Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
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Gemeinde um sich sammelte, der er Borträge in seiner mystischen Weise hielt. Dies muß nun nicht weiter gegangen sein, denn er weilt jetzt in Berlin, wo ein „Beth-Samuel-Berein" bestehen soll, um seine Vorträge zu hören, zu denen jedoch das Zimmer des Herrn Oberrabbiner genügte, um die Masie seiner Zuhörer zu fasien. An die Stelle dieses Vereins soll nun eine Gemeinde treten, die sich „Kehal Zisroel" nennen will, und hierüber ist eine weitläufige „Constituirungsurkunde" gedruckt und umhergeschickt worden. Wie gesagt, zu allem diesem hätten wir gar nichts zu bemerken und wünschen dem Herrn Oberrabbiner und seinem Anhang alles mögliche Glück. Aber man lese dieses Schriftstück und man wird sich über die Feindseligkeit und Unverschämtheit, die darin zum Ausdruck kommt, doch verwundern müsien. Wir haben schon manches Stück der ultramonrancn Presie gelesen, die bekanntlich in Grobheit und Gehässigkeit Außerordentliches leistet, aber soweit wie diese „Constituirungsurkunde" einer zukünftigen jüdischen „gesetzestreuen" Gemeinde hat es doch selbst ein Ultramontaner noch nicht gebracht. Was muß Las für ein „Gesetz" sein, dem diese „Getreuen" Folge leisten, indem sie solche Schriftstücke produciren 1 Daß Herr Lipfchütz in den siebenten Himmel gehoben, Herr Hildesheimer in den dritten oder vierten, versteht sich von selbst und ist nicht weiter übel zu nehmen; daß mir aller Schlauheit der Adaß Iisroel insinuirr wird, die Coneurren; nicht übel zu nehmen, die man ihr machen will, hat auch nichts auf sich. Aber die grenzenlose Verketzerung, die über die ganze jüdische Gemeinde in Berlin von 36,990 Seelen, über ihren Vorstand und ihre Repräsentanten, über alle ihre Anstalten, ausgesprochen, über das freche Urtheil, das über ihre Rabbiner, Lehrer und Beamte in breitester und schamlosester Weise gefällt wird, ist denn doch zu arg, um es nicht mit einigen Worten kennzeichnen zu sollen. Es sollte uns nicht wundern, wenn das Schriftstück und seine Verfasser vor Gericht gezogen würden. Wir gratuliren übrigens im Voraus den Leuten, die auf solchem Fundamente eine Religionsgemeinde gründen wollen. Uebrigens ist auch das charakteristisch, daß in demselben Männer als talmudische Autoritäten angerufen werden, von denen es theils notorisch ist, daß sie sehr schwache Talmudisten sind, theils — mit einer einzigen Ausnahme — die Welt noch keine Beweise ihrer talmudischen Kenntnisse erhalten hat. Gut ist es endlich, daß die „Urkunde" ohne Unterschrift ist, wir können also leicht „Kladderadatsch" darunter schreiben. Berlin, 20. Februar. (Privatmittheil.) In der Sitzung des Curatoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums vom 22. wurde dem Curatorium mitgetheilr, daß durch die Bemühungen der Herren llr. Jsler und Sänger in Hamburg daselbst für die Hochschule an einmaligen Beiträgen 3940 Reichsmark und an jährlichen Beiträgen 220 Reichsmark gezeichnet worden sind. In Gemeinschaft des Herrn Rechtsanwalts Makower hatte Prof. Lazarus zum Ankauf der Bibliothek des seligen Herrn In-. Geiger für unsere Hochschule eine Sammlung bei Privatleuten veranstaltet, welche ein Resultat von 3300 Reichsmark ergab; hierzu hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde 3«»«>0 Reichsmark angeboren, welches Anerbieten in unserer Sitzung mit Dank aceeptirt wurde. Es ist dieses also bereits die dritte Büchersammlung eines verstorbenen Gelehrten (neben der von Pres. Lewy und Prof. Fürste durch freundliche Gaben für die Hochschule erworben, ohne daß die Fonds der Hochschule selbst dazu in Anspruch genommen wurden. Berlin, 28. Februar. Trotzdem sich noch immer die größte Berliner Freimaurerloge weigert, Juden als Mitglieder aufzunehmen, also ihr Princip als specisisch christlich aufrecht erhält, haben sich hier seit Jahren selbstständige Freimaurerlogen gebildet, welche von solcher Ausschließlichkeit nicht« wissen wollen, unter anderen eine, welche sich die „Unabhängige Loge für Brüderlichkeit und Humanitär" nennt, und die viele Juden als Mitglieder zählt. — Diese Tage feierte die „Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur gegenseitigen Unterstützung in Krankheitsfällen u. s. w." ihr neunundzwanzigjähres Stiftungsfest und zugleich das fünsundzwanzigjährige Jubiläum ihres Vereinöcassirers, des Malers Herrn I. Bocenstcin, in festlichster Weise. Dem letziern wurde ein prachtvoller silberner Becher überreicht. Ter Jubilar schenkte 5" Thaler, von denen jährlich die Zinsen einem bedürftigen Mitgliede zugewendet werden sollen. — Wer dem gegenwärtigen Kampfe mir den Ultramontanen parteilos seine Aufmerksamkeit zuwendet, der wird sich nicht verhehlen, daß derselbe von Seilen der liberalen Partei weit über das Maß, das ihm zukommt, aufgebauscht wird. Würde die offieiöse uuv die liberale Presse nicht jedes Wort des Papstes unv der Bischöfe, ebenso wie den kleinsten Schritt irgend eines Torfcaplans hundertfach wiederhallen lassen und ihnen eine Bedeutung beilegen, die sie an sich weder wegen des Geistes noch der Macht, die darin liegt, besitzen: so würde man von der Sache nicht viel vermerken, und selbst das katholische Volk würde weniger davon berührt, könnte weniger aufgehetzt und fanalisirt werden. Deshalb haben, um einen vergleichenden Blick auf unser Gebiet zu werfen, alle Einsichtsvollen es der A. Z. d. I. stets Dank gewußt, daß sie sich, mit seltener Ausnahme, auf alle die Zänkereien, Schmähungen, Verketzerungen und Lügen der jüdischorthodoxen Presse, Broschüren, Schriftstücke u. dgl. gar nicht einläßr, sie einfach ignorirt und sich selbst überläßt. Je weniger Gewicht man auf die Ausgeburten derselben legt, desto geringern Werth erhalten sie. Man braucht auch um so weniger ein Gewicht auf sie zu legen, als ihr gänzlicher Mangel an Wahrhaftigkeit in ihren eigenen Angelegenheiten, wie betresss derer, die sie als ihre Gegner ansieht, hinlänglich bekannt ist. Nichts zeigt einen grcßern Abstand von der alten aufrichtigen Orthodoxie unsrer Väter, als das Verfahren und Verhallen dieser Nachkömmlinge, die sich orthodox nennen. Führen wir nur ein