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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 135 (sequence 5)
Language
German
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135 hat, desto willkommener ist er Len jüdischen Hörern, noch dazu da er öfter den besten Theil der ganzen Predigt, den Retter aus der Wortfluth ausmacht. Jemehr man daher den Midrasch dem jüdischen Prediger zu empfehlen hat — desto nachdrücklicher muß man auch gegen den Mißbrauch verwarnen. Dieser Mißbrauch macht sich in mehrfacher Art erkennbar. Der Redner will durch Gelehrsamkeit, durck seine Keuntniß der Midraschsammlungen glanzen, und er streut daher die Perlen des Midrasch über das ganze Gewand seiner Rede aus; oder aber er ist sich der Unscheinbarkeit seiner eigenen Gedanken bewußt, und will sie durch die Midraschim verdecken. Wie dem auch sei, die Menge der angeführten Midraschim zerstreut den Hörer vollständig, entzieht jeden einzelnen Midrasch der wirklichen Beachtung und verhindert den Zusammenhang und den Gesammteindruck. Wir können hiervor nicht genug warnen, ja, wir möchren solche Redner dem Publicum als verdächtig denunciren, verdächtig in ihrer Rednergabe und in dem Ernste, - den sie für ihren Beruf empfinden. Ein anderer Mißbrauch ist, daß man den Midrasch als Text verwendet und diesen nicht aus der h. Schrift entnimmt. Es versteht sich, daß dies einem regelmäßig beschäftigten Kanzelredner irgend einmal nicht übel zu nehmen ist. Aber für die Dauer müssen wir uns streng gegen diesen Mißbrauch verwahren, den Midrasch an die Stelle der h. Schrift zu setzen, und ihm dieselbe autoritative Bedeutung beizulegen. Abgesehen von der Anschauungsweise des ganzen Judenthums über Len Unterschied zwischen der h. Schrift und den Schriftwerken der Tradition, ist auch der Midrasch in seiner Gesammtheit zu bunt, zu sehr von der Oberfläche geschöpft, zu sehr Ausspruch von Individuen, die zwar Tieffinnigkeit besaßen, aber einseitig und beschränkt waren, um irgend wie der Autorität der h. Schrift gleichgestellt werden zu dürfen. Auch hier gilt. Maß und Selbstbeschränkung zu üben. Der Redner muß alle seine Mittel gebrauchen; aber stets nur am rechten Platze und in rechtem Maße, sonst bringt er die entgegengesetzte Wirkung hervor. Wir meinen, daß der jüdische Kanzelredner dieses sein Amt sehr ernst nehmen müsse. Was auch gesagt werde, die Predigt ist das Mittel, durch welches er am meisten mit seiner Gemeinde in Contact kommt, und jene mit Gleichgültigkeit und Nonchalance behandeln, meinen, daß Alles was vorgebracht wird, gut genug sei, besonders weil außer Len Festtagen die Zuhörer nicht allzuzahlreich zu sein pflegen — das rächt sich mit der Zeit an der Theilnahme der Gemeinde und an der eigenen Ausbildung. In diesem Sinne gestalten wir uns hier eine Bemerkung kurz zu wiederholen, die wir vor vielen Jahren in diesem Blatte ausführlich besprochen haben. In den Ausdrücken „Predigt" und „Drascha" liegt ein sehr wesentlicher Unterschied, der durchaus nicht blos als zufällig angesehen werden kann. Predigt heißt Verkündigung, Belehrung, während Drascha das Suchen, Eindringen bedeutet. Hiernach werden in der Predigt die Lehren der Religion ausgesprochen und als absolut gültig verkündet, in der Drascha werden sie aufgesucht, wo sie streitig wären oder als zweifelhaft angesehen werden könnten, die wahren und richtigen erforscht und zur Entscheidung gebracht. Wir brauchen dem Kundigen nicht erst zu sagen, daß dies wirklich die Methode in den altern Draschoth war; man warf Fragen auf, man setzte Stellen, die scheinbar sich wiedersprachen, gegenüber, und wandte Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit darauf an. die Frage zu lösen, den Widerspruch auszugleichen. Wir meinen nun, diese der älteren jüdischen Kanzel so eigenthümliche Methode dürfte nicht ganz und gar aufgegeben werden. Es ist eine alte Regel, daß der Redner seine Zuhörer am meisten interessirt. wenn er sie seine ganze Untersuchung mitmachen läßt, d. h. wenn er sein Resultat nicht von vornherein aufstellt, und die Gründe dafür Nachfolgen läßt, sondern wenn er die Frage selbst an die Spitze setzt, die Gründe und Gegengründe gut gruppirt aussührt, die Geistesarbeit, um die einen zu motiviren, die anderen zu entwaffnen, vor den Zuhörern entwickelt, und um die Ergebnisse mit allem Feuer und aller Eindringlichkeit in die Seelen der Zuhörer einsenkt. Hierzu nun bieten die Midraschim eine Fülle von Aussprüchen, die an die Spitze solcher Untersuchung und ihrer Theile gestellt werden können, während in einer Schriftstelle die Frage wurzeln oder das Ergebniß gipfeln kann. Wir brauchen dem Sachverständigen nicht zu sagen, daß die meisten religiösen Wahrheiten, so fest sie auch in der Religionslehre selbst stehen, sich leicht in das Gewand einer Stteirfrage bringen lassen, um die Zuhörer nur um so mehr von ihrer Richtigkeit und ihrem Werthe zu überzeugen. Eine solche Form der Predigt, in der logischen und knappen Weise derselben, wird eine sehr zu achtende Abwechslung verschaffen, wofür die Theilnahme des Publicums und die Wirksamkeit des Redners dankbar sein wird. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 14. Februar. (Notizen). Herr Teller, Lehrer der hebräischen Sprache in Fokfchani (Rumänien) hat das Trauerspiel des Dr. Ludwig Philippson „Die Entthronten", das 1869 vom Institute herausgegeben worden, aber auch in : besonderer Ausgabe bei Oskar Leiner in Leipzig erschienen ist, unter dem Titel rr:n: —p -iwp in's Hebräische übersetzt. Die Uebersetzung ist ganz vorzüglich ausgefallen, in einem classischen Hebräisch, mit richtiger Auffaffung des Originals. Man erkennt, daß der Uebersetzer sich mit wahrer Liebe in seinen Gegenstand versenkt hat. So reiht sich diese Arbeit sehr würdig an die hebräische Uebersetzung des „Jojachiisi' deffelben Autors durch Simon Bacher, welche 1560 in Wien erschienen ist. Die englische „Gesellschaft zur Erforschung Palästinas" hat einen neuen interessanten Fund gethan. Bekanntlich wurde nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus die Stadt auf Befehl

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