Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1875)
- Date
- 1875-02-16
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
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117 zum vollen Ausbau der päpstlichen Hierarchie eingeschlagen. Den sie bedrohenden Mächten des modernen Rechtsstaates, des Volksbewußtseins, der Wissenschaft, Bildung und Aufklärung gegenüber, welche Mächte zusammen sie „Revolution" nannte, sah sie als ihre einzige Rettung den Absolutismus der päpstlichen Autorität, das Aufgehen der gesammten Kirche und aller ihrer Glieder in das Papstthum und die Proclamirung der päpstlichen Jurisdiction über alle christlichen Völker und Fürsten an. Sie bereitete dies allmälig vor, und von kirchlicher Seite her glückte es ihr vollständig. Traten einzelne Versuche aus, eine geistige Bewegung in die Kirche zu bringen, so wurden sie schnell unterdrückt, und deren Urheber unterwarfen sich, wie Hermes, Braun, Larnenais u. A.: der Deutschkatholicismus fand nur geringen Anklang. Man begann dem Ziele naher zuzuschreiten. Der Syllabus nebst seiner Encyklika wurde verkündet, die unbefleckte Empfäugniß Mariä als Dogma angenommen, endlich die Unfehlbarkeit des Papstes durch das vaticanische Concil dogmatisirt. Der Schlußstein der hierarchischen Zwingburg war hiermit eingesetzt. Wer in dem weiten Kreise der katholischen Kirche seine Beistimmung versagte, wurde ausgestoßen. Für die Masse wurde der ganze Apparat der Wundererscheinungen, Gnadenmittel und des kirchlichen Pompes zu Hülfe genommen. Dagegen war zu gleicher Zeit die päpstlich-weltliche Herrschaft zusammengestürzt. Aber gerade dieses Ereigniß wurde als Ausgangspunkt benutzt, um auf dem politischen Kampfplatze zu erscheinen, und in dem hervorgerufenen Streite gegen den Staat wurden alle Lessen Schritte als Kirchenverfolgungen gebrandmarkt, um die katholische Volksmasse zu sanatisiren. Allerdings löste sich ein Theil von der völlig päpstlich gewordenen Kirche los und constituirte sich als Altkatholicismus, ohne jedoch bis jetzt ein numerisches Gewicht zu erreichen. Wer den Zustand der katholischen Kirche im vorigen und noch in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts vergleicht, muß eingestehen, Laß in ihr eine ungeahnte Wandelung vor sich gegangen. Wer mit dem Bewußtsein aller dieser mit so schweren Kämpfen und tiefgehenden Umwälzungen verbundenen Wandelungen auf Las Gebiet res Jurenthums tritt, muß sich sofort verwundern, wie einfach, ruhig, und ohne mehr als oberflächlichen Wellenschlag hier die unausbleiblichen Veränderungen vor sich gegangen. Es fand nichts mehr als eine Fortentwickelung statt, ohne jegliche Erschütterung und Zerrüttung. Wir sagen „unausbleibliche", weil es in den Bekennern des Judenlhums, nachdem sie das bürgerliche und geistige Ghetto verlassen und allen Strömungen des bürgerlichen und geistigen Lebens überwiesen waren, gar nicht Zurückbleiben konnte. Und doch war innerlich die Umwandelung von dem größten Gehalte. Man ging, wenn auch allmälig, von einer alten, bis dahin Alles beherrschenden Anschauung zu einer neuen über, welche jener zwar nicht geradezu entgegengesetzt, aber als die Grundlage des religiösen Lebens eine entschieden andere war. Nach der ersteren war das ganze Leben des Bekenners durch die überaus zahlreichen, nach allen Beziehungen hin sich erstreckenden, bis in's kleinste Detail eingehenden, fest normirten traditionellen Vorschriften von einer streng juristischen Verpflichtung, der 'man den unbedingten Gehorsam schulde, wenn man nicht sündhafter Uebertrelung sich schuldig machen, eine strafbare Handlung begehen wolle. Dieser juristischen Religionsanschauung trat in den Juden der neuern Zeit die Anschauung entgegen, daß alle religiös-sittlichen Handlungen die Sache der Ueberzeugung und des Gewissens seien, nicht durch den bloßen Gehorsam gegen gegebene Vorschriften, sondern erst durch die freie Ueberzeugung und das Pflichtgefühl des Gewissens ihren Werth und ihre bindende Kraft erhalten. Wir sagen, daß diese neue Anschauung der alten nicht geradezu entgegengesetzt sei, insofern auch die Erfüllung der tradirten Vorschriften sich mit einer vollen Ueberzeugung verbinden kann, und die Ueberzeugung die Pflichterfüllung in der Uebung bestehender Vorschriften zu erblicken vermag. Aber sie war doch eine ganz andere, denn sie unterwarf die tradirten Vorschriften der Kritik der Ueberzeugung und den Strömungen des Gewissens, sie machte die Formen des religiösen Lebens wieder flüssig, nachdem sie lange Zeiten in unveränderlicher Gestalt bestanden hatten, entkleidete sie zwar der zweifellosen Autorität, suchte sie aber mit neuem religiös-sittlichem Werthe zu erfüllen. Wer die Dinge nicht von der Oberfläche zu schöpfen gewohnt ist, wird sich eingestehen, daß dies aus dem geschichtlichen Religionsgebiete eine Wandelung sei, wie sie liefergehend nicht sein kann, daß sie allerdings unter den obwaltenden Einflüssen und Umständen unausbleiblich war, Vieles vom bisherigen religiösen Leben beseitigen, dagegen auch, wenn sie mit einer Neubelebung des religiösen Geistes und einer Verinnerlichung des religiös-sittlichen Gewissens zusammenträfe, den Bestand der Religion für die Zukunft sichere. Was nun für das Judenthum als ein glücklicher Umstand betrachtet werden kann, ist, daß riese Veränderung der Anschauung nicht von vornherein principiell erkannt ward, deshalb zu einem bewußten Zwiespalt gerüstet nicht auftrat, und so von vornherein den Charakter spaltender Parteien nicht annahm, sondern als eine Entwickelung von innen heraus in den Individuen vor sich ging, und hierbei nach den Verhältnissen der Juden auch nur auf individuelle Hindernisse stoßen konnte. Auf diesem Bocen nämlich konnte die Veränderung in den Individuen nur allmälig der Zahl nach wie auch in ihrem Maße fortschreiten, und bei der Freiheit, in welcher das Judenthum lebte, und bei dem Mangel an aller priesterlichen Gewalt, sowie da die Umwandelung nicht einmal in der Literatur zum Ausdruck kam, vermochte sie höchstens zwischen Familien und Individuen Zwistigkeiten hervorzurusen, nicht aber Spaltungen, Parteiungen, Seelen zu erwirken. In den Gemeinden selbst kam sie gar nicht zum Vorschein; die später erstrebten Reformen des Gottesdienstes gingen nicht aus der principiell veränderten Anschauung, sondern aus rem sich immer fühlbarer machenden Bedürfniß, das aus rer Bildung