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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-09 · Heft 11 (9.3.1875) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 11 (9.3.1875)
Date
1875-03-09
Page
Seite 168 (sequence 4)
Language
German
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168 Welt, Mensch, deren Wesen, Beziehungen und Verhältnisse sich klare Begriffe zu bilden und diese im Wort zum Ausdruck zu bringen. Die vollen und kräftigen Empfindungen suchten daher vermittelst der Einbildungskraft in die Erscheinung zu dringen, und diese wählte sich hierzu Gegenstände und Handlungen, denen sie eine Vorstellung einsenkte, welche nun zur symbolischen Bedeutung wurde. Dies war die Ursprungszeit der Mythologien, der ursprünglichen Cultushandlungen, namentlich des Opfercultus und der zahllosen symbolischen Zeichen im nationalen, staatlichen und geselligen Leben, um in diesen letzteren eine Ordnung herzustellen und zu bezeichnen, für welche der Verstand die begriffliche Definition noch nicht zu geben vermochte. Manche dieser Symbole haben sich bis auf unsre Zeit erhalten, während andere, die noch heute in Kirche, Staat und Gesellschaft vorhanden sind, erst spätem Ursprungs, und zwar entweder Veränderungen ursprünglicher Symbole oder conventionell gemachte sind. In der Natur dieser ursprünglichen Symbolik lag aber die allgemeine Verständlichkeit derselben. Wie sie eben aus einem innern Proceffe der Einbildungskraft und der Empfindungswelt ohne klares Berstandesbewußtsein hervorging, mußte sie sich doch aus Elementen zusammensetzen, welche der allgemeinen Anschauung angehörten, welche jedes Auge so ansah, jedes Ohr so vernahm. Die Bedeutung des Symbols brauchte daher nicht gelehrt zu werden, ja, sie konnte damals gar nicht gelehrt werden, weil die Begriffe und für diese das Wort noch fehlten. Das Symbol war ohne Wort Allen verständlich. Dies war der Unterschied zwischen der ursprünglichen Symbolik und der spätem conventionellen; die erstere war der Ausdruck jener Zeit für den Gedanken, die letztere bildete sich für den Gedanken ein Zeichen, theils um ihn denen vorzuenthalten, die ihn noch nicht kannten, theils um ihn denen nicht wiederholen zu müffen, die ihn kannten. Ebenso lag es aber im Verlaufe, daß, je mehr der Verstand sich entwickelte, je befähigter er wurde, sich klare, scharfe, abgrenzende Begriffe zu bilden, sich über das Wesen der Dinge und Verhältniffe ein Helles Bewußtsein zu schaffen, alles dies in Worten zu denken und auszusprechen, destomehr das Verständniß der Symbolik sich verlor. In der fortschreitenden Verstandesentwickelung entstanden die Begriffe nicht aus den Symbolen, bildeten sich nicht etwa aus diesen heraus, sondern selbstständig aus sich selbst. Dazu wären auch die Symbole nicht angethan gewesen, deren Bedeutung nicht logisch, sondern nur aus dem Wege der Einbildung mit dem Gegenstände verbunden war. Die vom Verstände gebildeten Begriffe waren daher von den Symbolen völlig losgelöst, frei, unabhängig, fanden sich in den Symbolen gar nicht wieder, und so gerieth die Bedeutung der Symbole, für welche das ursprünliche unmittelbare Verständniß abstarb, in Verfall, in Vergeffenheit, in Mißverständniß: die Symbole verloren ihren Inhalt und wurden nur zu hergebrachten geheiligten Formen. — Wir haben daher für die ursprüngliche Symbolik auf dem religiösen Gebiete eine dreifache Zeit zu unterscheiden. Die erste ist die des Ursprungs der Symbolik, d. h. des religiösen Lebens im Menschengeiste, wie es zum Ausdruck in Handlung und Zeichen ringt; die zweite, wo in einzelnen Geistem die Begriffswelt sich bereits entfaltet und sich in Lehrsätzen und Aussprüchen kundthut, während die Maffe noch völlig in der symbolischen Geistessphäre lebt, und die dritte, wo die Berstandesbildung eine allgemeinere wird, die höher gebildeten sich von der Symbolik völlig losmachen, während die Maffe das Verständniß für die Symbole verliert und sie deshalb als grobe, fast gedankenleere Wirklichkeit saßt. Die letztere Periode ist z. B. die nachhomerische Zeit der Griechen, wo diese den Gedankeninhalt ihrer Mythologie vergeffen hatten und ihre Götterfiguren zu grobsinnlichen Wesen herabsanken. — Das mosaische Heiligthum und dessen ganzer Cultus entsprang jener zweiten Lebensperiode der Symbolik, wo bereits die ewigen religiösen Wahrheiten in klaren, verständlichen Lehrsätzen ausgesprochen wurden, die Bolksmaffe aber noch nicht befähigt genug war, sie zur völligen Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses zu fassen und sich von ihnen erfüllen und beherrschen zu lassen, vielmehr noch innerhalb der symbolischen Geistessphäre lebte. Moses griff daher nach seinen Verkündigungen immer wieder zu großen symbolischen Culthandlungen vor dem Volke, vie Lehren mit Liesen Acten als Feierlichkeiten des Bundesabschluffes identificirenv; so nach der Verkündigung am Sinai 2. Mos. 24. vergl. 17, 15. In den Zehn-Worten und den erläuternden Gesetzen am Sinai ist von Cultusvorschriften nichts vorhanden, außer kurzen Bemerkungen über Altar und Opfer; das Sabbathgesetz beschränkt sich auf die Heiligung des Tages Lurch die Ruhe; das Peffachgesetz ist Lei all' seiner nationalen und religiösen Bedeutung eine Feier in Ler Familie; die beiden anderen hohen Feste sind auf den zukünftigen Besitz des Landes berechnet: auf Culthandlungen in den Familien ist die Weihe der Erstgeborenen bemessen. Aber in dem Vorgänge mit dem goldenen Kalbe am Fuße des Sinai selbst kommt es zum Ausdruck, daß das Volk den eigentlichen Kernpunkt der verkündigten Lehren und Gesetze nicht zu fassen vermag, daß es ohne symbolische Vorstellung und Handlung noch nicht fertig werden kann. Hieraus entsprang die Nothwendigkeit, dem Volke ein symbolisches Heiligthum und einen symbolischen Opfercultus zu geben. Für diese lagen aber zwei Bedingungen vor, die eine, daß sie möglichst beschrankt und vor dem Einbruch der Vielgötterei und des Götzendienstes gesichert, die andere, daß in ihnen der Gedanke der Gotteslehre symbolisch zum Ausdruck gebracht werde. Erwägen wir dies noch etwas genauer. Moses beabsichtigte, eine klare Gotteserkenntniß an Stelle der dunklen, getrübten Vorstellungen und Empfindungen zu setzen, wie sie sich aus der Vorzeit in der israel. Volksmasse überliefert hatten. Es wird uns das von der h. Schrift sogar genau formulirt, indem sie den Vorfahren die Erkenntniß des einzigen, allmächtigen Gottes, nicht aber die Gottes als des absoluten Seins, des ewigen unveränderlichen Wesens zuschreibt. (2 Mos. 6, 2. 3.) Mit der

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