Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1875)
- Date
- 1875-02-23
- Page
- Seite 141 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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141 kern ein Gegenstand des Unwillens und der Berachtunz fine, während sie Duldung und Mitleid genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten. welche Euch in Anspruch nehmen, ihre Klage nicht geringschätzen, daß Ihr mit einigem Jnteresie die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos ersehnt haben, und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure Wohlthal und Euer Werk sein!" Clermont-Tonnerre nimmt sich mir Wärme dieser rührenden Bitffchrift an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit verfiel, um ein Recht zu verweigern, daß eigentlich als schon ertheilt gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich, er hat ein breites, verwogenes Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte; einen festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber ausspricht, daß irgend Jemand dies Sophisterei nennen kann. Er ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenige Monate nachher, als man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: „an den Laternenpfahl mir ihm!" umdrängte, die Antwort gab: „meint ihr, liebe Freunde, daß ihr dadurch Heller sehen werdet?" Er sagt: „Wer wird in unsern Tagen noch von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder. Aber die Juden Bürger nennen, würde daffelbe sein, wie einzuräumen, daß Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne aufzuhören Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten." Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern, welche man ihnen zuschrieb. „Dies Volk," fährt er fort, „hat siebzehn Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mir den andern Völkerstämmen zu vermischen; sie haben nur Geldschacher gettieben; kein Einziger unter ihnen har es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er eine Pflugschaar geführt, oder ein Stück Land bebaut häm Advocat von Fache, einer von denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter den hervorttetenven Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht ist gewöhnlich und nickt sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen Namen, auf den Niemand Gewicht legt: „Maximilian Robespierre". Er besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: „Die Laster der Juden sind eine Folge der Erniedrigung , in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie werden gute Menscben werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu sein." Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den Antrag spricht, charakteristisch genug begriff derselbe Protestanten, Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte der ersten beiden Clasien wurden anerkannt; aber da Mirabeau die Unmöglichkeit der Förderung des Antrages in Betreff der Juden einsah, ließ er die Verhandlung über diesen Punkt aus unbestimmte Zeit vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr Gesuch, aber welch eine Veränderung im Tone! Die demülhige Bitte des Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden. Man appellirl nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an: „Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten, während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden diese herrschende Religionen sein; aber es giebr keine herrschende Religion, da Alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie, weil sie m einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte mit dieser Freiheit verknüpft ist. So viel ist gewiß: indem man die Men-! schen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Ab- Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste ver-! sich: gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt." Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne Debatte durch." boten war, das geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß Niemand an derselben etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Colonie machen, wenn man ihnen Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Depunrter aus dem -AUS üET fmfCtttttpjJE Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Pro- „ - ~ 4 vrnz emstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe. I Pest vor sechözehu Jahren. Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal! (Fortsetzung.! des Antrages entsckieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagte Meisel's Candidatur für den vielbegehrten und ziemlich Protest zu erheben. Es ist ein noch ganz unbekannter Mann,; dornenreichen Pester Rabbinatsstuhl trat schon recht breit in den