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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-09 · Heft 11 (9.3.1875) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 11 (9.3.1875)
Date
1875-03-09
Page
Seite 172 (sequence 8)
Language
German
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172 Beispiel an. Bekanntlich wird die Frage, warum Moses die Grenze des h. Landes nicht überschreiten sollte, in talmudischer Auslegung beantwortet, weil er die Ehrfurcht, die der jüdischen Gemeinde geschuldet wird, durch seine zornige Anrede aus den Augen gesetzt hatte. Diese Anschauung drückte sich auch darin aus, daß auch der kleinsten jüdischen Gemeinde als solcher das Beiwort „heilig" beigelegt wurde. Es liegt darin der Sinn, daß in der Gemeinschaft das Individuum, dessen Eigenschaften, Fehler, Sündhaftigkeit gänzlich verschwinden, die Gemeinschaft als solche damit nichts zu thun hat, sondern nur in ihrem Zwecke, das ist der Religion, zu betrachten ist. Und nun sehe man, wie weit diese orthodoxen Neologen in Berlin, Frankfurt am Main, Mainz, oder wo sie sonst agitiren, von der talmudischen Anschauung, von dem Geiste und der Handlungsweise unsrer Bäter entfernt sind, wenn sie rie bestehenden Gemeinden, die zu vielen Tausenden an Seelen zahlen, in gemeinster Weise mit Schmähungen und Verketzerungen überhäufen und sie durchaus aller Orten sprengen, und vernichten wollen! Fürwahr, wenn der Messias, den zu erwarten sie vorgeben, kömmt, muß er diese Leutchen an der Grenze des h. Landes stehen lasten; hinein können sie nicht. Alls Westphalen, im Februar. (Privatmittheil.) Die Unterstützungscaste des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Westphalen und die Rheinprovin; (Vorsitzender, Lehrer Blumenau in Bielefeld» versendet eben den Jahresbericht pro 1874. Derselbe führt die Namen von 23 Gemeinden an, welche der Caste regelmäßige Jahresbeiträge durch Uebernahme auf den Haushaltsetat oder aus den Ueberscküsten der Jahresrechnung oder aus milden Stiftungen zuwenden, und zwar mit einem Gesammtbetrage von 625 Mark 51» Pf. Außerdem flosten der Caste als Spenden bei frohen oder traurigen Familienereignisten oder als Ertrag abgehaltener Collecten zu: 1555 Mark 18 Pf., im Ganzen also an außerordentlichen Beiträgen 2180 Mark 68 Pf. Die Einnahmen an regelmäßigen Beitragen der Mitglieder betrug 471 Mark und die der Zinsen 1250 Mark 36 Pf., mithin Gesammteinnahme 30" 1 Mark 90 Ps. Im abgelaufenen Jahr erhielten aus der Caste: 1) ein erblindeter Lehrer mit Frau und 6 Kindern (13 Quoten 5 54 Mark) 702 Mark; 2) eine Lehrerwittwe mit 5 Kindern (8 Quoten) 432 Mark; 3) eine Lehrerwittwe mit 2 Kindern (5 Quoten) 270 Mark; 4) eine Lehrerwittwe mit 2 Kindern (5 Quoten) 27 0 Mark; 5) eine Lehrerwittwe mit einem Kinde (1 Quoten) 216 Mark; 6» eine Lehrerwittwe ohne Kinder (3 Quoten) 162 Mark. — Das Vermögen des Vereins beträgt am 1. Jan. 1875 24,247 Mark 95 Pf., und konnte auch pro 1875 die Unterstützungsquote auf 54 Mark festgesetzt werden. Der Vorstand bemerkt jedoch hierzu in dem Jahresberichte: „Es liegt in der Natur der Sache, daß die Ansprüche an die Casse stetig wachsen werden, und es würde tief betrübend sein, wenn wir genöthigt sein sollten, die bisher gewährte Unterstützung wegen Mangels ausreichender Mittel reduciren zu müssen. Es ergeht daher an alle diejenigen, welche ein fühlendes Herz für die Noth armer, erwerbsunfähiger Lehrer oder ihrer verlassenen Wittwen und Waisen haben, die herzliche Bitte, unserer Casse eingedenk zu bleiben und unser bereits so segensreich wirkendes Institut durch ihre Liebesgaben fördern zu wollen. Oesterreich - Ungarn. Aus Böhmen, 22. Februar. (Privatmitth.) R.*) Wieder hätten wir in Oesterreich ein Stück Gleichberechtigung zu registriren. Am 2. Februar hat das österreichische Parlament einstimmig den anzuerkennenden Beschluß gefaßt: Es wird der k. k. Regierung zur Berücksichtigung anempsohlen, den nothleivenden Rabbinern eine Staatssubvention verabfolgen zu lasten. Dieser von uns Allen längst schon gehoffte und nun freudig begrüßte Beschluß ist nicht auf Anregung der jüdischen Landesrepräsentanz aus Böhmen hervorgegangen. Ebensowenig haben die Herren Kreisrabbiner dies anzustreben gesucht, für die nothleivenden Collegen in ihrem Kreise, noch die jüdischen Herren Abgeordneten; sondern, wie dies aus dem stenographischen Bericht zu ersehen ist, aus einer gut motivirten Petition, die das Tachauer Rabbinat an das hohe Haus gerichtet hat. Nun dürste es wohl Wenigen bekannt sein, wie lange und eifrig der Rabbiner zu Tachau für diese Art der Gleichberechtigung mit Aufopferung gearbeitet habe. Schreiber dieses kennt genau die von diesem Manne unternommenen Schritte und hält es für nothwendig, diese zu veröffentlichen. Schon vor Jahren hat dieser Rabbiner sich bittend an die jüdische Landesreprasentanz für Böhmen gewendet, damit selbe die Initiative hierzu ergreife; doch als diese unterblieb, versuchte derselbe selbst Hand anzulegen. Zu diesem Behufs begab er sich im Juli 1873, zur Zeit als der Herr Minister des Innern in Marienbad weilte, zu demselben. Er schilderte Sr. Excellenz mit ergreifenden Worten die traurige Lage der Landrabbiner; er wies hin auf ihre Thatigkeit, ihre ruhige, treue und gewistenhafte Pflichterfüllung, sowohl dem Staate als auch der Gemeinde gegenüber. Nun aber haben es die Verhältniste in Oesterreich dahin gebracht, daß sie ergraut im Amte hilflos dastehen. Die Gemeinden sind factisch zu schwach, indem durch die Freizügigkeit die früheren größeren Gemeinden gewaltig abgenommen haben. Ueberdies haben die von uns Allen begrüßten liberalen Gesetze dem Rabbiner eine gänzliche Ebbe in seine Revenuen gebracht. *) Wenn wir die folgende Corresponden; in ihrer ganzen Aus^ dehnung geben, so geschiedt dies, um sie in ihrer naiven Weise die Mühen schildern zu lassen, welche cs kostet, einen ersten Schritt zurückzulezen, der doch von einem erfolgreichen Ziele noch fern ist. Wir Juden müssen uns eben Alles erkämpfen! Die Redaction.

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