Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1875)
- Date
- 1875-03-02
- Page
- Seite 150 (sequence 4)
- Language
- German
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150 für die Gegenstände derselben immer bahnbrechend, wenn auch nicht abschließend. Der Entwicklungsgang Frankels war ein eigenthümlicher. Er begann als Reformer des Gottesdienstes in Teplitz, wo er, so viel wir wissen, zuerst, außer dem Hamburger Tempel, die Orgel in die Synagoge einsührte. Mit dem Antritt seiner Stellung in Dresden wandte er sich jedoch von dieser Reform ab, neigte sich immer mehr nach der orthodoxen Seite, welcher er sich in Breslau ganz anschloß. Es kann ihm hieraus sicherlich kein Borwurf gemacht werden, da es eben aus dem Berlaufe seiner innern Ueberzeugung hervorging. Das religiöse Gefühl überwand in ihm den kritischen Geist, und da er mehr wissenschaftlich reproducirte als eigene schöpferische Kraft besaß, so erblickte er in den Fortschritten der Resormbestrebungen nur die Förderung des religiösen Jndisserentismus, der ihm ganz besonders zuwider war. Hiermit hangt dann auch zusammen, daß er bei der umfassendsten Gelehrsamkeit, bei Scharfsinn und Combinationsgabe wohl eine glückliche Kritik übte, bis er zu einem Gegenstände von eminent theologischer Bedeutung gelangte, wo er alsdann die Consequenz seiner Kritik zu ziehen abbrach. Darum geschah es. ihm auch, daß, wo er außerhalb seiner Lehrthätigkeil in das praktische Gebiet einlrat, er nicht glücklich war, wie im Hamburger Tempelstreit und aus der Rabbinerversammlung zu Frankfurt am Main. Frankel hatte ein sehr würdevolles Aeußere unv eine nach dieser Seite hin eindrucksvolle Persönlichkeit. Man erkannte in ihm sofort den Gelehrten, den Denker, den Theologen; ein etwas wehmüthiger Zug prägte sich auf seinem Antlitz aus. Dies und das Gehaltvolle dessen, was er äußerte, sowie die Correctheit, wenn auch nicht Gewandtheit seines Styles, zog ihm die Aufmerksamkeit zu, sobald er sprach. Redner aber war er nicht; dazu fehlten ihm der Fluß der Rede und äußere Gaben. So haben wir dem Verewigten ein ehrenvolles Gedächtniß zu widmen. In seinem Wesen, wie in seinen Talenten, in seinen Leistungen in Amt und Literatur, wie in seinem ganzen Lebenswandel, haben wir ihn zu ehren unv anzuerkennen, wenn wir auch nicht in das überschwängliche Lob einstimmen, das ihm von seinen Anhängern zu Theil wird, sondern gerade wenn wir diesen bedeutenden, psiichtgetreuen und unermüdlichen Geist objectiv betrachten. Auf dem Gebiete der jüdischen wissenschaftlichen Literatur hat er sich dauernde Denkmäler gesetzt. Ueber die letzten Tage unv das Leichenbegängniß Frankels erhalten wir folgenden Bericht: Breslau, 18. Februar. Wer jemals das Gluck genossen, dem verewigten Frankel nahe zu stehen, der hatte täglich Gelegenheit, seine rastlose Arbeitskraft und seinen seltenen Pstichteifer kennen zu lernen unv zu bewundern. Mit wahrhaft jugendlicher Frische und mit wunderbarer Energie, die mit Leichtigkeit häufiges Unwohlsein und körperliche Schmerzen besiegte, lag der seit Wochen gebrechliche Greis den schweren und umfassenden Pflichten seines Amtes ob. Seit Jahren war es trotz seiner Leiden nur selten vorgekommen, daß er seine Amtsthätigkeit hätte unterbrechen müssen. Und die asthmatischen Beschwerden, die ihn in voriger Woche gezwungen hatten, seine talmudischen Vorlesungen auszusetzen, waren am vergangenen Freitag bereits so weit gehoben, daß er die Arbeit wieder aufzunehmen entschlossen war. Mit neuer Geistesfrische vollendete er am letzten Freitag die Einleitung zu seinem Commentar über den jerus. Traciat Demai und sprach mit zuversichllicher Hossnung von den vielfachen Entwürfen zu wissenschaftlichen Arbeiten, die seinen Geist bewegen. Am Abend hatten seine Hörer die Freude, ihn wieder an seinem Platze in der Synagoge zu sehen. Heiter und angeregt verlebte er den Abend. Aber in rer Nacht kehrte mit erneuter Heftigkeit sein Leiden wieder, und am Sabbath, Nachmittag um 2 Uhr, hatte er voll- Bon nah und fern eilten Schüler und Freunde herbei, den unsterblichen Lehrer und Meister zur ewigen Ruhe zu geleiten. Mehr als dreißig der von ihm gebildeten Rabbiner folgten trauernd seiner Bahre, von den zahlreichen auswärtigen Depulirten seien nur Prof. Kämpf, Oberrabbiner Laubau und Rabb. Treuenfels hervorgehoben. Am Dienstag. 16. Februar, um 2 Uhr begann die erhabene unv erschütternde Feierlichkeit. Man hatte die Leiche in die mit Traueremblemen decorirre Synagoge des Seminars getragen. Der Chor sang den 16. Psalm, und als erster Redner bestieg Rabb. l>r. Perles aus München die schwarzbehangene Kanzel. Aus tiefbewegtem Herzen rief er Namens der alteren Schüler dem verklärten Meister den ergreifenden Scheidegruß zu. Mir Worten, die aus dem Herzen kamen und zu Herzen gingen, versuchte er dem Schmerze Ausdruck zu geben, der Alle durchzuckte bei der Nachricht vom Hingang dieses Großen in Israel. Nach ihm erhob Oberrabbiner Dr. Landau, der Nachfolger des Verewigten im Königl. Sächsischen Oberrabbinat, mit beredtem Munde die Todtenklage. Anknüpfend an die Worte: "n tt 'isi sprach er von dem achtzehnjährigen Wirken und Schaffen Frankels in Dresden, von seinen Verdiensten um die Einigung der Gemeinde, um die Belebung des Religionsunterrichts und namentlich um die Hebung und Gleichberechtigung der Glaubensgenossen. Wie die Großen der Erde, die nach der Erzählung des Midrasch sich versammelten Lei der Leiche des Erzvaters Abraham, könnten auch wir ausrufen: Wehe der Welt, ihr Führer ist dahin; wehe dem Schiffe, sein Steuermann ist dahin! Mit einem erschütternden Abschiedswort an den verblichenen Lehrer und Freund, dem er seit einem Menschenalter mit Liebe und Anhänglichkeit gefolgt sei, schloß der ehrwürdige Redner seinen Vortrag. Nach ihm sprach Dr. Schwarz im Namen der zurückgebliebenen Schüler. Er pries den Lehrer, der stets über seinen Schülern gewaltet und für sie gesorgt wie