Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1875)
- Date
- 1875-03-09
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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wirklichen Bedürfnissen gerecht zu werden? Was die erste Frage betrifft, so bedeutet sie nichts Anderes, als ob es vorzuziehen sei, daß auch in diesen großen Städten eine einheitliche Gemeinde besteht, oder mehrere Gemeinden nebeneinander sich constituiren können oder sollen? Sobald wir voraussetzen, daß in der einheitlichen Verwaltung der Wille besteht, und der Weg bestimmt ist, den Bedürfniffen in allen Theilen der Stadt zu genügen: so kann eigentlich der Vorzug einer einheitlichen Gemeinde und Verwaltung kaum in Frage gestellt werden. Es werden hier dieselben Vortheile geboten, welche jedes größere Gemeinwesen auf einem bestimmten Gebiete vor vielen kleineren nebeneinander besitzt. Dort die Vereinigung vieler Kräfte, hier die Zersplitterung derselben; dort eine kräftige Befriedigung der gemeinsamen Bedürfniffe, hier der fühlbarste Mangel für diese letzteren; dort eine Vereinfachung der nölhigen Mittel, hier ein viel kostspieligerer Aufwand zur Befriedigung derselben Bedürfniffe. Von vornherein ist hierbei von allem religiösen Parteiwesen abzusehen. Denn denken wir uns in einer solchen Großstadt Orthodoxe, Gemäßigte, Reformistische in Gemeinden getrennt, so würde der Uebelstand, der durch die große Ausdehnung der Stadt herbeigeführt wird, nicht gehoben, sondern bedeutend vermehrt. Es wäre schließlich nothwendig, daß jede dieser Parteien sich nach den Stadtcheilen wieder in mehrere Gemeinden theilten. Stellt man nun erst das Princip der Theilung aus, so ist das Maß der Zersplitterung gar nicht abzusehen, da sich dann Theilungsgrenzen nicht feststellen lasten. Nun ist bekanntlich bei den Menschen überhaupt und bei den Juten, durch ihre Geschichte veranlaßt, in's Besondere, die Centrifugalkrast stärker als die Centripetalkraft, d. h. die Zersplitterungssucht, die Lust, sich in kleinern Körperschaften zusammenzuthun, wo das Individuum eine größere Bedeutung hat. Ist also erst in einer solchen Großstadt das Princip der Zertheilung constatirt, so wird die Zersplitterung und Zerfahrenheit bis zum Aenßersten gelangen. Die Folgen hiervon kann sich ein Jeder leicht selbst denken. Wir heben nur hervor, daß unter solchen Verhältnissen ungeheure Summen Geldes für kleine Anstalten vergeudet werten würden, und daß alle diese Anstalten nur ausnahmsweise zu irgend einer Blüthe gelangen könnten. Man hat z. B. genugsam die Erfahrung gemacht, wie viele einzelne Wohlrhätigkeitsansialten nebeneinander einzelnen zudringlichen Subjecten zu Gute kommen, weil die einzelne Anstalt nicht weiß, was die andere gethan, während wesentliche Bedürfniffe unerledigt bleiben. Ferner würde der in großen Städten so. häufige Wohnungswechsel einen immerwährenden Wechsel der Mitglieder der einzelnen Gemeinden an Zahl und Qualität mit sich bringen, und so müßten alle Verhältnisse immerwährend schwankend bleiben. Es kann also kaum fraglich sein, daß eine einheitliche Gemeinde und Verwaltung die größten Vorzüge besitzt. Aber wir gingen hierbei von einer bestimmten Voraussetzung aus, nämlich, daß auch allseitig die wirklich vorhandenen Bedürfnisse befriedigt werden. Gerade hierin wird in den Großstädten bis jetzt vielfach gefehlt, und dies giebt ein starkes Motiv für die Trennungsgelüste ab. Wir wollen hiermit keine Anklage über Mangel an Voraussicht oder gutem Willen erheben. Dadurch, daß auch diese großen Gemeinden erst nach und nach so anwuchsen, und dann wieder der Zufluß ein zu schneller ward, konnte und kann man die ursprüngliche Tendenz in der Verwaltung nicht so bald verändern. Man hat große Anstalten; die Bevölkerung wächst und man vergrößert jene — aber es zeigt sich, daß dies der falsche Weg ist. Jndeß wollen wir auch nicht verhehlen, daß warnende Stimmen sich schon vor Jahren hören ließen, ohne gerade Beachtung zu finden. Es wurde bereits früher die Frage ventilirt, ob es an solchen Plätzen angemessen sei, eine und die andere große Synagoge oder kleinere in cen verschiedenen Stadtvierteln zu erbauen? Große Synagogen haben den Vortheil, eine mächtig imponirende Wirkung zu üben, die der neuere Mensch durch seine Gewöhnung nicht gern entbehren mag; zugleich den Vortheil, daß durch die Concentrirung der Mittel tüchtige Redner und Vorbeter und größere, wohlgeschulte Chöre ermöglicht werden. Aber, fragt man schließlich, was helfen zwei oder drei große Synagogen in Städten, welche meilenweite Entfernungen bieten? Kann man sehr vielen Personen zumuthen. Stundenlange Wege zurückzulegen, um dem Gottesdienste beizuwohnen? Ist dies nicht ein wesentlicher Grund, warum selbst diese großen Gotteshäuser das Jahr über oft leer sind? Wird hierdurch nicht das gottesdienstliche Bedürfniß nothwendig abgeschwächt? Und dann, genügen selbst diese wenigen großen Tempel dem Anwachs der jüdischen Bevölkerung? Wenn Berlin jetzt fast 40,000 Seelen zählt, was bedeutet eine Synagoge, in welcher selbst 3000 Personen Platz finden? Und endlich haben solche große Synagogen nicht auch den Nachtheil, daß der Redner nur wenig, der Vorbeter nur mittelmäßig verstanden wird? — Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Unterrichte, sagen wir speciell mit dem Religionsunterrichte. Die Herstellung zweier oder dreier großer Religionsschulen hilft da wenig. Man kann den Kindern nicht zumuthen, bei allem Wetter Stunden weit nach einem Schullocale zu gehen, noch dazu wenn sie für den übrigen Unterricht andere Schulen besuchen. Offenbar wird hierdurch der religiöse Unterricht sehr geschädigt. Hierzu kommt, daß überfüllte Schulen für jeden Unterricht, besonders aber für den religiösen nachtheilig sind. — Aehnliches endlich läßt sich selbst vom Armenwesen sagen, da concentrirte Anstalten nicht gut im Stande sind, die Bedürfniffe entlegener Stadtviertel zu beurtheilen und die persönlichen Verhältnisse der Bedürftigen zu kennen und zu bemessen. Hieraus folgt, daß für große Gemeinden in großen Städten der richtige Grundsatz besteht: in der Centralisation der Gemeinde und Decentralisation ihrer Anstalten. Hierüber noch etwas Näheres.