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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 137 (sequence 7)
Language
German
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137 seien. Hiergegen spricht auch, daß ja nicht in allen Städten Gymnasien sind, so daß die jüdischen Eltern aus Landstädten ihre Knaben nach Städten bringen müssen, wo ein Gymnasium ist. Als einen Erklärungsgrund— denn es giebt deren mehrere — möchten wir hier den charakteristischen Zugansühren, daß die jüdischen Eltern, an sich sehr aufmerksam auf die geistige Entwicklung ihrer Kinder, stets geneigt sind, diesen sehr viel zuzutrauen und sie für sehr geistesbegabt zu halten, wodurch sie dann bewogen werden, sich alle mögliche Opfer aufzuerlegen, um den nach ihrer Meinung vielversprechenden Knaben einen höheren Schulunterricht zu Theil werden zu lassen. Jedenfalls kann diese nun schon Jahrzehnte hindurch sich erweisende Erscheinung, daß die Zahl der jüdischen Schüler an den höheren Lehranstalten die der christlichen nach Verhältniß der Bevölkerung um das Fünffache, ja um das Siebenfache übersteigt, nicht ohne bedeutende culturhistorische Folgen für die Juden und deren Verhältniß in der Gesellschaft bleiben. Sie hat aber noch eine andere Seite, auf welche wir hier aufmerksam machen wollen. Es ist dies, daß die Herstellung eines angemessenen jüdischen Religionsunterrichtes für die jüdischen Schüler der Gymnasien und Realschulen mit allem Nachdruck durchgeführt werden muß. Diese Angelegenheit erfordert unsre ganze Fürsorge und Energie. Bis jetzt wurde im Allgemeinen der Religionsunterricht für die jüd. Elementarfchüler vorzugsweise beachtet, wahrend die Schüler der Gymnasien und Realschulen fast ganz ohne denselben blieben. Nun ist aber ein solcher gerade für diese Bildungsclasse vielleicht noch nothwendiger als für die Elementarschüler, weil jene noch viel mehr zersetzenden Elementen auf ihrem Wege begegnen als diese. Freilich bedarf es hierzu auch höher gebildeter Religionslehrer und eines umfassenderen Materials aus der Religionswissenschaft. Für Letzteres, gestatten Sie mir dies hinzuzufügen — giebt es kein besseres Lehrmittel, als die drei Bände Ihrer Religionslehre, und bietet dieses Werk den angemessensten und hinreichendsten Stoff für den Unterricht auch in den höheren Classen der Gymnasien. Für Lehrbücher aller Art überhaupt ist auf jüdischem Gebiete bereits ziemlich gesorgt. Es bedarf jetzt nur, die Schüler ausreichend zu sammeln, und gute Lehrer zu beschaffen. Berlin, 13. Febr. (Privatmitth.) Am 8. d. verschied hier der Geheime Sanitätsralh Dr. Waldeck, durch dessen Tod die hiesige Gemeinde einen sehr schmerzlichen Verlust erleidet. Er war ein Mann, der für das Judenthum eine wahrhafte Begeisterung empfand und mit unermüdlichem Eifer seine persönliche Kraft für dasselbe einsetzte. Seit zwölf Jahren war er Mitglied des Gemeindevorstandes, in den ihn die Wahl der Repräsentanten wiederholt berief. Er gehörte auch zu den Begründern der hiesigen Reformgenoffenschaft und erhielt dieser seine treue Anhänglichkeit bis zum Tode. Die Trauerfeierlichkeil bei seinem Begräbnisse fand daher Freitag den 12. im Tempel der Reformgenoffenschaft in würdigster Weise und unter großer Theilnahme statt. — Die zu Ehren des verst. Geheimen Sanitätsrath Pr. Breßler von seinen Verwandten mit 8000 Thalern gegründete Stiftung zu Stipendien für Studirende der hiesigen medicinischen Facultär jüdischer und christlicher Religion hat jetzt die landesherrliche Genehmigung und hiermit die Rechte einer juristischen Person erhalten. — Bei den finanziellen, industriellen und besitzlichen Verhältnissen, welche gegenwärtig in Deutschland, besonders auch hier in Berlin herrschen, muß man sehr zufrieden sein, wenn die örtlichen und dringlichen bestehenden Wohlthätigkeitsanstalten den Zufluß der ihnen nölhigen Unterstützungsmittel genügend erhalten. Hiermit will ich nicht sagen, daß die Personen der verflossenen Gründer und deren ganzer Anhang für religiöse und wohthälige Werke lebhafte Sympathien empfunden und bethäligt hätten. Dies war wenig der Fall. Aber der Rückgang an Besitz und Erwerb hat alle Classen schwer betroffen; Einschränkung und Sparsamkeit ist Allen zum Bedürfnis geworden, und darunter leiden die wohlthätigen Anstalten zunächst. Man darf daher nicht erwarten, daß Aufforderungen zu derartigen Zwecken gegenwärtig bedeutende Erfolge erzielen werden. Man darf aber auch aus dem Mangel solcher Erfolge nicht darauf zurückschließen, daß diese Zwecke keine Würdigung im Publicum fänden. Sobald nur erst die Verhältnisse wieder günstiger geworden sein werden, ändern sich auch gewiß wieder die Ergebnisse wahrhaft zweckentsprechender gemeinnütziger Unternehmungen. Man muß die rechte Zeit nur abwarten. Berlin, 14. Januar. Aus Berlin kommt die traurige Nachricht, daß eine im Bau begriffene Synagoge in der Neuen Friedrichsstraße in ein Wollenmagazin verwandelt werden soll. Dies ist bereits die zweite Synagoge, die binnen weniger Jahre von solch' unglücklichem Schicksale betroffen worden ist. Beide wurden gebaut und geweiht von l)r. Hildesheimer; die erste, in der Bischofsstraße, ist jetzt eine andere Art von Waarenlager. Es wirft dies doch ein eigenthümliches Licht auf die Anhänger des Dr. Hildesheimer und die Unternehmungen dieses Mannes, während dieselbe Partei beständig Lärm schlägt und sich zur Richterin und Verketzerin aller anderen Glaubensgenossen auswirfr. Lippstadl lWestphalen», 10. Februar. Erwitte, eine Meile von hier, der Sitz einer Gerichts-Commission und eines Amtmanns, war heute Morgen Schauplatz der brutalsten Vorgänge. Nachts zwischen 2 und 3 Uhr wurden an fünf Häusern jüdischer Einwohner Fenster demolirt, schwere Steine, große Stücke Holz und Eisentheile in die Zimmer geworfen, fo daß kaum zu erklären, daß sich die Katastrophe ohne Verlust von Menschenleben abgewickelt hat. Den Schrecken der in tiefem Schlafe liegenden Leute mag man sich ausmalen. Waren auch schon früher Rohheiten dieser Art zu beklagen, Vorgänge wie die der vergangenen Nacht weiß sich jedoch kein Erwitter zu entsinnen. Ein amtlicher Erlaß macht bekannt, daß Militär

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