Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227026--33360-3303144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
160 tieferen Erkenntnis; Gottes sollte aber in sorgfältiger Eonscquenz ein sittliches, gesellschaftliches und staatliches System verbunden werden, welches die noch ganz ungeordnete, eben nur in Stämme getheilte Volksmafse zu einem organisirten Volksganzen umgestalten sollte, gipfelnd in der Erkenntniß und Anbetung des einzigen und ewigen Gottes und in allen seinen Gliedern von dem aus jener fließenden sittlichen und gesellschaftlichen Gesetze geleitet und beherrscht. Konnte nun hierbei das cultuelle Bedürfniß nicht unberücksichtigt bleiben, so gedachte doch Moses den Eultus zwar in großen Zügen zu umschreiben, jedoch einer gewissen Freiheit zu überlaffen. Die Sitte, Thieropfer darzubringen, war seit uralter Zeit auch in Israel heimisch, und zwar mit einer gewisien Unterscheidung zwischen „reinen und unreinen" Thieren, d. i. solchen, die zum Opfern geeignet und ungeeignet sein,*) mit Sprengen des Blutes, Verbrennen der Fettstücke und des ganzen Thieres, Darbringung der Erstlinge und dies auf besonders errichteten Erhöhungen, d. i. Altären. Moses hatte nun durch die Institution des Sabbaths den Boden für einen geregelten Eultus vorbereitet, wenn auch nach dieser Seite hin noch keinerlei Bestimmung getroffen und nur durch das Pessachlamm ein jährliches allgemeines Weiheopfer vorgeschrieben. Las gerade alle Glieder des Volkes in das priesterliche Bereich zog. Dann hatte er noch durch die besondere Stellung, die er den Erstgeborenen anwies, diese als vorzugsweise zur priesterlichen Function berufen, hervorgehoben, und über die Beschaffenheit der Altäre Vorschriften gegeben, um ihnen die ursprüngliche symbolische Bedeutung zu bewahren und die Anbringung von Götzenbildern zu verhindern. Sonst hatte er durch den Ausspruch 2 M. 20, 24. daß eine gottesdienstliche Handlung und Versammlung, die im Stamme des einzigen Gottes geschehe, an allen Orten geheiligt fei, dem Eultus die freie Bewegung gewährt. Bald jedoch erwies es sich, daß eine solche Freilaffung des Eultus, den noch unreifen Vclksmaffen nur vielfältige Gelegenheit, in Abgötterei und Götzenthum zu verfallen, bieten würde; daß die reinen Begriffe vom einzigen, unkörperlichen und überweltlichen Gotte noch durchaus nicht genug tiefe und feste Wurzeln im Volksbewußtsein geschlagen, um es an sie zu feffeln und durch sie beherrschen zu lassen; daß aber mit der Abirrung von dieser Lehre auch das ganze sittliche und gesellschaftliche Gesetz in Frage gestellt sein würde. Es drängt sich hieraus die Nothwendigkeit aus, das culruelle Bedürfniß des Volkes an umfaffende und sorgfältig geregelte Eultuseinrichtungen zu binden, es durch sie zu befriedigen und durch sie die religiöse Lehre im Bewußtsein des Volkes zu befestigen. Hiermit war *) Es war dies wabrfcheintich, da cs schon in der Geschichte der Fluth vorkommt, aus der Unterscheidung zwischen Hausthicren und wilden Thieren, hcrvorgcgangcn, da jene dcnr Menschen nahcstanrcu, und gewissermaßen ein geregeltes Leben führten, wie die wilden Thicrc nicht — wir erinnern an die im Morgcnlandc überaus beimüche Taubenzucht, sowie daß mit einem solchen HauSthiere die Hingabe eines Besitzes geschah, was bei wilden Thieren nicht der Fall war. Bekanntlich fallt das mosaische Speiscgcsetz nicht mit der Vorschrift über die zum Opfern geeigneten Tbiere zusammen. aber auch zugleich die Forderung gegeben, daß dieser geregelte Eultus bis in das Detail vorgcschrieben und ausschließlich sei, daß er die Ideen der Gotteslehre und ihre Eonsequenzen in Recht und Sittlichkeit enthalte und darstelle, und daß er zugleich den Anschauungen des Volkes entspreche, wodurch ihm der symbolische Charakter nöthig und sein Hauptbesiandtheil das Thiercpfer werden mußte. Der mosaische Eultus ist daher durch und durch symbolischer Natur; er prägt aber auch in dieser seiner Symbolik die Ideen der Gottcslehre und ihre sittlichen und gesellschaftlichen Grundsätze in allen seinen Formen aus. Wie wir oben gezeigt, liegt es in der Natur der schaffenden Symbolik, sich über die Bedeutung der Symbole nicht auszusprechen, da ihre Gebilde aus dem allgemeinen Verstänrniß heraus producirt werden, wie heute noch im Morgenlande die Blumensprache nicht gelehrt unv doch überall verstanden wird, und zwar in ausgedehntem Maße. Es kann daher nicht auffallen, daß auch die Thora eine Erklärung über die Symbole am Heiligthume und im Eultus nicht klar und ausführlich giebt, während sie doch in der Beschreibung fo sorgfältig ist. Wenn es anders wäre, so bewiese dies, daß alle diese symbolischen Handlungen und Zeichen dem Volke unverständlich und hiermit aufgebürdet worden, überhaupt diese Symbolik von vornherein ohne Leben gewesen wäre. Dahingegen konnte es nicht fehlen. Laß dieser oder jener Aufschluß, die eine oder die andere Andeutung, wenn auch zerstreut, gelegentlich sich vvrsindet, aus welchen nicht blos der symbolische Charakter der ganzen Einrichtung hervorleuchtet, sondern auch die Bedeutung vieler Momente des Heiligthums und res Eultus. Diese nachzusuchen, ist daher eine unzweideutige Pflicht der Exegese. Allein die Schwierigkeiten sind groß. Von jeher lag ein großer Reiz in der Erklärung längst abgestorbener Symbole; aber noch größer ist die Verleitung, darin irre zu gehen. Die geringen Andeutungen genügen oft nicht, um den verborgenen Gedanken ans Licht zu bringen; man greift daher zu ähnlichen Erscheinungen bei anderen Völkern und aus anderen Zeiten und geht hiermit in der Regel fehl, denn wie die Ideenwelt der antiken Völker, so war auch deren Ausdruck in Symbolen höchst verschieden. Oder man ging auf etymologische Kunstgriffe zurück, denen jede Sicherheit fehlte, theils weil richtigere Grundsätze der Etymologie ja noch ganz jung sind, theils weil die Etymologie eines Wortes nur geringe Bürgschaft für die spätere Bedeutung des Wortes überhaupt und des Gegenstandes im Symbol bietet. Lange Zeiten hindurch kam es den Auslegern der Schrift auch gar nicht darauf an, die wirkliche Bedeutung eines Schrifttextes unzweideutig zu machen, sondern nur irgend einen dogmatischen oder moralischen Gedanken an denselben zu knüpfen, und in diesem Sinne wurde auch die Symbolik des Heiligthums behandelt. Je unumgänglicher aber nun die Combination bei unsrem Gegenstände lhatig sein mußte, desto freier ließ sie sich gehen. Hierzu s kommt aber noch ein Umstand, der häufig übersehen worden