Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1875)
- Date
- 1875-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Em unparteiisches Organ für alles Wische Jntereffe. Dies« Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi» r>/ . Bogen. Preis Bierteliährig 3 Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Lll« Buchbandlunge», Postämter und ZeitnngS » Expeditionen nehmen Bestellungen an. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. In redactiouellen Angelegenheiten »ende man jich an Dr. i‘. ptiiUppfon in | Bonn; binstchtlich de» Bezugs und der Inserate an Saii»g>>rt»er'» Snckdaiirlang inLewzig. Ansträle, welch«di» vonnereiag cingeben. finden in der darauffolgenden S.ummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 16. Februar 1875. JVf 8. Inhalt. Leitende Artikel: Die Wandelungen in der neueren Zeit und im Judentbume. — Das WachSthum der jüdischen Bevölkerung in Preußen. IT. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Hannover. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Böhmen. — Frankreich: Paris. — Jtali en: Ferrara. — Rußland: Warschau. — Feuilleton: Bibliographische Notiz. — Aus der Reisemappe von vr. H. Zirndorf, Seminardir. (Forts.) — Vermischtes. Seltende (SLxhlkei. Bonn, den 10. Februar. Die Wandelungen in der neueren Zeit und im Iudenthnme. Seit dem Jahrhundert der Erfindung der Buchdruckerkunst, der Entdeckung Amerika's und der Reformation gab es keine Zeit, welche einen so merkwürdigen Wandel der Dinge in verhrltnißmaßig kurzem Zeiträume hervorgebracht, als die unsrige. Wenn wir etwa sechs Jahrzehnte zurückschauen, so mag man sich, auf welches Gebiet mau wolle, versetzen, um kaum noch den Boden zu erkenne», aus welchem die gewaltigen Veränderungen hervorgewachfen, die jetzt uns einfach und natürlich erscheinen. Man wird dereinst nicht sagen können, daß unser Jahrhundert die Zeit der Aufklärung, des Humanismus und der reinen Humanität, des Friedens und der Friedenslust gewesen sei — dazu traten immer wieder zu viele dunkle Mächte mit überraschender Anziehungskraft und Energie auf — wohl aber wird man es bezeichnen als eine Zeit außerordentliche» Ringens, ausdauernden Kampfes und der bedeutendsten Erfolge. Werden die letzteren erst eine »och bestimmtere Gestalt angenommen und eine noch entschiedenere Herrschaft erlangt haben, so werden sich die Völker dem scheinbaren Stillstand, d. i. der ruhigen und sichern Fortentwickelung wieder überlasten könnnen. Ebensowenig wird man behaupten dürfen, daß unsre Zeit die der würdevollsten Gesinnung, der großartigen sittlichen Anschauung, oder auch der glühendsten Begeisterung und des Fanatismus gewesen. Aber man wird sagen muffen, daß sie mit einer außergewöhnlichen Anzahl großer Männer und mit großen Masten operirt hat, und daß sie eben in ihrem Schooße diese vielen mächtigen Geister und die ihrer Führung sich überlastenden Masten trug. Ob ein Gebiet groß oder klein, ob deffen Bearbeitung von zeitweise» oder weltgeschichtlichem Werthe, überall fanden sich Männer ein, welche den veralteten Zustand durchbrochen, die eingerosteten Elemente zu neuen Procesten belebten und die Furchen zogen, in welche eine neue Saat gestreut ward. Da ist es denn doch gut, sich von Zeit zu Zeit des erreichten Standpunktes, der geschehenen Dinge bewußt zu werden, und den Maßstab der anderen Objecte an das zu legen, welches vorzugsweise unsre Aufmerksamkeit beansprucht. Doch ist es hier nicht der Ort, die auf allen Gebieten geschehenen Wandelungen aus den letzten sechs Jahrzehnten irgendwie ausführlicher einer Rückschau zu unterwerfen; wir wollen nur Einiges aus den Kreisen andeuten, in welchen wir uns Alle bewegen, oder denen wir nahestehen. Wem braucht man jedoch auf dem Gebiete der Politik erst in Erinnerung zu bringen, wie trotz der ftanzösifchen Revolution, der napoleonischen Despotie, der in den Freiheitskriegen und der deutschen Demagogie vorhandenen Bewegung im Beginne dieses Zeitraumes der patriarchalische Geist in den Völkern noch lebte und den absolutistischen Herrschern ihren Szepter noch gönnte; wie die Julirevolution von 1830 überall zündete und schnell dem Liberalismus die Bahnen öffnete; wie dieser Liberalismus in seiner Kindlichkeit