Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1875)
- Date
- 1875-02-23
- Page
- Seite 138 (sequence 8)
- Language
- German
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requirirt sei. Uebrigens ist zu beachten, daß dieser Carnevalslustbarkeit der Erwitler eine blutige Schlägerei voranging (nicht gegen die Juden), welche drei Menschenleben kostete! Kroloschin, 10. Januar. (Privatmittheil.) Schon seit längerer Zeit besteht hier ein Krankenverpflegungs - und Beerdigungsverein, der bis vor Kurzem ganz unabhängig von den Gemeindebehörden, von einigen ämtersüchtigen Gemeindernitgliedern geleitet wurde. Als nun die Geschäftsführung desselben zu machen Bedenken Anlaß gab, wurde durch die Energie des zeitigen Corporationsvorstehers derselbe den Gemeindebehörden unterstellt und die zeitigen Leiter desielben kamen natürlich um ihre „Aemtchen". Hierüber Zetern und Jammern in Israel und unversöhnliche Feindschaft gegen die Corporationsbehörde. Am 4. d. M. sollten nun an Stelle von sechs ausscheidenden Repräsentanten andere gewählt werden. Es war natürlich, daß dies bei der oben mitgetheilten Sachlage in der ganzen Gemeinde die größte Theilnahme erregte. Von Seiten der „Bereinspartei" wurde lebhaft agirt, ihre Candidaten durchzubringen, und so erschienen sie denn mit Almofenempfängern. Vereinsdienern und „Was da kraucht und fleucht" im Wahllocal. Die Partei der Gemeindebehörden, welche den Fortschritt huldigen, selbstlos die Jntereffen der Gemeinde vertreten und zu der die Mehrzahl der Gemeindemilglieder gehört, hatte, natürlich im festen Vertrauen auf den Sieg ihrer guten Sache, jede Agitation unterlassen, und so geschah denn das Unmögliche, daß sämmtliche Candidaten der „Bereinspartei". also der Min orität, gewählt wurden. Wenn da hervorragende Mitglieder auf Grund der Lasker'schen Resolution erklären: Unsere Interessen sind nicht durch solche Repräsentanten vertreten, die in unserer rastlos fortschreitenden Zeit an dem alten jüdischen Schlendrian mit Zähigkeit festhalten, wir treten also aus, aus einer Gemeinschaft, die durch solche Männer repräsentirt wird! Wir wollen nicht die Zeiten der religiösen Intoleranz herbeiführen helfen! Unsere Gemeinschaft muß auch äußerlich würdig den Gemeinschaften Andersgläubiger zur Seite stehen. Sind diese Männer, denen so warm ein Herz für ihre Glaubensgenossen schlägt, zu verurtheilen, oder sind es nicht jene Männer, die in öffentlichen Localen äußern: An den Repräsentanten und an dem Corporationsvorsteher liegt nichts, man soll uns blos unsere „r-r-QN" lassen? Hoffe» wir, daß diese Zeilen jenen Herren ein Halt! aus dem betretenen Wege zurufen, und daß sie wenigstens den Corporalionsvorsteher auf dem Wege des Compromiffes aus den Reihen der Majorität wählen! «Man sieht aus dieser Correspondenz abermals, wie verworren noch die Begriffe über Gemeinde und Verpflichtung zur Gemeinde sind. Die Majorität hat es unterlassen, bei der Wahl der Gemeindevertreter zu erscheinen, und dadurch einer Minorität zum Siege verholfen. Alsbald sprechen die Herren die Absicht aus, aus der Gemeinde auszutreten, als ob irgend eine Verpflichtung, dieselbe zu erhalten, gar nicht vorhanden wäre! Der Fall zeigt wiederum, welche Wirkung ein Gesetz haben wird, welches den Austritt aus der Gemeinde zu aller Zeit freistellt. Die geringfügigste Wahlintrigue würde die Gemeinde zersprengen. Der Vorgang beweist also gerade das Gegentheil von dem, was der Herr Corresponvent darin erblickt. Uebrigens glauben wir, daß eine solche auseinandergefallene jüdische Gemeinde einen viel kläglichern Anblick varbietet, als wenn unter den Vertretern der Gemeinde einige Männer sind, welche die letztere weniger angemeffen zu repräsentiren scheinen. Es versteht sich, daß wir im vorliegenden Falle eine beiderseitige Verständigung dringend wünschen und eine solche beiden Parteien an's Herz legen! Die Revaction. Oesterreich-Ungarn. Wien, im Februar. Im Jahre 1874 weisen die amtlichen Register der Wiener israelitischen Cultusgemeinde 387 (im Jahre 1873 nur 328) vollzogene Trauungen nach. Durch den Tod wurden 60, durch Scheidung 19 (eine bisher in einem Jahre noch nicht erreichte Ziffer) Ehen ausgelöst. Fünf Paare lösten schon im ersten Jahre der Ehe dieselbe wieder, und ein Paar der Geschiedenen war bereits zwanzig Jahre verheirathet. Den Geburtsregistern gemäß wurden im Jahre 1874 in Wien 2028 (im Vorjahre 1971) lebende israelitische Kinder geboren, und zwar 1101 Knaben und 927 Mädchen; hiervon waren 109 Knaben und 110 Mädchen unehelicher Abkunft. In dieser Gesammtzahl sind 14 Fälle von Zwillingsgeburten inbegriffen. Gestorben sind im Jahre 1874 in Wien 843 Israeliten (im Vorjahre 976), 458 waren männlichen und 385 weiblichen Geschlechtes. Der älteste verstorbene Mann und auch die älteste verstorbene Frau waren je 96 Jahre alt. An Blattern starben 13 Männer und 8 Weiber. In Folge von Verunglücku«g starben 3 Männer, und durch Selbstmord endeten 5 Männer und 4 Weiber. (Bei den obigen statistischen Angaben darf man nicht vergeffen, daß sichere Schlüffe sich nicht aus einem Jahre, in welchem mancherlei Zufälligkeiten die Zahlen modificiren können, ziehen lassen. Dennoch gewähren auch die obigen Zahlen einigen Einblick in die sittlichen Zustände. Wenn auch nicht für Wien, so ist doch nach norddeutschen Begriffen das Berhältniß der unehelichen Geburten mehr als 10 pCt., ein sehr starkes, wobei fteilich zu erwägen ist, daß zu den betr. Anstalten einer Stadt wie Wien sicb Biele aus den Provinzen begeben, dieses Berhältniß also nicht auf die jüdische Bevölkerung Wiens allein fällt. Groß ist auch verhältnißmäßig die Zahl der Selbstmorde, von denen früher in jüdischen Kreisen so selten ein Fall vorkam. Es ist übrigens notorisch, daß die meisten dieser Selbstmorde durch den Krach verursacht werden.)