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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-23 · Heft 9 (23.2.1875) · p. Seite 133

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 9 (23.2.1875)
Date
1875-02-23
Page
Seite 133 (sequence 3)
Language
German
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133 Der Midrasch und die jüdische Predigt. Die Halacha gleicht jenem indischen Baume, der, wenn er aus seinem Stamme hundert Aeste, aus jedem Ast ebensoviele Zweige getrieben, Schößlinge aus diesen zum Boden hinabsenkt, die von Neuem Wurzel schlagen und Stämme aufschießen lassen; von dem einen Baume sprießt ein Wald hervor. Die Agada hingegen ist wie ein weiter Garten, wie eine unübersehbare Flur von Sträuchern, Kräutern und Blumen, von denen jede für sich besteht, blüht und mehr oder weniger eine genießbare Frucht tragt. In der Halacha Alles System, Logik, Methode, Consequenz; nichts davon in der Hagada, die uns nur einzelne Gedanken ohne Zusammenhang unter einander, wenn auch von gleicher Tendenz und völlig gleichem Charakter, in Fülle bietet. Was nach dem Zusammenbruch des Staates und der Selbstständigkeit der Nation an Politik, Jus, Nationalöconomie und Social-Gesetzlichen übrig geblieben, nicht blos in der Wirklichkeit, sondern auch im ungebrochenen Geiste, der das Vergangene als gegenwärtig, weil es doch wieder zukünftig, ansah, alles dies, auf den geheiligten Stamm der Religion eingepftopft, führte ein kräftiges, aber streng regelrechtes und methodisch beschränktes Leben in der Halacha. Was hingegen, nachdem der Prophetenmund und die Sängerharfe verstummt waren, in der Volksseele übrig geblieben an Poesie und Philosophie, am Verlangen nach Legende und Verherrlichung, an Moral, Lebensweisheit und Ergebniß des geselligen und gewerblichen Lebens, das drängle sich zum Ausdruck in der Agada — als Dichtung, selbst als Auslegung des h. Textes nur Dichtung, jedoch ohne dichterische Form, ohne Schwung des Ausdrucks, höchstens mit einer epigrammatischen Pointe und witziger Verwendung gleichklingender Wörter und Wortformen. Die Hauptsache in allen diesen Midraschim ist, daß die Vergleichspunkte zwischen den beiden durch das Gleichniß nebeneinander gestellten Dingen oder Verhältnissen recht zutreffend seien. Jedermann kennt die witzige talmudische Erzählung, wie ein Rabbi nach einer Stadt gekommen, wo der eine Theil der Bewohner von ihm heftig einen Bortrag über Halacha, der andere nicht minder heftig über die Agada verlangte, und er sich mit dem Gleichniß half, von dem Manne, der zwei Frauen hatte, eine ältere und eine jüngere, die eine entfernte die grauen, die andere die dunkeln Haare von seinem Kopse — so fürchtete er über ihren Streit zu gar keinem Vortrage kommen zu können. Was hier von den gleichzeitigen Einwohnern einer Stadt gesagt wird, daß der eine Theil die Halacha, der andere die Agada höher schätzte und darnach verlangte, das galt auch im Verlaufe von verschiedenen Zeiten. Die vielen Midrasch-Sammlungen, von denen nicht wenige verloren gegangen, ein Theil uns nur auszüglich erhallen ward, bezeugen, wie groß das Interesse nicht blos des Volkes, sondern auch der Gelehrten am Midrasch war. Es ist dies auch gar nicht zu verwundern. Denn wenn die Halacha den logischen Verstand, die Analyse und den Forschungstrieb beftiedigte, so enthielt die Agada doch Alles, was das Herz des Volkes erfüllte, was seine Einbildungskraft beschäftigte, was es tröstete und aufrichtete, ihm im Hklbdunkel des Gleichnisses die Wahrheit theils beleuchtete, theils wohlthätig verhüllte, ihm das Schicksal der Nation verherrlichte und für die Zukunft unendlich erhob, ohne dabei in die Wirklichkeit einzugreifen und zum zerstörenden Kampfe gegen dieselbe aufzusordern, und dies Alles im Gewände eines Witzes und Scharfsinns, der dem Volke theils in seiner Anlage, theils geschichtlich anerzogen, eigen war. Dennoch gab es lange Zeiten, wo die Halacha hoch über dem Midrasch stand, der eigentliche Rabbi den letztern kaum mehr als bei der geselligen Unterhaltung in den Mund nahm, wo die officiellen Vorträge beim Gottesdienste sich immer nur um die Halacha drehten, und man den Midrasch nur dem wandernden Maggid überließ. Zum Vortheil des Volkes geschah dies nicht; der Geist desselben schrumpfte unter dieser absoluten Herrschaft der Halacha immer mehr ein; vor der nüchternen Halacha wurde alle Religionsübung nüchtern; die Enssaltung der religiösen Moral fehlte gänzlich, der poetische Sinn erlitt einen völligen Niederschlag, und die Wirkungen dieses Zustandes würden noch schlimmer gewesen sein, wenn nicht die innere Natur dieses jüd. Stammes so überaus zähe, ausdauernd und innerlich wäre. Die Zeit des Reagirens blieb deshalb auch nicht aus. Mit der ersten geistigen Bewegung, die wieder in die erstarrte Masse kam, trat ein Umschlag ein, und die Agada siegte über die Halacha. Im Volke war wieder das Verlangen nach dem Gedanken- und Lehrinhalt seiner Religion, nach sittlicher Erweckung und Belehrung, nach Berständniß seiner Geschichte, nach Begeisterung für diese Religion und ihren höhern Beruf wach geworden. Die Paar jährlicher Halachavorträge konnten dem nicht genügen und verloren alle Achtung, der Jargon und die Witzeleien und Sophistereien der Maggidim waren in Verachtung gesunken. Die Agada erstand in einer neuen Gestalt — die Predigt in der Muttersprache. Allerdings in ihrer Form von der protestantischen Kirche entlehnt, traf sie doch sofort das Volk in's Herz und erschien ihm bald ein altgewohntes, längst bekanntes Befitzthum. Man muß, wie wir in unsrer Kindheit, zu der nur noch an den ersten Tagen der Feste stattfindenden Predigt die ganze Gemeinde, besonders auch den weiblichen Theil vom Dienstmädchen bis zur feingebilveten Dame eilen, ihr Lauschen und Folgen und dem vollen Eindruck sich hingeben gesehen haben, um den Werth der Predigt nach der langen Dürre an religiös-geistiger Nahrung, an religiös-geistigem Ausschwung bemessen zu können. Die Predigt war die alte Agada vollständig nach deren Inhalt und Zweck, aber ganz verschieden in der Form, und diese ist hierbei von wesentlicher Bedeutung. Die Midraschim sind Gedanken, oft genug nur Gedankenblitze, Apereus, kurze Beobachtungen und Betrachtungen, zumeist in Form des Gleichnisses — die Predigt aber soll ein bestimmtes Thema abgerundet, möglichst vollständig 9*

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