Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-02 · Heft 10 (2.3.1875) · p. Seite 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 10 (2.3.1875)
Date
1875-03-02
Page
Seite 153 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227025--33343-3303126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

153 Provinzialsynode hinwies, welche das Christenthum als gar nick: vom christlichen Dogma zu trennen hinstellte: so mag ich wohl heule einen weiteren Ausspruch, und zwar des Obertribunals, also der höchsten richterlichen Instanz im Staate hinzusügen. In einem Proceß wegen Gotteslästerung entschied dieser, daß eine Schmähung des „heiligen Geistes" eine strafbare Gotteslästerung sei, weil alle christlichen Kirchen darin übereinstimmen, daß der „heilige Geist und Jesus" Gott seien. Es ist gut, daß auf Liese Weise alles Schwanken und Tüsfteln in religiösen Dingen aufhöre, und Jedermann wisse, was unter bestimmten Namen zu verstehen sei. — In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, in welcher die erste Berathung des Gesetzentwurfes über die Verwaltung des katholischen Kirchenvermögens starrsanv, war ein Ausspruch des Abg. von Sybel bemerkenswerth. Von der Centrumspartei war es für einen Mangel an Delicatesse ausgelegt worden, Laß die protestantischen Abgeordneten über Angelegenheiten der katholischen Kirche mit verhandelten und abstimmten, während das Centrum dies bei Gelegenheit des evangelischen Synodalgesetzes Unterlasten habe. Sybel wies nach, daß ries nicht jedes Mal der Fall gewesen. Er fuhr dann fort: „Was sollte renn aus der Anwendung des von Herrn Windthorst vertretenen Princips werden? Wenn wir nun demnächst das Gesetz über den Austritt aus jüdischen Religionsgemeinden zu beralhen haben, soll das gesammte Haus mit Ausnahme seiner verehrten Mitglieder mosaischen Bekenntnistes Liesen Raum verlassen? Oder was soll bei einem Gesetze über die Rechtsverhältnisse der Mennoniten werden? So viel ich weiß, hat Las Haus in diesem Augenblicke die Ehre, zwei Mitglieder res mennonitischen Bekenntnisses in seinen Reihen zu zählen. Nun, wir würden alsdann also diese zwei Herren unter vier Augen mit dem Ministertische verhandeln sehen." Bekanntlich finden sich im preußischen Abgeordneienhause nur zwei Israeliten, die Herren l>I)r. Lasker und Marburg. Der Form nach hat nun Herr von Sybel vollständig Recht. Ist es aber sachlich nicht dennoch so? Die bisherigen Verhandlungen des Hauses über diese Angelegenheit rer jüdischen Gemeinden boten sactisch kein anderes Bild, als einen Dialog des Abg. Lasker mir rem Ministertische. Er war es, der den Antrag stellte, er, der ihn ausführlich behandelte, und er, der die Mehrheit des Hauses zu ihrem Votum bestimmte. Und wird es bei der wirklichen Verhandlung anders sein? Haben die Abgeordneten eine Kenntniß der wirklichen Verhältnisse rer jür. Gemeinden? Soviel zu Tage tritt, har man diese immer vermißt, und man kann es nicht anders erwarten. Darum wäre es freilich angelhan, daß die Abgeordneten doch mehr aus die von allen Seiten dem Hause zugeftrömten Petitionen der jüdischen Gemeinden achteten, als daß sie einzig und allein der Stimme des Abgeordneten Lasker folgten. Die Petitionscommission hat soeben erwiesen, Laß man fehlginge, wenn man auf eine Aenderung hierin hoffte, und wir müssen daher unser Vertrauen auf die Staatsregierung setzen, welche über die wirklichen Verhältnisse besser unterrichtet ist und gewissenhafter zu Werke geht. Königsberg, 10. Februar. iPrivatmittheil., In voriger Woche verschied hier l)r. Heym. Jolowicz, welcher früher Rabbiner in Marienwerter, Kulm und Cöslin gewesen, aber seil vielen Jahren hier, mit literarischen Arbeiten beschäftigt, privatisirre. Er hatte der äußersten Resormpartei angehört, und war dies wohl der Grund, daß er aus dem rabbinischen Amte schied. Er war ein Mann, der aufrichtig seiner Ueberzeugung zugelhan und hingegeben war, dieselbe mit vollem Osienmurh immer vertrat. Seiner Ansicht nach sollte das neuere Judenkhum sich auf den Standpunkt der Propheten stellen. Seine literarischen Arbeiten hatten früher jüdische Gegenstände zum Inhalt, wie: „Die fortschreitende Entwicklung der Juden in Deutschland und die wissenschaftliche Ausbildung des Judenthums von Mendelssohn bis auf unsere Zeit" «Berlin, ld! l >; verschiedene Predigten und Schulbücher; auch harre er an der Uebersetzung und Commentirung des Buches Kusari von Cassel Antheil, sowie an der Herausgabe der Mendelssohüfchen Schriften. Später beschäftigte er sich besonders mir Uebersetzungen. namentlich englischer Werke von allgemeinem Interesse, und gab auch eine werlhvolle Sammlung orientalischer Poesien in Uebersetzungen heraus. So haben wir an ihm Charakterfestigkeit und unermüdliche Thäligkeit zu rühmen, und sein Andenken wird Vielen theuer bleiben. Breölau, 111. Februar. , Privatmilth.) So weit bis jetzt eine bestimmte Absicht schon besteht, soll die Stelle des Tirectors des jüdisch-theologischen Seminars vorläufig noch nicht wieder besetzt werden. Prof. llr. Grätz übernimmt die Leitung, und ein Mitglied der hiesigen Gemeinde, Herr Samuel Kornfeld, einstweilen den Unterricht im Talmud.*, Frankfurt a. M„ 10. Februar. (Privatmitlheil.) Tie hiesige , Religicnsgenossenschaft" (Separatgemeinde des l>r. R. S. Hirsch) ist jetzt beschäftigt, sich ein Statut zu geben. Wer etwas Groteskes und zugleich den jüdischen Bräuchen und Grundsätzen Zuwiderlausendes lesen will, nehme dieselben zur Hand. Alle Machrsülle und Besugniß ist in die Hände des Rabbinen gelegt, Lessen Entscheidung in jeder Angelegenheit allein maßgebend ist. Wir sind weit davon entfernt, den Leser mit Details aus diesem eigenthümlichen Machwerk behelligen zu wollen; sind die Anhänger des l)r. Hirsch damit einverstanden und zufrieden, wen geht dies weiter an? Nur müßte man dem Herrn »r. Lasker ein Exemplar dieses Statuts übergeben, damit er doch erkenne, für welche Art von Gewissensfreiheit er seine Rednerlanze und seine Autorität einsetzt. ", Wir erhielten bereits mehrere Zuschriften über die Ängclegcnheir der Wiederbcsetzung des Direetcrats am Seminar. Wir werden sie in weiteren Nummern geben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.