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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 139 (sequence 9)
Language
German
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139 Schweiz. Neuchatel, l'2. Februar. sPrivatmitth.! In vergangener Woche hatten wir hier den seltenen Genuß, drei Vorlesungen „Ueber den Talmud" von Herrn Großrabbiner Wertheimer aus Genf zu hören. Ich glaube, daß dies das erste Mal war, daß an hiesigem Orte ein Rabbiner öffentlich spracd. Da der Gegenstand überall eine große Anziehungskraft besitzt, und Herr Wertheimer sich eines sehr guten Rufes in der Schwei; erfreut, war der Andrang ein unerhört großer, was, da der Ertrag für die armen Juden in Syrien bestimmt war, um so erfreulicher ist. Der Redner wußte seine Zuhörer sowohl durch Form als Inhalt zu fesseln. Es versteht sich, daß der letztere vorzugsweise apologetisch war und sich nach der Richtung bewegte' welche Herr Emanuel Deutsch in seiner bekannten Abhandlung über dieses Thema so erfolgreich eingeschlagen harre. Wir hallen solche Vorträge von großem Nutzen, da sie unmittelbarer in ein größeres Publicum dringen, als sich Flugschriften, Broschüren , oder gar dicke Bände zu erwerben vermögen. Es müßten dergleichen über denselben Gegenstand an vielen Orten gehalten werden. Belgien. Brüssel, 12. Februar. «Privannitib.- Seit langer Zeit weisen Sie daraus hin, daß in dem Meinungskampse zwischen den ultramontan-pietistischen Parteien und ren freidenkerischen der sichere Aukergrund einer vernunftgemäßen religiösen Ueberzeugung im Judenthume zu finden sei, und daß man seine Zustucht zu den lehren desielben nehmen werde. Die Verwirklichung dieser Ansicht kann natürlich nur eine langsame sein, aber sie scheint doch, besonders bei rer immer schrofferen Wendung, welche sener Kampf nimmt, sich schneller zu nähern. Es erscheint jetzt ein Werk des l»>. v. Boiins über Louise Lateau. und das hier erscheinende Echo du Parlament enthält folgende Stelle aus demselben, die wir hier wörtlich übersetzen. Das Judenthum, aus dein die katholische Kirche, wie aus dieser wiederum später rer Protestantismus entstanden ist, hat sich wohl gehütet, jenen gefährlichen Weg zu betreten. Wollen Sie wisien, was die Juden von den Wundern halten, so hören Sie, was einer ihrer hervorragendsten Repräsentanten, Herr Astruc, belgischer Großrabbiner, in einer am lo. Juni 1S70 in Brüssel gehaltenen Conserenz sagte: Was ist ein Wunder? Es ist ein Ereigniß, welches unerwartet vor unseren Augen sich begiebt; es ist eine übernatürliche Stimme, die an unser Ohr schlägt; eS ist mir einem Worte ein plötzlicher Stillstand der natürlichen Gesetze; es ist jedenfalls eine Thatsache, die in das Bereich unserer materiellen Sinne gehört. Also welche logische und nolhwendige Verbindung kann zwischen einem Ereignisie dieser Art und einer Lehre bestehen, die zu dem alleinigen Gebiete unserer Intelligenz gehört? „Von zwei Dingen eines: entweder ist die Lehre, die man uns verkündet, falsch, oder sie ist wahr, und in beiden Fallen vermag das Wunder nichts. Ist die Lehre falsch, wozu nützt dann das unter unfern Augen stattgehabte Wunder? Wird sich unser innerstes Gefühl nicht gegen den empören, rer, indem er das Auge täuscht, unfern Geist fesieln will? Wird nicht aus dem Grunde unseres Gewissens ein mächtiger Einspruch erhoben werden gegen den äußern Truck, den man auf uns zu üben versuchen will, und werden wir nicht wie Maimonides, der große Gelehrte, selbst Angesichts des Wunders sagen, daß unsere Vernunft ein sichererer Zeuge ist, als unser 'Äuge, und daß man sich für sie gegen das letztere entscheiden muß? Aber wenn im Gegenrheil die verkündete Lehre begründet ist, braucht man das Wunder, um sie zu beweisen? Gewisie Religionen bejahen dies. Aber das Judenlhum hält fest daran, daß eine wahrhafte Lehre im Stande sein muß, sich durch ihre Evicenz und durch ihre Klarheit allein zu erweisen. Die jüdische Gesetzgebung ist also nicht aus Wunder, sondern aus die Ueberzeugung unserer Vorfahren gegründet."*) — 'Angesichts der Erfindung von Wundern, die ebenso unnütz vom Standpunkte der Lehre aus, wie absurd in praktischer Beziehung ist, kann man sich da noch wundern, daß so viele große Geister unserer Zeit Widerwillen 'empfinden dagegen, den Cultus der Dreieinigkeit, der Fleischwerdung, der unbefleckten Empfäugniß und der Bilcer zu bekennen, und als höchste Gottheit einen rächenden, ausschließlichen und furchtbaren Gott, den Gott der Erbsünde, die durch den Apfel verursacht und von der Schlange angerathen ist, den Gott der Hölle und der unendlichen Oualen anzuerkennen? Und würde man nicht versucht sein, den Nachkommen Israels Beifall zu schenken, wenn sie mir ihrem Großrabbiner den 500 Bischöfen, welche sie aufsorderten, Jesus Christus als ihren Messias anzunehmen, zur Antwort zuriefen: „Wir werden immer treu dem geistigen Gotte des Moses und der Propheten bleiben; dem Gotte, der Barer aller Menschen ist ohne Unterschied. Dem Gotte, der rer Vernunft, dem Gewissen, der Wissenschaft wie dem Glauben sich enthüllt; rem Gotte, der den Gerechten aller Cousessionen das ewige Heil gewährt; dem Gotte, der alle seine Kinder zur Brüderlichkeit ausrufl; dem Gotte der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Fortschritts, der Guten, der unendlichen Güte, des unbegrenzten Erbarmens; dem Gone der ganzen Menschheit, der 'Natur und der Welten, die er geschaffen." Italien. Auö Mittelitalien, 10. Februar. i Privatmitth.) Gestatten Sie mir heute, da besondere Thatsachen nicht vorliegen, einige *) Der Redner hatte sich hierbei auf » Moi ><'>, - fberufen können, wo das Botk ausaefordert wird, einen Propheten verurteilen, der noch so viele Mirakel vollbringt, aber g e g e n die Gottes-- lehre, die Lehre vom einziaen, unkörperlichen, beili.qeii Gölte tprrcdt und verkündet. Corre,p. 9

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