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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-02 · Heft 10 (2.3.1875) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 10 (2.3.1875)
Date
1875-03-02
Page
Seite 155 (sequence 9)
Language
German
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155 Bou der Donau, 16. Februar. lPnvatmitth.) sTie Juden und die Fafienpredigten.j Bn. Die kritische Lage, in welcher sich gegenwärtig das von der Natur so reich gesegnete Ungarn befindet, giebt wohl mit Recht zu den mannigfachsten Betrachtungen Anlaß. Bedenkt man, mit welchen kühnen Hoffnungen das October-Diplom begrüßt wurde, obwohl es die allgemeinen Wünsche nicht befriedigte, die patriotische Begeisterung, die die neue Berfaffung mit feinem Dualismus 1867 im Lande hervorgerufen; so muß man wahrlich, wenn man die jetzige trübe Stimmung damit vergleicht, mit rem Propheten ausrufen: „Wie bist du vom Himmel gefallen'." Welche eisige Entnüchterung ist diesen schönen, aber kurzen Tagen plötzlich gefolgt? Was mag nun die Ursache dieses merkwürdigen Wechsels sein? — In der höchst interessanten Budget-Debatte im Reichstag in Pest warfen sich wohl die erbitterten Parteien einander die heftigsten Borwürfe zu. Jede Pattei schob die Schuld der gegenwärtigen Misere der andern in die Schuhe. Viele sogar warfen der Nation ihre angestammten Fehler vor, die eigentlich die Materia peccans aller Uebel wäre. Immerhin ist ein bedeutender Schritt zur Erkennwiß der Diagnose geschehen, und darum kann nran sich damit trösten, daß man auch der Krankheit Meister werden wird. So viel steht fest, daß Großmannssucht, Prunkliebe, gewaltige Redelust ohne Thatkraft, plötzliches Aufwallen für eine Idee zu den eigenthümlichsten Charakterzügen der Magyaren gehören. Daß auch die Juden in Ungarn mit ihren magyarischen Brüdern dieselben Fehler theilen, versteht sich von selbst. Sonderbar aber sind es meist die Eingewanderten, die magyarisirten Deutschen, die nicht nur getreu die Nationalfehler der Ungarn copiren, sondern dieselben hierin noch überbieten wollen. Jni Reichstage nehmen diese Helden, die Herren Nemethi, Helsy :c. und wie alle die melhamorphosirlen Magyaren heißen, die äußerste Linke ein — und dasselbe Berhältniß ist auch bei den städtischen Repräsentantenkörpern in Pest, Preßburg, Szegedin, Temesvar rc. Es ist dies freilich in Cisleithanien ebenfalls der Fall, wo z. B. der jüngst verstorbene Costa, holländischjüdischer Abstammung, der Führer der Slovenen war. Solche Beispiele lassen sich sehr viele anführen'. Doch wollen wir hier bloß auf die jüdischen Zustände Rücksicht nehmen und einige Exempel hervorheben, um gleichsam ex. ungue leonem die jüdischen Magyaren zu kennzeichnen. Die Leser dieser Zeitung werden sich wohl erinnern, daß alle Bedächtigen und Besonnenen über das übereilte Vorgehen vieler Gemeinden und namentlich der Pester Gemeinde die magyattsche Sprache knall und fall in Schule und Synagoge einzuführen, bedenklich den Kopf schüttelten. Ein Gemeindebeschluß genügte, um in die Synagoge in Pest die magyarische Sprache einzuführen, die deutschen Gesänge zu verdrängen, einen ungarischen Prediger anzustellen. So unerheblich dies wohl an sich sein mag, ob die paar Lieder und Gesänge deutsch oder ungarisch vorgetragen werden, oder ob höchstens 10—12mal im Jahre ungarisch gepredigt wird, da ja in der Synagoge hauptsächlich die hebräische Sprache dominirt und die deutsche Predigt den eigentlichen Kernpunkt des Gottesdienstes noch heute in Pest bildet; so sagte man sich doch, wozu diese hastige Eile, dieser Uebereifer, der niemals gute Folgen haben kann? Umsonst wendeten die Mäßigen und Bedächtigen ein, warum sollen die Juden hierin das Beispiel geben, da man in den Gotteshäusern der andern Confessionen dergleichen nicht zu Ihun wagte! Die Chauvinisten wollten jedoch durchaus keine Raison annehmen, und so wurden in aller Eile die vom thörichten nationalen Eifer dictirten Beschlüsse durchgeführt. — Wie es hierin noch heute nach mehr als 10 Jahren in den meisten Kirchen der Hauptstadt besteht, können die geschätzten Leser aus folgender Mittheilung des Pester Lloyd Nr. 31 in Betreff der Fastenpredigten klar und deutlich entnehmen. Die Leser werden entschuldigen, daß wir sie mit "Notizen über katholische Fastenpredigten, die in Pest bisher durchaus in deutscher Sprache gehalten wurden und jetzt in der Hauptkirche abwechselnd in deutscher und ungarischer Sprache, behelligen, da es uns bloß daran liegt den Beweis zu liefern, daß eie jüd. Magyaromanen und Renegaten in ihrer blinden Wuth noch weiter gingen als die Vollblutmagyaren. Doch die Leser mögen den Ausschnitt selbst lesen und selbst urtheilen. „Schon im vorigen Jahre wurde der Wunsch geäußert, daß die Faslenpredigten in der Haupt-Pfarrkirche der Hauptstadt in ungarischer Sprache gehalten werden. Der Herr Pfarrer Schwendtner hat beim Primas die diesbezügliche Erlaubniß umsomehr angestrebt, als ja in sämmtlichen Pfarrkirchen Budapests diese Predigten in deutscher Sprache gehalten werden. Pfarrer Schwendtner hat das Verdienst, schon im Jahre 1870 in der Jnnerstädter Kirche den ungarischen Gottesdienst eingeführt zu haben und seinem Drängen gab der Primas auch nunmehr nach, indem er festsetzte, daß jeden Freitag halb 4 Uhr in der Haupt-Pfarrkirche die ungarische, jeden Samstag 5 Uhr aber in der Servitenkirche die deutsche Fastenpredigt gehalten werden soll." Daß auch hier die gewünschte Einführung der ungarischen Sprache von einem deutschen Pfarrer ausgeht, darf nicht befremden und bestätigt abermals unsere obige Bemerkung. Es ist ja allbekannt, daß die Klerikalen, Nationalen l?) und Feudalen überall in Europa Hand in Hand gehen. Es ist gewiß eine merkwürdige Erscheinung unseres Jahrhunderts, cas auf den Sieg der liberalen Ideen so stolz ist, baß es dennoch den Sprachfanatisnlnö heraufbeschworen hat, der wie jeder Fanatismus von sehr schädlichem Einfluß ist. Im Mittelalter galt der Grundsatz: Cuju> regio ejus Religio! Heute sagt man, da man sich um die Religion wenig kümmert: Cujus regio ejus lingua! Wahrlich, der Sprachsanatismus hat in Ungarn viel Unheil schon gestiftet, und I der Haß der andern Nationalitäten, mit denen freilich schwer zu

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