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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 142 (sequence 12)
Language
German
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142 Vordergrund und hat sich ja auch ein paar Monate darauf l glücklich realisirt. Neben ihm wurden besonders noch zwei Namen j genannt, von denen der berühmtere, Leopold Löw, wenn ick r nicht irre, keine Initiative ergriff, sondern von zahlreichen Freun- « den ausgestellt wurde. Noch kur; vor meiner Abreise, im De- < cember, war es mir vergönnt den tüchtigen und vielseitigen I Gelehrten persönlich zu begrüßen und die literarische Bekanntschaft i mir ihm in eine warm menschliche zu verwandeln. Eine impoi nirende, echt männliche Erscheinung, wie geschaffen in Leben und i Lehre repräsentativ aufzutreten. Nur das näselnde Organ deu- : tete unleugbar und viel zu stark ausgeprägt aus die Einflüffe 1 seiner czechischen Heimath. i Einmal sprach ich ihn im Schwäbischen Familienkreise, mit denen er nahe verwandt; durch seine erste Frau war er des ' seligen Lob Schwab Schwiegersohn. Unter den Personen, die sich ihm näherten, begegnete mir eines Tages der erblindete Lehrer Rosen zweig. Dieser Unglückliche, dessen traurige Lage kurz vorher verdiente Theilnahme erregt, declamirte uns aus seinen im Subscriptionswegc veröffentlichten Gedichten. Ein blinder Dichter, der seine eigenen Inspirationen recilirt, ist eine so hochtragische Erscheinung, daß er an die edelsten und größten Gestalten der Vergangenheit erinnert. Allein die Verse waren mittelmäßig und die Vortragsweise von ermüdender Eintönigkeit. Ein anderes Mal besuchte ihn der Rabbiner In-. Rokonstein, dessen bewegtes Wanderleben vor nicht langer Zeit, ich glaube in Bukarest, beschloffen worden ist. Damals war er eben frisch von seinem Agramer Rabbinate ohne erheblichen Grund vertrieben worden und unterhielt uns mit den Einzelheiten parnaßischer Willkür und Sultanslaune. Die Gemeinde Agram hat die Vertagung der Rabbiner seit Jahren ziemlich methodisch betrieben. Den Vorgänger Rokonstein's, Goldmann, hat ihr Zorn sogar in den Schooß der herrschenden Kirche geführt, wobei er an dem Cardinal - Erzbischof Haulik einen willfährigen Gönner fand. Vielleicht denkt der geneigte Leser, an Dem habe die Gesammtheit eben nicht viel verloren und hat wohl auch Recht, allein dies schmälert nicht im Geringsten das herzlose Unrecht der Vertreibenden. Das Judenthum ist eine so treue, liebevolle Mutter, daß ihm auch der letzte rer Seinigen nicht ohne Wehmuth verloren geht; und nicht um den Parnaß- oder Gabbai-Stolz von Klein¬ oder Weißrußland möchte ich es auf dem Gewissen haben, daß sich auch nur eine jüdische Seele von dem großen Mutterherzen hinwegwende. Der Apostat selbst hat in seiner ganzen Erscheinung für uns etwas Unheimliches; und hierin ist unser Zeit bewußtsein viel ernster und nachsichtslofer als beispielsweise die Zeit des Maimonides, der unter dem schwülen Drucke rer Almoraviden dachte und schrieb, und bekanntlich in seinem Ageret hafihemat sehr milde Saiten gegen die Conveniten aufzieht. Ich möchte überhaupt drei Claffen von Apostaten unterscheiden, von denen die erste, der gezwungene Neophyt iOnos) in den Kulturländern, die wenigen Morlarafälle ausgenommen, Gottlob jetzt nicht mehr angetroffen wird. Die zweite Gattung umfaßt den gleichgiltigen, principlosen Apostaten, der sich durch irgend einen äußern Antrieb, durch Erfolge in Wissenschaft, Kunst. Gesellschaft u. dgl. für die neue Lehre anwerben läßt. Mit ihm kann sich unser Gefühl noch friedlich auseinanderfetzen; wir können ihm auf dem neutralen Boden der Kunst, der Specialwiffenschaft, des Verkehrs anerkennend und würdevoll begegnen, wenn er nur selbst die Entfremdung und die Velleität einernachträglichen Ueberzeugung nicht zu weit treibt. Wer möchte leugnen, daß gerade unter dieser Classe die jüdische Reform ganz bedeutend aufgeräumt hat: Die neuorlhodoxe Schiurstube soll einmal diese Thatsache hinwegzuräsonniren suchen. Es erübrigt noch die Classe der mehr oder minder polemischen Apostaten. Das ist der eigentliche Renegat, der feindlich gewaffnet gegen die verlassene Mutter auftritl, aus dessen Schaar sich früher die Karben und die Pfefferkorn rekrutirten, sowie aus derselben Schaar sich heute noch die seelenfangenre Straßenrhelorik von England und Nordamerika ergänzt. Interessant bleibt übrigens die Geschichte der Apostaten immer, und bei den guten und harmlosen Gestalten unter dieser Geistesemigrarion gewinnt das Interesse überdies noch etwas lehrhaft Warnendes- Welche geistigen und sittlichen Häutungen mögen wohl vorangegangen sein, bis der Sohn einer braven, glaubenstreuen Witwe aus meiner Gemeinde sich als Professor Paulus St. in der kleidsamen Benediktincrkutte zu G. wiederfant. Sein Name begegnete mir in der Landeshauptstadt, wo er zur selben Zeit gerade weilte und seinen früheren Schulkameraden, einen tüchtigen jüdischen Juristen, besuchte, der mich bei diesem Anlasse mir einem Theil feiner Geschichte bekannt machte. In der Person eines H.. Sohnes eines tüchtigen jüdischen Gelehrten, trat mir eine ebenso gemüthliche, wie geistig sich unterordnende Persönlichkeit entgegen, dessen gereimte Lehrmethode ich lange unter meinen Curiosa aufbewahrte, während seine schöngeistigen Versuche und sein Talent für Freundschaft das Minder - bedeutende seiner Erscheinung zu haben geeignet war. Ein Dritter, Siegmund S., einer nicht unbekannten literarischen Fa-; milie angehörig, war so höflich, seine Karte bei mir abzugeben,; sobald meine Anwesenheit öffentlich bekannt geworden war. - Uebrigens — ich lasse mirs nicht nehmen — hat der Abfall,; selbst unter sehr mildernden Nebenumftänden, meistens etwas i Bedrückendes, und — ich finde leider keinen milderen Ausdruck : — Degradirendes für den innern Menschen. Am ersten verliert sich der jüdische Verstand, und zuletzt nimmt auch das jüdische : Herz, welches der Entfremdung am längsten widersteht, Rerßaus. - Die Gesichtszüge selbst gehorchen den: Wechsel der Dogmen und t commenliren jede Phase der Fahnenflucht auf's Deutlichste. > Fortsetzung folgt.,

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