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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 134 (sequence 4)
Language
German
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134 und erschöpfend behandeln. Bon größerm Umfange daher, hat sie ihr Thema an die Spitze zu stellen, dasselbe in seine natürlichen Theile zu trennen, diese jedoch wieder in ihrem Zusammenhänge zu zeigen und» den Schluß zu ziehen; sie hat dies Alles in hervortretender Weise zu gruppirev, um das Ganze, wie die Theile ihre Wirkung Hervorbringen zu machen; sie muß zugleich, da sie den Verstand überzeugen und das Herz ergreifen soll, einen rednerischen Charakter haben, Färbung und Glanz, die jedoch ebenso in einer einfachen prunklofen Sprache, wie in einer bilderreichen, poetischen gefunden werden können, sobald sie nur dem Gegenstände entsprechen. Aber bei der Predigt trat »och ein anderes Moment hinzu. Sie war ein Theil des Gottesdienstes selbst, zwischen dessen einzelne Abschnitte sie eintrat; sie wurde im Sinne und Geiste der Gemeinde gesprochen; sie durfte daher nicht ganz und gar Sache des predigenden Individuums sein; sie mußte autoritativ sein. Um dies zu erreichen, sollte die Predigt einen Ausspruch der h. Schrift zum Grunde ihres ganzen Ausbaues nehmen, einen Text, der entweder sorgfältig ausgelegt den Gedankenstoff abgiebt, oder das gewählte Thema besonders hell beleuchtet. Alles dies zusammengenommen macht den Charakter der Predigt aus, und verleiht ihr auf dem Gebiete der Rhetorik eigene Vorzüge und wieverum besondere Schwierigkeiten. Wir wissen sehr wohl, daß in der neueren Zeit sich einige Kanzelredner von diesen Bedingungen der Predigt fteimachen wollen; sie sprechen ohne einen bestimmten Text, der die Seele der Predigt sei, aufzustellen, ohne eine Disposition zu machen, ohne ihren Gegenstand in seine Theile zu bringen. Sie haben dann eine Rede gehalten, aber keine Predigt; ihre Zuhörer wissen am Schluffe meist nicht, womit der Redner angefangen und welchen Gegenstand er eigentlich behandelt hat. Wir sprechen dies aus eigener Erfahrung aus. Wo in der Predigt nur eine Reihe abstrakter Gedanken, nicht aber ein greifbarer Wissensstoff, wie etwa in einem geschichtlichen oder naturwissenschaftlichem Vorträge, gegeben wird, La bedarf der Zuhörer der Hülfsmittel für Verständniß und Gedachtniß, und hierzu trägt die übersichtliche Gruppirung, die Aufstellung des Hauptgedankens am Anfang, besonders in Gestalt eines Textes, die Eintheilung und die Zurückführung jedes Theiles zum Ganzen wesentlich bei, um dem Zuhörer das Verständniß zu erleichtern und den Hauptgedanken tief einzuprägen, abgesehen von der Befriedigung, welche diese, nicht zu erkünstelnde, aber doch künstlerische Anlage dem natürlichen Kuvstgefühl des Menschengeistes gewahrt. Wir halten es für den bedeutendsten Gewinn einer Predigt, wenn eine große Anzahl der Zuhörer den Text und den Hauptgedanken mit sich nach Hause trägt und lange in seiner Seele behalt: es geschieht dies bisweilen Jahrzehnte lang. Bon einer Rede aber trägt der Hörer nur einen allgemeinen Eindruck davon, der desto schneller verlischt, je schneller der Redefluß des Sprechers war. Was aber die Hauptsache ist, die Predigt verliert mit dem Wegfall des nachdrücklich behandelten Textes den autoritativen Charakter; sie wird eben nur individuelle Rede, die nicht auf dem Boden der überlieferten. Religion stehend, gefühlt wird. Der Text und seine Auslegung machen es dem Hörer leicht, den etwaigen Punkt des Unterschiedes zwischen dem eigentlichen Gedanken des Textes und der Auslegung, die ihm gegeben wird, zu finden, mit Einem Worte, wo das Autoritative aufhört, und das Individuelle anhebt. Wo aber der Text fehlt, oder nur eben eine gute Einführung abgiebt, ohne weiter berücksichtigt zu werden, da ist eben Alles nur individuell, und dies widerspricht der Aufgabe der Kanzel. Die jüdische Predigt hatte schnell ihre Lehrjahre hinter sich; sie löste sich bald von ihrem Vorbilde, der protestantischen Predigt ab, und füllte sich mit ihrem eigenen Geiste, und mit einem besonder» Inhalte, wie er in jener nicht vorhanden war. War aber die jüdische Predigt Agada, nicht aber Midrasch, so konnte sie doch, eben weil sie Agava war, den Midrasch in sich aufnehmen. Wir gehörten zu den ersten jüdischen Kanzelrednern, welche ven Mivrasch für jüdische Predigt verwandten *) und fanden darin bald Nachfolge. Der Midrasch konnte hierbei in zweifacher Weise gebraucht werden. Zuerst konnte er neben dem Texte aus der h. Schrift gewissermaßen als Supplementär-Text angewendet werden, etwa daß der Text eine religiöse Frage enthielt oder zuließ, und die Antwort in einem Midrasch gegeben war. Oder aber der Midrasch konnte nur beiläufig als Bestätigung eines einzelnen Gedankens der Predigt angeführt werden. In beiden Fällen vermehrt er den autoritativen Charakter und erhöht zugleich die Mannichfaltigkeit des Ausdrucks, giebt poetischen Glanz, Spiel des Witzes -und des Scharfsinns ab.**) Es ist dies von keiner geringen Bedeutung. Zwar hat sich die jüdische Predigt ein sehr weites Gebiet urbar gemacht; sie ist nicht auf die immer wiederholte Besprechung einiger Dogmen oder schulmäßig abgetheilter ethischer Gegenstände beschränkt. Sie hat die vernunftgemäße Besprechung aller das Uebersinnliche betreffenden Fragen, das große Gebiet der Geschichte, der der Religion und des Stammes Israels, sie hat selbst die agadische Behandlung der Halacha und so weiter für sich. Dennoch ist es nicht zu verkennen, daß Inhalt und Form der Predigt eine gewisse Monotonie, eine Einförmigkeit, welche auf die Länge jedem Prediger fühlbar wird, verleihen. Hier ist es, wo der Midrasch in seiner bald tiefsinnigen und zutreffenden, bald glanzenden und schimmernden Weise, einen großen Schatz glücklicher Gedankenformen darbietet, unerschöpflich in seiner Massenhastigkeit und überaus brauchbar für eine geschickte Hand. Jemehr der Midrasch zu den eigenthümlichen Erzeugnissen der jüdischen Volksseele gehört, und jemehr und länger er wiederum auf diesen Volksgeist gewirkt *) S. das erste Heft des I. B. unsres „Israelitischen Predigt- und Schulmagazins. 1834. **) Wir gebrauchen hier überall die Worte Witz und Scharfsinn in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung, Witz als Vermögen, die Aehnlichkeiten zweier sonst verschiedener, Scharssinn, die Verschiedenheiten zweier sonst ähnlicher Gegenstände aufzufinden.

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