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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-16 · Heft 8 (16.2.1875) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 8 (16.2.1875)
Date
1875-02-16
Page
Seite 118 (sequence 4)
Language
German
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IIS emsprang, sowie aus dem Perlangen nach Belehrung und Erbauung hervor. Diese Reformen des Gottesdienstes verblieben auf dem Boden des Bestehenden und tasteten irgend welche religiöse Einrichtung nicht an. Dies ist wesentlich noch heute der Zustand der Mafien, wenn wir über einige Oerttichkeiten hinweg alle Lander überblicken, in welchen Juden in größerer Zahl ansässig sind. Dennoch waren diese Cultusreformen der erste Anstoß, daß dieser Entwickelung gegenüber die Orthodoxie sich regte und allmalig eine Parteibildung anstrebte. Der erste Versuch jener in Hamburg rief einen lebhaften Schriftwechsel hervor, die jedoch ohne weitere Folge blieb. Gleiches geschah nach Jahrzehnten bei ähnlichen Beranlaffungen. Erst im letzten Jahrzehnt schloffen sich die Orthodoxen als eine Oppositionspartei in denjenigen Ländern enger aneinander, wo jene Reform entschiedenere Schritte that; es ist dies in Ungarn, und an einigen Orten von Deutschland der Fall. Man wollte orthodoxe Gemeinden reformistisch gesinnten gegenüberstellen, oder meistens innerhalb einer Gemeinde eineu Bruch erwirken und gettennte Gemeinden bilden. Es ist dies bis jetzt vielfach in Ungarn, nur noch wenig in Deutschland gelungen. Man will deshalb überall den gesetzlichen Gemeindeverband beseitigen, um für diesen Weg, der selbstverständlich mit tausendfachem Hader, mit Verdächtigungen, Verketzerungen und Ränken aller Art sich verbindet, offenen Spielraum zu haben. Mit dieser bestimmter» Parteibildung ttat denn auch, weniger die Literatur als die Preffe in die Kampfmittel ein und fördert das Bewußtsein des Gegensatzes, der vorhanden ist. Wie man voraussetzen kan», schattirt sich dieses Parteiwesen mehrfach ab. Die alte, aufrichtige Orthodoxie besitzt wenig Kampflust und bleibt ruhig in ihrem Besitz da, wo sie darin nicht gestört wird. Die Neuorthodoxie, welche wesentliche Momente der Bildung sich angeeignet hat, ohne dies wissen zu wollen, und der eigentlichen Orthodoxie daher schon, fremd geworden, ist nicht allein voll Streitlust, und will sich über ihre noch immer geringe Bedeutendheit hinwegarbeiten, sondern scheut hierzu keine Mittel und ist deshalb der eigentliche Motor aller dieser äußern Parteierscheinungen. Dieser zunächst steht eine Mittelpartei, welche sich vorzugsweise die geschichttiche nennt. Sie hat weder ein bestimmtes Princip noch Programm; sie hält sich an die Geschichte, klammert sich an das Bestehende, um es aufzugeben, wenn es nicht mehr gehalten werden kann. Wenn diese in conservativer Weise nützlich wirkt, so ist sie hingegen schädlich, weil sie alle Mittel der innern Ausbildung und Wiederbelebung schmäht, und den Ausbau des Lehr- und Gedankeuinhalts des Judenlhums, welcher deffen kräftigste Stütze für die Zukunft sein wird, hintenansetzt. Bon hier aus nimmt die eigentliche Reformpartei einen weilen Raum ein, die sich jener veränderten Anschauung principiell bewußt ist, sich dadurch durchaus nicht im Gegensatz zum geschichtlichen Judenthume weiß, vielmehr dieses von ihrem Standpunkte aus durchdringen und sich ihm als eine abermalige Phase des Judenthnms anschließen will, wie die Entwickelung sie gebieterisch mit sich gebracht. Erst am äußersten Flügel derselben finden sich vereinzelte Radicalreformer, welche einen concenttirenden Einfluß für sich zu gewinnen noch nicht vermochten. Dennoch wurden wir das Bild, das wir entworfen, unvollständig lassen, wenn wir nicht auch einer entgegengesetzten Richtung erwähnten. In den östlichen Ländern Europa's, in Polen, Rußland, Galizien, Ungarn und Rumänien breitete sich der Chassidismus unter der jüdischen Volksmasse aus, und wählte sich bald hier, bald dort, eine neue Brutstätte. Er ist ein entarteter Nachfolger der Kabbalah, eine populäre kabbalistische Mystik, welche im rohesten Wunderglauben des Volkes ihren Boden hat, dev sie fruchtbar für die Rebbe's, verderblich und aussaugend für das Volk bearbeitet, um so verderblicher, als sie sich mit dem häufigen und übermäßigen Genuß von Spirituosen verbindet. Dieser Chassidismus ist der trlmudischen Orthodoxie feindlich, denn er setzt an die Stelle des Talmuds den Sohar und andere kabbalistische Schriften, verspottet die talmudische Gelehrsamkeit und hält sich an die Wunderkraft der unwiffenden Rebbes. Jeden Fuß Boden, den er für sich gewinnt, raubt er der talmudischen Orthodoxie, und diese ist so gealtert, daß sie es sich ruhig gefallen läßt, ohne den Gegner irgend nachdrücklich zu bekämpfen. Das Glück ist, daß es dem Chassidismus an allem hierarchisch organisirenden Geschick gebricht, und daß jeder einzelne Rebbe nur für seine eigene Autorität wirkt. Hieraus entspringt, daß der Kampf mit dem Chassidismus durchaus kein schwieriger sein wird, da er mit der Einführung einer tüchtigen Volksbildung welken und absterben wird. Hieraus ersieht man eben, warum die dortige Orthodoxie ihm nicht überlegen sein kann, da auch sie eine tüchtige Volksschulbildung verschmäht, ihr also die rechte Waffe gegen den Aber- und Wunderglauben fehlt. Dies sind, auftichtig und ohne Uebertreibung gezeichnet, die gegenwärtigen innern Zustände des Judenlhums. Waren bisher seine Wandelungen einfach und gemeffen, nur von örtlichen Kämpfen begleitet, so mögen zwar der letzteren in der nächsten Zeit sich noch mehrere einstelleu — die Tendenz und der Charakter, welche die jüdische Gesammtheit in allen diesen Vorgängen erwiesen hat, bürgen dafür, daß die entstandenen Riffe durchaus nicht tief und nicht weit gehen, eine schroffe Sectenbilduug nicht eintreten, und wo sie etwa zum Vorschein käme, bald wieder überwunden sein wird. Die Hoffnungen, welche die Feinde des Judenlhums daran zu knüpfen pflegen, werden sich als eitel er-

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