Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1875)
- Date
- 1875-02-16
- Page
- Seite 116 (sequence 2)
- Language
- German
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116 noch von seinen unwiderstehlichen Siegen träumte, sobald die Gunst eines Fürsten oder der Zwang einer Umwälzung ihm den nöthigen Raum gewährt hätte; wie das Jahr 1548 ihm einen kurzen Sieg und eine desto drückendere Niederlage bereitete; wie eine Zeit der Reaclion folgte, die geradezu zum entnervenden Cäsarismus zu führen schien; wie jedoch eine durchaus realistische Politik den Boden aller dieser unhaltbaren Berhältniffe zerschlug und zum Aufbau des modernen Rechtsstaates die feste und thatkräfiige Hand bot; wie hingegen dieser energischen Schöpfung gegenüber aus dem Schooße der Vergangenheit die unerbittlichste Reaction einer vollendet organisirten Hierarchie zu einem Kamps auf Tod und Leben sich erhob, welcher die nationalen Feindseligkeiten Kräfte und Waffen leihen, ohne die sie schnell zusammenschrumpfen würde. Alles Dies lebt zu sehr im Bewußtsein der Gegenwart, um Namen und Tharsachen angeben zu muffen. Wer zurückblickt, kann sich der überraschenden Wahrnehmungen nicht entheben, wie Vieles lang bekämpft sich dennoch erfüllte und, wenn auch noch in der Enthaltung und Ausführung begriffen, doch die Bürgschaft des Fortbestandes in sich trägt. — Nicht minder liegt das ganze gesellschaftliche Leben in den erstaunlichen Wandlungen vor unsren Blicken, die es durchgemacht. Wie einfach und bescheiden, wie begrenzt und nach Stand, Rang und Vermögen gesondert war das Leben beim Beginn unsrer Periode aller Orten noch, und kreiste veränderungslos in den gewohnten Bahnen ab. Alle öffentlichen Anstalten und Einrichtungen hatten noch einen großväterlichen Charakter, ja waren gerade nach den irrthümlichen Experimenten des vergangenen Jahrhunderts zum Theil denr Verfalle näher als einer neuen umgestaltenden Bewegung. Da traten Erfindungen aus die Buhne, welche den ganzen Schauplatz mit reißender Geschwindigkeit verändern sollten. Die Benutzung der Dampfkraft und der Electricität veränderte nicht blos Raum und Zeit für den Menschen, sondern gab auch den Anstoß und die Mittel zur schrankenlosen Entwickelung des Maschinenwesens und zum engen Anschluß aller Menschenvölker im Austausch ihrer Erzeugniffe. Dadurch wurde zugleich das Bedürfniß tausendfach gereizt. Die Industrie, auch anderweitig durch die Wissenschaft unterstützt, gewann eine ungeahnte Ausdehnung und bereitete für alle Classen ein menschenwürdigeres Dasein. Allerdings verbanden sich hiermit alsbald schwindelhafte Speeulation, furchbare Krisen und die Wühlereien des Socialismus. Aber dies sind Erscheinungen, die von einem so gigantischen Lebensprocesse nicht zu trennen waren, und die ihm schließlich doch nur dazu dienen, eine gesunde Organisation einzugehen. — Es giebt keine Wissenschaft, die in diesem Zeiträume nicht eine vollständige Umgestaltung erhalten habe. Beim Beginne desselben standen die Naturwissenschaften, vom jetzigen Standpunkte aus angesehen, noch in den Kinderschuhen. Selbst die so lange Zeiten gepflegte Philologie nahm durch die vergleichende Sprachenkunde eine ganz neue Gestalt an, und erweiterte ihren Kreis, dermaßen, daß sie bereits in viele Specialsächer zerfällt, deren Resultat selbst ein Menschengeist nicht zu überwältigen vermag. Bis dahin räthselhafte Monumente von Sprachen und Literaturen wurden dem Verständniß eröffnet und boten der Geschichte neue Zuflüsse dar. Welchen mächtigen Gang durchschritt die Philosophie! Jahrzehnte hindurch hatte Kant die Welt der Denker beherrscht; der kräftige Egoismus Fichte's, die phantastische Naturphilosophie Schelling's und über diese hinaus die scharfe Dialectik Hegel's fesselten nacheinander die Geister an sich. Letzterer insbesondere übte einen mächtigen Einfluß auf alle Wissenschaften, der stillschweigend weiter wirkte, als er bereits durch die Junghegelianer verdunkelt und die Anerkennung ihm abgesprochen wurde. Beherrschende Systeme traten seitdem nicht wieder auf; aber nach einzelnen Richtungen hin geschahen imponirende Vorstöße, welche weniger die Ueberzeugungen durchdrangen, als vielmehr die öffentliche Meinung zu leiten versuchten; wir nennen hier nur Feuerbach, Schopenhauer und Hartmann. Neben den Wissenschaften können allerdings die Künste kaum genannt werden, von denen man aus allgemeinem Gesichtspunkte nur sagen kann, daß sie durch günstige Erfindungen Geschmack und Kunstsinn in viel weitere Kreise als vordem zu bereiten vermochten. Die Wandelungen, welche im Christenthume wahrend derselben Zeit stattfanren, waren von außerordentlicher Bedeutung. In der protestantischen Kirche war der einfache, nüchterne Nationalismus allgemein geltend geworden. Aber gerade er mußte nolhwendig bei rem Mangel aller nachhaltigen Beftiedigung seinen vollen Gegensatz, den starren und ausschließlichen Dogmenglauben der Orthodoxie wieder heraufbeschwören. Vergebens bemühte sich Marheineke jenen in ein Hegel'sches Gewand zu kleiden, vergebens Schleiermacher ihm durch allegorische und symbolische Auslegung Geist und Herz einzuflößen, die grobkörnige Orthodoxie mit ihrem Entweder-Oder überwand ihn und drängte ihn aus der Kirche heraus. Hier erkaltete er zu jenen antikirchlichen Versuchen der Lichtfreunde, welche bald die auflösende Freiheit des Individualismus an die Stelle des religiösen Bekenntnisses und der religiösen Gemeinschaft in den „fteien Gemeinden" setzten. Unterdeß aber war der Orthodoxie und dem Rationalismus zugleich ein neuer furchtbarer Gegner erstanden: die unerbittliche Kritik, welche die urkundliche und geschichtliche Grundlage des Christenthums zuerst zu einer maßlosen Verwirrung und dann zu einer mehr oder weniger einschneidenden Verneinung brachte. Strauß, Baur, Bruno Bauer, Rsnan u. A. zerstörten auf diese Weise die ganze Grundlage des Protestantismus, indem sie die bindende Autorität der christlichen Urkunden als unbegründet und völlig in der Luft schwebend, erwiesen. Zahlreiche Bermittelungsversuche werden fortwährend von Position zu Position angestellt, ohne einen haltbaren Standpunkt erlangen zu können. — Das entgegengesetzte Bild bietet die katholische Kirche dar. Sie hatte nach der Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes 1815 den Weg zur innern Befestigung und