Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1875)
- Date
- 1875-03-02
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227025--33339-3303122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
auS falsch, dies den erwachten Reformbestrebungen zuzuschreiben. Gerade das Entgegengesetzte ist die Wahrheit. Zunächst war es der der eingetretenen Geistescultur unleugbar einwohnendc Zersetzungseinfluß, gegenüber der Religion überhaupt und besonders der bis dahin stabilen Form derselben, welcher viele Individuen für die Religion gleichgültig machte und ihr religiöses Bedürfniß auf Null herabsinken ließ. Dann war es die Unlust an den von den Gemeinden starr sestgehaltenen Formen, welche Biele gegen die Gemeinde und ihre Existenz gänzlich gleichgültig machte. ES war dies ein bedrohlicher Zustand, der, wenn er lange angedauert hätte, die Gemeinden und ihre Anstalten hätte völlig verkümmern lassen. Aber die Reforinbestrebungen, welche jetzt erwachten, brachten neues Leben hinein. Sie erstreckten sich nicht allein aus den Gottesdienst, sondern bald auch aus alle Gemeindeinstitute und die Gemeindeversaffung selbst, sie nach dem Bedürfnis und Geiste der Neuzeit zu verjüngen. Obschon sich nun bald auch die beiden Gegensätze der Stabilität und der Reform bemerklich machten, so suchten doch die bei Weitem meisten Gemeinden durch Einhalten einer gewisien Mittelstraße die Einheit der Gemeinde zu erhalten. Demungeachter konnte unter allen Liesen Einstüffen eine Schwächung jenes uralten EinheilsiriebeS für die Gemeinde nicht ausbleibcn. Nicht allein der Gegensatz in den religiösen Richtungen, sondern überhaupt das Oppositionsgelüste, das in unsrer Zeit auf allen Gebieten in den Individuen allzu lebhaft ist, trübte den Bestand der Gemeinden in mannichfacher Weise. Jede Minorität will sich der Gesammtheit entziehen, sobald sie diese zu beherrschen nicht vermag, und eine solche Minorität ersteht nicht selten gar nicht ans religiösen Ansichten, sondern vielleicht noch öfter aus persönlichen Gründen. Seitdem in Preußen rer freie Austritt aus der Gemeinde in Aussicht gestellt worden, hat sich bereits die Sucht, sich stückweise von der Gemeinde zu trennen, um so öfter gezeigt. Wir brauchen es aber nicht erst bemerklich zu machen, wie eine Zerstückelung der Gemeinde auch die Zersplitterung der fräste, ja der Austritt einiger Individuen schon eine Berminderung derselben, der Verfall der Gemeindeanstalten aber die wachsende Abschwächung des Znteresies zur Folge haben würde. Wenn man aber glaubt, daß die Gewiffenssreiheit durch diese Beeinträchtigung des Gemeindewesens gewinnen werde, so wird man sich praktisch von diesem Jrrthum überzeugen. Denn die in ihrer Existenz bedrohten Gemeinden werden, wie wir mit Bedauern voraussehen, Bedingungen für ihre Mitglieder ausstellen, die nicht immer blos finanzieller Natur sein dürften, und die einzuhallen alle diejenigen genöthigt sein werden, welche für das religiöse Leben Loch nicht so abgestorben sind, daß sie sich desselben gänzlich entäußern möchten. Zustande endlich, wie sie in Amerika bei der gänzlichen Freiwilligkeit für die religiösen Genossenschaften bei den Juden daselbst sich herausgestellt haben, sind wahrlich nicht wünschenswerth. Die dortigen Gemeinden wegen der Kostspieligkeit ihrer Anstalten machen es dem nicht wohlhabenden Theile schwer, dem armern unmöglich, an denselben theilzunehmen, und so leben in Rew-st>ork weil über .'>0 Proeenl der Juden gemeinde- und hiermit schließlich auch religionslos. Ob dies Verhältnisse sind, welche zu erstreben die Sache der Orthodoxie ist. geben wir jedem aufrichtigen Orthodoxen zu bedenken. Genug, wir glauben erwiesen zu haben, wie verderblick, für das Iudenthum die Vernichtung der Gemeinreeinheil fein werde, und wie die Feindseligkeit gegen die letztere auch eine Feindseligkeit gegen die Religion selbst einschließt. ft,-. Zacharias Krankel. Abermals hat sich das Grab über einen Mann geschlossen, der zu den verdientesten und wirksamsten un neuern Judenlhume gehörte, und welcher zur Zeit in seiner Stellung unersetzlich erscheint. llr. Zacharias Frankel war am 1. October Idol in Prag geboren. In seiner Jugend tüchtig talmucisch geschult, lag er auch den Gymnasialstudien ob und besuchte die Universität zu Pest. Daselbst promovirle er Ib3i, und wurde I mildem Kreisrabbinaw Leinneritz, Hauplsitz Teplitz, betraut. Er folgte 153«; dem Rufe als Oberrabbiner in Dresden, und unterftützre hier nachdrücklich und erfolgreich den besonders von Nr. Bernhard Beer als Vertreter der Gemeinde geführten .skamps um die Besserstellung der Juden in Sachsen, wo damals außer Dresden nur noch in Leipzig eine mäßige Zahl Juden wohnten. Auch in Berlin wollte man ihn gern als Rabbiner anstellen, aber die staatlichen Verhältnisse des jüdischen Cultusbeamien in Preußen sagten ihm nicht zu. Er nahm vielmehr die Stelle als Tireeter des eben gegründeten jüdisch-theologischen Seminars im August 1Sö 1 an. An dieser Anstalt wirkte er als Leiter und Lehrer bis zu seinem Tode, der am 13. Februar d. 2. erfolgte. Er prägte diesem Institute den Charakter aus, den es bis jetzt bewährte, und bildete eine stteihe von Schülern aus, welche dem Verewigten ein liebe- und verehrungsvolles Andenken widmen. streben dieser amtlichen und Lehrthärigkeit hat Frankel ununterbrochen seinen wissenschaftlichen Arbeiten gelebt. Seine beiden Schriften: „Tie Eidesleistung der Juden in theologischer und historischer Beziehung" .Dresden 1510. 1517) rmd „Der gerichtliche Beweis nach mosaisch-talmudischem streckt" «Berlin 1dl«!) hatten äußere, politische Veranlassungen. Seine eigentlichen wissenschafllicken Arbeiten begann er mit den „Vorstudien zu der Septuaginta (Leipzig 1 b H ", und setzte sie besonders mit seiner Einleitung in die Misckmah l 15.70 und seinen Arbeiten über den jerusalemiiischen Talmud (157<>. 157-1 > fort. 'Außerdem erschienen in der von ihm herausgegebenen Moiiarstzbriri und als Programm zu den Jahresberichten des Seminars viele werthvolle Abhandlungen. In allen diesen Leistungen war er