Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1875)
- Date
- 1875-02-16
- Page
- Seite 124 (sequence 10)
- Language
- German
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sionelle Schalen die Regel, die wie die katholischen und evangelischen das Aufsichtsrecht genosien, wenn sie den gesetzlichen Ansprüchen hierzu entsprachen. Das oben genannte Gesetz erklärt aber die Schule für unbedingt intercvnfessionell. Die Gebrauche und Gepflogenheiten an den öffentlichen Schulen wurden hiernach modificirt, die Lehrbücher, namentlich die Lehrbücher an Volksschulen, die bis dahin von „christlichen Tugendlehren" und Heiligenlegenden zum Zwecke der „religiös-moralischen" Erziehung strotzten, wurden gesäubert, und nun an die Ausführung des Gesetzes gegangen, wonach jüdische Schulen ebenso wie Kloster- und Stiftsschulen ihr Oeffentlichkeitsrechts verloren. Bei oberflächlicher Betrachtung wird man das vielleicht ganz unbedingt für eine Wohlthat erklären, was es ja gewiß in vieler Hinsicht ist, namentlich, da unsere Schule keine confesfionslose, sondern eine interconfessionelle ist, an welcher der jüdische Religionsunterricht und die jüdischen Religionsübungen dieselbe Berücksichtigung finden, wie die christlichen. Aber doch hat dies Gesetz seine herben Consequenzen für die jüdische» Gemeinden, namentlich für den jüdischen Lehrerftand. Bei Erlaß des 1868er Gesetzes oder vielmehr bei Durchführung desselben wurden die bestehenden jüdischen Schulen entweder von der Ortsgemeinde übernommen, confessionslos und öffentlich erklärt, und dann war derselben geholfen, denn sie ging jetzt ganz in das Budget der Stavtgemeinde über. Over sie wurden nicht übernommen und mußten sich auflösen, oder als Privatschulen fortbestehen. Die Auflösung war da leicht, wo im Orte eine gute, deutsche Schule besteht. Aber in rein czechischen Bezirken, wo die Judenschule die einzige deuffche Schule war, und wo die jüdische Schule von den nationalen Antagonisten nur sehr selten öffentlich erklärt wurde, mußte die jüdische Privatschule weiterbestehen zur Last der jüdischen Gemeinde und zur Noch der jüdischen Lehrer, die an solchen Schulen mit niedrigem Gehalte ohne Pensionsbezug und mit erniedrigenden Nebenbeschäftigungen, z. B. als Schächter thätig sein müffen. Dabei ist die Anstellung an öffentlichen Schulen definitiv, wahrend die der jüd. Lehrer, größtentheils aus Angst vor der Möglichkeit einer Gemeindekaffenüberbürdung, eine provisorische bleibt, und dadurch zu manchen Unzukömmlichkeiten und Erniedrigungen des sonst schon traurigen Lehrstandes Anlaß giebt. Gegen die Mißverhältniffe haben sich die jüdischen Lehrer Böhmens geeinigt, sind zu einem Vereine zusammengetreten, dessen Aufgabe es vor der Hand ist, namentlich die jüdischen Schulen in eine bessere Stellung zu bringen und für die alten Lehrer durch einen Pensionsfond zu sorgen. Ueber diesen Verein, der sogar ein eigenes, w^nn auch recht mageres und dürftiges Organ, den israelitischen Lehrerboten besitzt, will ich nächstens ein Genaueres berichten. K. Frankreich. Pariö, 15. Januar. Aus einem Schreiben des Vorstandes der portugiesischen Gemeinde an das israelitische Consistorium von Paris geht hervor, daß die letztere, die Bereinigung mit dem deutschen Ritus im neuen Tempel deshalb abgelehnt habe, weil die Commission zu viele Gebete des deutschen Ritus für Rosch Haschana und Jom Kippur gewählt habe. An diesem Umstande soll die Fusion der beiden Riten gescheitert sein. Wir glauben, wenn es dies nicht gewesen wäre, wäre es irgend etwas Anderes gewesen, was die Fusion verhindert hatte; auf groß oder klein, auf bedeutend oder unbedeutend, kommt es bekanntlich in solchen Dingen nicht an, wenn der eine Theil von vornherein entschlossen ist, auch nicht ein Titelchen nachzugeben, und wo das eigensinnigste Beharren als eine religiöse Thal und Tugend erscheint. — Aus den Antrag des Centralconsistoriums ist das SMdium der arabischen Sprache zum obligatorischen Unterrichtszweige im Pariser Rabbiner-Seminar gemacht worden, und zwar damit die Zöglinge desselben um die Rabbinate in Algerien concurriren können. Da es in dieser Colonie mehr Rabbinate giebt als in dem gegenwärtigen Frankreich, so ist dies für das Seminar wie für die Colonie von Wichtigkeit. Im Ganzen wird in Paris die arabische Sprache und Literatur weniger studirt, als man bei den nahen Beziehungen zu der afrikanischen Colonie voraussetzen sollte, und schon der sel. Munk klagte hierüber. — Für die Bekleidung armer Schüler und Schülerinnen der israelitischen Schulen in Paris sind im verflossenen Jahre 19,259 Francs ausgegeben worden; es erhielten Kleidungsstücke 886 Knaben und 771 Mädchen, zusammen 1657 Kinder. Italien. Ferrara, 13. Januar. Was vorausgesehen worden^ ist in Erfüllung gegangen. In den am letzten Sonntag am 10. des Monats stattgefundenen Nachwahlen ist Joseph Finzi zum Deputirten mit einer großen Majorität im ersten Bologner Wahlbezirk gewählt worden, weil der Conseilspräsident die Wahl für Legnano angenommen. Die Pforten des Parlaments haben sich also auf's Neue für den berühmten Patrioten geöffnet, und die Zahl der israelitischen Deputirten zum Parlament ist also ganz gleich der der letzten Legislamr, nämlich 12. Rußland. Warschau, im Januar. (P. Z.) Wie bekannt, werden im Reiche anläßlich der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht Volkszählungen veranstaltet und zwar hauptsächlich zum Zweck der Feststellung der Zahl der Juden, von denen nachweislich ein bedeutender Theil gar nicht in die Seelenlisten eingetragen war. So hat sich im Gouvernement Minsk auf Gund der neuesten Erhebungen herausgestellt, daß die dortige jüdische Bevölkerung um das Dreifache größer ist, wie sie früher angegeben wurde. In der Gouvernementsstadt Minsk selbst befinden sich 15,000 Juden, wahrend bisher in den Seelenlisten deren nur 5000 eingetragen waren.