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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-02 · Heft 10 (2.3.1875) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 10 (2.3.1875)
Date
1875-03-02
Page
Seite 159 (sequence 13)
Language
German
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159 Aus Hessen, 13. Februar. Der älteste Mann unseres Großherzogthums ist dieser Tage mit Tode abgegangen, der Israelit Simon Levy in Hohensülzen in Rheinheffen. Er erreichte das seltene Alter von 106 Jahren und hinterläßt eine Nachkommenschaft von 65 Personen, darunter drei Kinder, die auch bereits Siebziger sind. Die Eidesform der schlesischen Juden im 17. Jahrhundert. Mitgerheilt von Do. Cohn, Rabbiner in Oels. Schickfus berichtet in seiner Schlesischen Chronik (e«l. 1025) über „Ordnung und Form des Juden-Eydes" Folgendes: „Erstlich soll der Jude von den Gerichten nottürfftig erinnert werden, dafern er einen falschen Eydt thun werde, daß nicht allein des Allmechtigen Gottes, sondern auch der weltlichen Gerichte Sttaff, als nemlich, die Aussegung der Zungen, oder zum wenigsten Abschlagung der Faust, damit er geschworen, erfolgen würde. Nachmals soll ihme die Weise oder Ceremonien, so in Vollziehung des Eydes gehalten wird, angezeigt werden, als nemlich, daß er seinen rechten Arm biß an die Brust entblößen, und dieselbige Hand aufs die Hebräischen zehen Gebot legen, auch auff einer Sewhaut stehendt, schweren soll. Und auff dieses soll ihme die Form des Eydes fürgelesen, nachmals auch beschrieben zugestalt werden, sich über quer Nacht, oder auch nach der Gerichte Erkenntnüß länger darüber zu bedeacken. Und wann er sich als denn zum Eyde geschickt gemacht Hai, so soll er zuvor das ander Gebot in den zehen Geboten in Hebräischer Sprachen lesen, und lauten dieselben Wort, mit lateinischen Buchstaben beschrieben, wie folget: Secundum*) Praeceptum Decalogi. Lothisa etc etc Darnach soll er auff die Schweinhaut mit blossen Füssen treten und mit entblößtem rechten Arm dieselbige Hand auff die Zehen Gebot legen und nachfolgeuder Gestalt schweren. Forma des Eides Ich N N Jude, schwere bei dem Allmächtigen Gott Adonay, der Himmel und Erden, auch alles, so derinnen ist, erschaffen hat, der Herr ist über alle Melachim, der seinem anserwehlten Bolck die heiligen Torah gegeben hat, die auch in diesem Buch, darein ich mein rechte Hand liegen habe, recht und wahrhafflig beschrieben sind, daß rc. Und daß deme in der Warheit also, und nicht anders sey, denn wie ich setze ausgesagt habe, das bezeuge ich mit dem All- *1 Seltsam! Der Schwörende sollte den Dckalog in hebräischer Sprache lesen, mithin als Jude den Eid leisten; — was bat denn aber — für uns — der Eid mit dem zweiten Gebote zu thun! mächtigen Gott Abraham, Jsaac und Jacob, der sein auserwehltes Volck aus Egypten, durchs rothe Meer, in das gelobte Land geführet hat, auch dem lMoyse) im Pusch erschienen ist, To ich aber die rechte lautere Warheit, wie mir dieselbige aus eigener wiffenschafft bewust ist, nicht ausgesagt habe, so sey ich verflucht ewiglich, es soll mich auch von stund an anfallen der Aussatz, mit dem Naeman der Syrer ist geschlagen gewesen, und soll mich verzehren das Fewer, das Sodoma und Gomorrha verzehret hat, oder mich soll das Erdreich wie Dathan und Abiram in meiner Feinde Lande verschlingen, und sollen mich von stat an überfallen alle Flüche, die an der Torah geschrieben stehen, darwider ich nicht begehren, bitten noch auffnehmen will einige Erklärung, Außlegung, Abnennung, oder Vergebung von keinem Juden noch andern Menschen, also mir der Gott Adonay helffe, der Himmel und Erden, auch alles was darinnen ist, erschaffen hat, Amen." Man schreibt aus Horzitz vom 15. Februar: Heute fand hier das Leichenbegängniß deS Herrn I. I. Mauthner unter einer Betheiligung der Stadt- und Landbevölkerung statt, wie sie den Bewohnern des Bezirkes noch lange zu reden und zu denken geben wird. Um den verblichenen Greis von 105 Jahren zu ehren, hatten die Lehrer der Stadt ihre Schulen, die Kaufleute ihre Läden, mehrere Fabrikbesitzer ihre Etablissements gesperrt, und die sieigewordene Menge schloß sich in imposantem Zuge dem Conducte an, den die Enkel des Todten führten. Der Stadtralh der ultraczechischen Stadt, deren Ehrenbürger der Deutsche I. I. Mauthner war, ließ vom Rathhause eine schwarze Fahne wehen, und die Stadtverordneten nahmen daS Recht in Anspruch, den Sarg aus ihren Schultern zu tragen, und führten diesen Beschluß auf der Strecke bis vor die Stadt auf einer mit fußhohem Schnee bedeckten Landstraße aus. Deputationen aus den Städten der Umgegend, die katholische und evangelische Geistlichkeit neben dem Rabbiner, die ärmsten Weber des Bezirks, welche nur jemals vom Todten beschäftigt worden waren, erschienen, und eine tiefgehende Bewegung gab sich kund, welche das Interesse für die morgige Reichsrathswahl ganz zur Seite drängte. All' dies gab Zeugniß ab für die Bedeutung eines Mannes, in welchem drei Generationen das Muster eines Bürgers unk Menschen verehrt hatten. Der Verstorbene hatte die Ehre, sowohl dem Kaiser Joseph II., der sicb bei der Erbauung der Festung Josephstadt in der dortigen Gegend aushielt, als auch den Kaisern Franz, Ferdinand und Franz Joseph vorgestellt zu werden. Bis vor wenigen Jahren stand er noch seinem Geschäfte «einer Baumwollweberei, vor. Er hinterläßt eine zahlreiche Familie, die jetzt aus 2 Töchtern, 2 Schwiegersöhnen, 70 Enkeln und 70 Urenkeln besteht.

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