Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
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167 Die Symbolik -es mosaischen Heiliglhums. I. In der theils steinigen, theils grasbedeckten Wüste auf der sinaitischen Halbinsel und darüber hinaus, errichtete Moses jetzt vor ungefähr 3400 Zähren ein Heiligthum, eine Cultstätte für das wandernde Volk, das noch lange Zeit umherirren sollte, bis es sich feste Wohnstätten erobert hatte. Diesem Bedürfnisse gemäß konnte das Heiligthum kein fester Bau gleich Len riesigen Tempeln Egyptens, sondern es mußte leicht aufzurichten, leicht auseinander zu nehmen und fortzuschaffen sein. In Folge Lessen durfte es auch nur aus nicht zu schweren Werkstücken bestehen, sondern nur aus Balken, Brettern, Stangen, Teppichen, Vorhängen und mäßig großen Gerathfchasten zusammengesetzt werden. Es war ein Zelt (brrs), kein Prachtbau, der die Bewunderung deffen erregte, der sich ihm nahete. Er vermochte nur zu imponiren durch den Gedanken, der ihm eingesenkt, durch die Bedeutung, die ihm gegeben worden. Nur 30 Ellen lang, 10 Ellen breit und 10 Ellen hoch, in einem Hose stehend, der in einer Länge von 100 und einer Breite von 30 Ellen von weißen linnenen Umhäugen umschlosien war, bietet es ein großartiges Bild nur durch die Umgebung, welche die vorgeschriebene Lagerordnung ihm verlieh. Denn vor seiner Morgenseite, wo sich der Eingang befand, schlug die Priesterfamilie ihre Zelte auf, von den andern drei Seiten die drei Geschlechter des Levitenstammes; um diese lagerten zu jeder Seite drei Stämme in je drei Lagern, in möglichst regelmäßiger Ordnung nach ihren Abtheilungen mit ihren Standarten. So ist es begreiflich, daß der Anblick dieses um sein Heiligthum so geordnet lagernden Volkes einen tiefen Eindruck auf denjenigen machte, der von der Spitze eines Berges es überschaute, wie er in den Worten Bileams so mächtig ausgedrückt ist. <4 Mos. 24, 2. 3. vergl. 23, 0.): „Wie schön sind Deine Zelte, Jacob, Deine Wohnungen, o, Israel! Wie Thaler dehnen sie sich hin. Wie Gärten an dem Strome, Wie Aloe, die Gott gepflanzt, Wie Zedern am Gewässer. Hierzu kommt ein besonderer Umstand. Alles, was glänzend und prächtig an diesem Heiligthume war, befand sich im Innern deffelben, deffen erster Abschnitt nur durch die Priester, der zweite aber nur durch den Hohenpriester und nur einmal im Jahre betretenwerden durfte. Das Volk gewahrte es also nur von feinem äußeren mit unscheinbarem Teppich aus Thachaschfellen behangenen Seiten; denn selbst bei einem Weiterzuge ward Alles in Decken gehüllt, also nicht sichtbar. Dennoch war nichts Geheimniß. Die Beschreibung des Ganzen und aller feiner Theile, die Angabe der Formen, der Stoffe, der Farben und Maße waren genau in dem Buche der Lehre gegeben, das Jedermann aus dem Volke lesen konnte und sollte, und in öffentlichen Versammlungen dvrgetragen werden mußte. Obwohl also das Innere des Heiligthums nur von den Priestern geschaut wurde, gab es doch hier keine Priestermysterien, vielmehr aber alles an diesem Heiligthume dem Volke bekannt, seiner geistigen Vorstellung zugänglich, seinem Verständniß eröffnet. Diese sorgfältige Beschreibung nimmt im Buche der Lehre einen bedeutenden Raum ein, mit ausführlichen Wiederholungen. Hierdurch ist bis auf Weniges uns Alles an diesem mosaischen Heiligthume so deutlich, so vorstellbar, daß wir noch heute ein vollständiges Bild desselben uns entwerfen können, was bekanntlich mit dem Salomonischen Tempel, nach reffen Schilderung in der h. Schrift nicht der Fall ist. Da fragen wir uns jedoch uni so mehr, was war und was ist noch heute der Zweck dieser sorgfältigen Darstellungen, dieser genauen Angaben durchaus nicht großartiger Maße, einfacher Farben und deren Zusammenstellung. Stoffe und Gestalten? Die Beschreibung zeigt uns, daß nichts an jenem zufällig, nichts dem freien Kunsttriebe überlaffen war. Denkt man nun zugleich daran, wie in der Thora selbst die wichtigsten Gesetze über die bedeutendsten Gegenstände nur in scharfen Umrissen, aber durchaus nicht im Detail oder kasuistisch aufgestellt und behandelt werden: so wird es uns klar, daß in diesem Heiligthume, in seiner Einrichtung, allen seinen Theilen und Geräthen bestimmte Gedanken, die mit der gesammten Lehre im engsten Zusammenhänge stehen, ausgedrückt und anschaulich gemacht werden sollten — mit Einem Worte, daß wir hier Symbolik vorliegen haben. Was heißt Symbol? Eine Handlung oder ein Gegenstand, mit welchen ein bestimmter Gedanke oder auch nur eine gewiffe Vorstellung verbunden wird, die an und für sich ihnen nicht einwohnten, so daß sie zu Trägern und Zeichen dieses Gedankens oder dieser Vorstellung gemacht werden. Der symbolische Act und das symbolische Zeichen haben also eine Bedeutung, welche sie als Handlung und Gegenstand an sich nicht hatten, die ihnen erst beigelegt worden, und die nun von Jedermann in ihnen verstanden wird, welcher zu der Gemeinschaft gehört, in der dieses Symbol entstanden ist. Hiermit ist allerdings nicht ausgeschloffen, daß die symbolische Bedeutung einen gewissen Ausgangs- oder Anhaltspunkt am Gegenstände hat, ohne daß dieser jedoch ein zwingendes Moment, ja nur eine logische Verbindung für die erlangte Bedeutung ausmachte. Dies erweist sich schon daraus, daß es symbolische Zeichen giebt, z. B. Farben, welche bei verschiedenen Nationen die entgegengesetzte Bedeutung haben. Solcher Symbole gab es unter allen Nationen und in allen Zeiten, und auch wir haben dergleichen noch heute, nicht blos auf dem religiösen, sondern auch aus dem politischen Gebiete, im geselligen Verkehr, in Vereinen, B. bei den Freimaurern), in Sprache und Schrift, in der Heraldik, in der Blumensprache u. rgl. Sind nun die meisten, noch jetzt gebräuchlichen Symbole nur conventionell, d. h. durch Uebereinstimmung einer Anzahl Menschen in älterer oder neuerer Zeit dazu gemacht: so verhält es sich doch mit der eigentlichen Ursprünglichkeit der Symbolik anders. Im Entwickelungsgange des menschlichen Geistes gab es eine lange Zeit, wo der Verstand noch nicht befähigt war, über Gott, tl*