem ftagen, der doch schon vor achtzehn Jahrhunderten gekommen ist, zuzurufen die Worte des Engels an die Jünger: „Galiläer, was erwartet Ihr, daß Ihr den Himmel so anschauet?" — Man sieht hieraus zur Genüge, daß es eine christglaubige Feder ist, die hier zeichnet. Eine solche, immer in dieselben Vorstellungen gebannt, verbleibt in denselben Widersprüchen und Jrrthümern. Eine zügellose Gewinnsucht soll diese Juden beherrschen und doch sollen sie wiederum blühende Geschäfte verlassen. um in Armuth und Elend ihren religiösen Trieben zu leben! Die Juden sind es, die sich mit den übrigen Völkern nicht verschmelzen wollen, während sie doch von diesen auf die schändlichste Weise zurückgestoßen werden! Die auf den Messias hoffenden Juden blind und verstockt zu nennen, ruft nur den Gegensatz hervor: Ihr, die Ihr ihn seit achtzehn Jahrhunderten gekommen glaubt, seid Ihr nicht ebenso zu benennen? Und sind die Juden hierzu nicht viel berechtigter, wenn sie all' die Barbarei und all' das Elend betrachten, die ungeminvert während dieser achtzehn Jahrhunderte fortwütheten, wahrend die Hoffnung auf eine bessere Zukunft doch keinen sichtbaren Gegenbeweis hat? Auch gegen die Schlußphrase hätten wir einzuwenden, daß bei Weitem nicht so viele Juden im Laufe der Zeit unter den Füßen der Türken als unter denen von Christen ihr Leben ausgehaucht haben. Aber überlassen wir alle diese Meditationen dem Herrn v. Voguö. Was er schließlich Reales an den Juden in Palästina schildert, findet sich nicht minder bei der christlichen und muselmännischen Bevölkerung des Landes, und wird bei den Juden durch die Innigkeit ihres Familienlebens und ihrer stillen religiösen Begeisterung aufgewogen.

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