Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1875)
- Date
- 1875-03-02
- Page
- Seite 158 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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158 gegen sie wurden donnernde Philippiken losgelassen, von denen die zu Salko gehallene durch ibre Originalität hervorsticht, zur Mittheilung in Liesen Blättern aber viel zu stark mit Paprika gewürzt ist. Ein anderer, und zwar hochdeutscher Rabbi, der setzt wieder in Deutschland grassirt und dessen Monomanie die Gründung von Seminarien ist, belegte die Frauen, welche ihr Haar sehen lassen, mit einem sehr häßlichen Namen. Dem Gespenst des Chassidismus kann Niemand entfliehen, der bei den Söhnen Arpads wochenlang weilt. Dem Herbste war eine lauwarme, wogende Saison in den Bädern vorangegangen, und der Heilige von Sandez hatte in den Thermen von Ofen sein Zelt aufgeschlagen und dort großen Hof gehalten inmitten zahlreicher Verehrer. Man denke sich das rebenumkränzte Amphitheater der Ofener Berge, ihre Silbersüße badend in dem stolzesten Strome der alten Welt, ein natürlicher Wall, an dem sich von jeher die Wogen der Völkergeschichte gebrochen haben, ein kleines Paradies, wie von selbst einladend zu milder Lebensphilosophie und zum Ergreifen ernster Lebensaufgaben; und als Contrast stehe daneben der kleine Dalai-Lama von Sande; mit seiner vergilbten Sohar-Weisheit und seinen lächerlichen Amuletten. Derselbe Heilige hatte auch in Preßburg recht gute Geschäfte gemacht: indeß von dem Schloßberge kann man sich solcher Anwandlungen wohl versehen. Einer meiner frühesten Ausflüge galt der Freistadt Aliefen. Der Localdampfer passirt das Kaiserbad, die weitläufigen Schiffswerfte des Lloyd, und berührt an den sich rasch verflachenden Usern die nicht sehr vornehm sich präsentirende Stadt. Die Synagoge mit ihrem grünen Anstrich macht sich.sofort bemerkbar. Ehrwürdig, gediegen, prunklos, ist sie längst von den Synagogenpalästen der Neuzeit überholt. Noch vor Jahrzehnten war dies anders; damals war Altofen die jüdische Metropole des Donaudreiecks, und die Pester Gemeinde, ein geduldetes Häuflein, hatte noch keine Ahnung von ihrer jetzigen strotzenden Größe. Gegenwärtig ist Altofen etwas herabgekommen, wie alle Nachbarstädte einer Nimmersatten Metropole; allein den milden Josephinischen Geist, vas nüchterne milieu, hat sich die Gemeinde zu bewahren gewußt, wodurch sie als eine fortschrittsfreundliche in früherer genügsamer, als eine friedliche in jetziger anspruchsvoller Zeit sich geltend zu machen wußte. Der Cantor Wahrmann, Bruder des Pester Dajans, verfügt über eine sehr metallreiche Tenorstimme, womit er uns bereitwillig regalirte. — Von da ging es nach der Musterschule, die über ein sehr stattliches, geräumiges Gebäude verfügt. Die Einrichtung war in jeder Beziehung'vortrefflich, die Schulzimmer hell, geräumig, einige Lehrsäle amphirheatralisch angelegt. In dem Leben der Anstalt waltet eine wohlthuende Ordnung, eine ausgezeichnete Disciplin. Auch diese Bildungsstätte ward durch den großen Menschenschätzer Joseph, bereits 1784, in's Leben gerufen; 1857 ward sie zur Musterschule erhoben, entbehrte aber zur Zeit noch einer Präparandie. In dem Lehrpersonal, namentlich dem Director Braun und den Brüdern Neumann, lernte ich ebenso tüchtige Schulmänner als gediegene Menschen kennen. In dem Fremdenbuche gesellte sich mein obscurer Name zu einer anschwellenden Schaar von glänzenden und längst bekannten. Später, als meine bescheidene Fremdenwohnung.' mit Gegenbesuchen sich füllte und ich an manchem Wintermorgen ein paar Notabiliräten der Pester Gesellschaft auf Holzstühlen placiren mußte, da trat mir in einem meiner Besucher nicht nur die halbvergessene Altofener Fort, sondern das gewaltige Menschenschicksal entgegen. Ein ehrsamer Uhrmacher, aus meiner heimathlichen Provinz nach dem fernen Ungarlande verschlagen und in Altofen seßhaft, hatte von meinem Hiersein gehört und ergriff die Gelegenheit sich dem Landsmanne vorzustellen. Er war aus Markt Uhlfeld in Mittelfranken, nur ein paar Stunden von meiner Vaterstadt gebürtig, und hoffte durch mich das Neueste aus den hopsenbauenden Gefilden des Frankenlandes zu erfahren. Ich konnte ihm aber wenig sagen, denn ich war schon damals bei den Slaven und Obotriten viel besser zu Haufe, als in meiner Heimath. Welche Sturzwellen des Geschickes mögen dieses Menschenkind Stoß auf Stoß nach Osten getrieben haben, bis er in Altofen sein Schifflein ankern ließ! Genug, da saß er nun und besserte Schwarzwälder Uhren aus und richtete sie nach dem Pester Sonnenzeiger, bis ihm eines Tages ein Fremdlingsname genannt wurde. Da glaubte er die Thurmuhr seines Marktfleckens aufs Neue schlagen zu hören und die fränkische Mundart wieder zu vernehmen. Vermischtes. Das seit Januar in Baltimore erscheinende „JewishChronicle" erzählt in Nr. 4, daß jüngst vor einem amerikanischen Civilgerichte folgender Fall entschieden ward. Eine junge Wittwe, R — y, kinderlos, hatte an ihres verstorbenen Mannes Bruder, der Testamentsvollstrecker gewesen, noch eine Geldforderung. Als sie zu einer zweiten Ehe schreiten wollte, erklärte ihr Schwager, ihr nur dann Chaliza geben zu wollen, wenn sie diese Geldforderung fallen ließe. Da sie keinen anderen Ausweg sah, willigte sie ein. Als sie aber verheirathet war, machte man ihr deutlich, daß dies lediglich eine Erpressung gewesen, zu der man die Religion und die religiöse Gewiffenhaftigkeit gemißbrancht hätte, da ihr Schwager gar kein Recht gehabt, für die Chaliza eine solche Geldforderung zu stellen. Die Frau strengte einen Proceß an, der Gerichtshof entschied zu ihren Gunsten, und der Schwager mußte das Geld auszahlen.