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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 140 (sequence 10)
Language
German
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140 Reflexionen zu machen die mir nicht ohne Werth scheinen, um sie zur Aussprache zu bringen. Es hat im Auslände Aufsehen erregt, daß das italienische Abgeordnetenhaus 12 Israeliten in seinem Schovße zählt. Dieses Resultat ist nicht bloß aus der jüngsten Wahl hervorgegangen, sondern das vorhergegangene Parlament hatte dieselbe Zahl unsrer Glaubensgenossen in seiner Mitte. Wenn man nun erwägt, daß ganz Italien bei einer Bevölkerung von 22 Millionen Seelen noch nicht ganz 40.000 Israeliten zahlt, also noch nicht einmal der 250ste Italiener jüdischer Religion ist. so ist die Zahl von 12 jüdischen Deputirten außer allem Berhältniß zur jüdischen Bevölkerungsziffer. Rechnet man nun hinzu, daß eine beträchtliche Zahl Israeliten in allen Zweigen des öffentlichen Lebens, in Staatsamtern, Municipien, Magistratur, Avvocatur, auf den Lehrstühlen der Universitäten und Lyceen Stellen bekleiden, viele nicht ohne Auszeichnung, so bildet dies gewiß ein außerordentliches Zeugniß. Welches ist aber der bedeutendste Schluß aus dieser Erscheinung? Wenn man beoenkt, daß die Gleichstellung der Juden erst mit der Zerstörung des allen Regimes, mit rer Aufrichtung des einheitlichen italienischen Staates eingctreten ist. also noch keine anderthalb Jahrzehnte besteht, muß man zugestehen, daß die Juden in Italien sich lange Zeit früher emancipirt haben, als ihre politische Emancipaticn erfolgte, ein Umstand, der auch von den Juden in Deutschland gesagt werden kann, während es in andern Ländern, wie Frankreich und Holland, nicht so der Fall war. In Deutschland, wie in Italien, war die Gleichstellung rer Juden nicht bloß eine theoretische Forderung des Staatsprincips, sondern eine praktische Nolhwendigkeit, sollte der Staat nicht aller Gerechtigkeit sich entkleiden wollen. Hinzufügen muß ich noch die Bemerkung, daß obiges Berhältniß für unsere Glaubeusgenoffen in meinem Baterlanre darum noch mehr spricht, weil rer Bolksunterricht in demselben noch heute so sehr darniederliegt und die Massen deshalb der Befähigung für das höhere gesellschaftliche Leben noch sehr entbehren. Erklärt dieser Umstand, daß es hierdurch einer gebildeten Claffe viel leichter als anderswo wird, eine größere Zahl ihrer Mitglieder in den Vordergrund treten zu lassen: so wird eben hierdurch bezeugt, daß die Juden in Italien seit langer Zeit ihre Jugend gut haben unterrichten lassen und zu einer höhern Bildung erzogen, wahrend sie noch unter dem schmählichsten Ausschließungsdrucke schmachteten. Solche Betrachtungen dürfen wir uns erlauben, nicht um damit zu prunken, sondern weil ohne sie die Thatsachen ihren Werth für die Geschichte verlieren. — Dahingegen ist auch in Italien die betrübende Erscheinung nicht ausgeblieben, daß Vieser Emancipaiionsvorgang in religiöser Beziehung nicht ohne nachtheilige Wirkung geblieben ist. Wie wenn ein Gewässer lange Zeit hinter einer unübersteigbarcn Wehr sich aufgestaut hat, und dieser Damm plötzlich durchstochen wird, sich das Gewässer mit unwiderstehlicher Gewalt ergießt und in die Ferne sich zerstreut, so haben sich die gebildeten italienischen Juden nach erlangter Gleichstellung in alle Kanäle des öffentlichen Lebens gestürzt, und athmen und leben nur in diesem. Das religiöse Moment hat sich für sie außerordentlich abgeschwächt; das religiöse Interesse ist für eine große Anzahl derselben auf Null gesunken, und da zugleich in vielen Theilen Italiens die bisherige Verfassung der jüdischen Gemeinden ihre Gesetzeskraft verlor, sind diese in den größten Verfall gerathen. Daraus erklärt es sich auch, warum dre Rabbinerschule zu Pavua auseinanderfiel und ihre Wiederherstellung noch immer nicht erlangen kann. Ich meine nun. daß, so betrübend diese Zustände auch sind, sie doch eben nur den Uebergang begleiten, der sich vollzogen hat. Das religiöse Moment kann nicht aussterben, namentlich nicht im jüdischen Stamme, in ressen Natur es so tief gebettet liegt, und wirb daher, sobald der politische Strom sich erst wieder beruhigt hat, wieder stärker erwachen und dann sicherlich zunächst in einer Reorganisation der Gemeinden zu Tage treten. Denn am Thatsächlichen versucht sich der erwachende Geist immer am ehesten. Jeuilleion. Die französische Revolution und die GleichKellung der Juden. „Die Hauplströmungen rer Literatur des 10. Jahrhunderts. Vorlesungen, gehalten an rer Kopenhagens Universitär von G. Brandes. Uebersetzt von Adolf Stradtmann. Dritter Band: Die Reaction in Frankreich." Bei Gelegenheit der Behauptung, daß während der ersten französischen Revolution die Ansichten mit reißender Schuelligleit vorwärtseilten und in kurzem Zeiträume oft die Borurtheile und Gewohnheiten von Jahrhunderten überwanden, berichtet das Buch folgende Thatsache: „Im October 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalifcber Tracht, s?) Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. „Hochgeborene Versammlung," sprachen sie, „im! Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller Gerechtigkeit und I Wahrheit ist. im Namen Gottes, welcher allen Menschen gleiche! Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die Jahr, hunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden, welche die unglücklichen Nachkommen des ältesten aller Völker in fast allen Erdgegenven erlitten, erscheinen wir. um Euch zu beschwören, unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie aufrührerisch sind, die, welche bei allen Böl-

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