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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-09 · Heft 7 (9.2.1875) · p. Seite 109

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 7 (9.2.1875)
Date
1875-02-09
Page
Seite 109 (sequence 11)
Language
German
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109 einen Ausdruck der Bewunderung, deS frohen Staunens rechtfertigt. Es war eine Scene, wie man sie auf dem Feftlauve Enrapa's so leicht nicht wieder beschaut. Und selbst Jahrzehnte der Entfernung haben dies Gefühl in mir nicht abgestumpft. Umrahmt von einem Stävte-Panorama von unerreichter Großartigkeit und Abwechslung rollt die wahrhaft königliche Donau in majestätischer Breite ihre grünen Wogen dahin. Eben hat sie die scharfe Biegung nach rechts beschrieben, welche auf der Karte ihre Richtung von einer östlichen plötzlich in eine südliche verwandelt, und links breiten sich jetzt vor ihr wohl in der Ausdehnung einer Stunde die weißen Uferpaläste von Pest aus, hinter denen die endlose Ebene OstungarnS ihren Anfang nimmt. Rechts aber steigt in einem kühnen Amphitheater der Srädtecomplex des Königssitzes Ofen ■ Buda) vor dem Beschauer in die Höhe. Als Kern dieses Städtesystems prangt aus steiler Höhe die Festungsstadt, und die blinkenden Fenster des Königsschlosses glänzen nachbarlich zu der stolzen Unterthanin, dem betriebsamen Pest herüber. Demüthig zu den Füßen der Burg gelagert, badet sich das untere Ofen, „die Wasiersladt", bis in die umsäumenden Wellen» wahrend ein südlicher Anbau» die Raizeustadt oder der T a b a n, von Handwerkern und Weinbauern bevölkert, sich in sanften» wellenförmigen Höhen nach Süden zu verliert. Segelt man auf einem der bequemen Localvampfer den schönen Strom hinauf» so begrüßt man in zahllosen Villen und Anbauen die weitgestreckten Vorstädte von Ofen, zwischen denen» von sanft absteigendem Weingebirg umrankt, die Gebäude und Anlagen des Kaiserbades, türkischen Ursprungs und modern verschönert» sich abheben. Weiterhin breiten sich die umfassenden Schifsswersre und Werkstätten des Oesterreichischen Lloyd, und endlich fahren wir an den bescheidenen Stadtanlagen von Altosen dahin, welches jetzt nur als eine Vorstadt von Ofen sein Municipaldasein fristet. Den vortheilhaftesten Ueberblick über diese großartige Scenerie bietet ein Standpunkt auf den Mittelpfeilern rer Kettenbrücke, deren kühne Schwingung, cyclopenartig in den Pfeilern, und elegant-zierlich in den Eisentheilen, die gebändigte Welle des Jster umspannt. Unter dem zitternden Klang unserer Schritte lassen wir hier das reiche Leben von Wasser und Land sich gruppenartig vor uns aufbauen und in ewig wechselnder Individualität sich von uns wegverlieren. Wie oft habe ich hier betrachtend verweilt und das herrliche Gemälde überschaut, während das Gold der untergehenden Sonne sich vielfältig in den Fenstern der Ofener Königsburg wiederholte. Und jetzt versuche ich es. flüchtig und planlos» wie die Erinnerung mich eben da und dorthin trägt, die reichen Anklängc eines mehrmonatlichen Aufenthaltes vor Allem mir selbst zur Freude der Vergessenheit zu entreißen. Es soll, dafür bürgt die Frische der Eindrücke und der ernste Sinn des Gedenkenden, bei allem dem keine wesentliche Lücke darin Zurückbleiben. Meine Ankunft war an einem Freitage erfolgt, und einer meiner ersten Besuche galt der Synagoge. Mit großen Erwartungen betrat ich das stattliche Bethaus an der Ecke der Königstraße, welches bis zur baldigen Einweihung des großartigen Neutempels eine provisorische Metropolitanwürde mit Gediegenheit vertrat. Der Gottesdienst machte den Eindruck des Würdevollen und organisch Gewordenen und erinnerte mich sowohl am Abende, als am folgenden Morgen, an die bessern Elemente der Wiener Schule. Der Obercantor, Herr M. Friedmann» erst neulich von Wien hierher gekommen, hatte» ein begabter Schüler Sulzer's, mit Takt und Geschick seine Aufgabe erfaßt und hebende Momente dem Cultus hinzugefügl, ohne in eine knechtische Nachahmung des Wiener Ritus zu verfallen» wie sie in den vorgeschrittenen Gemeinden Oesterreichs beliebt wurde. Ich trat bald darauf diesem tüchtigen Manne näher und verdanke seinem gründlichen Urtheile und erfahrenen Blick werthvoüe Ausschlüsse über locale und Landesverhältnisse, sowie seinem geselligen Sinn manche anregende Stunde. Der Oberrabbiner L. Schwab war vor nicht langer Zeit aus dem Leben geschieden, und die kommende Neuwahl warf ihre Schatten bereits nach vorwärts; eine determinirte Gruppirung der Parteien» welche allen Stoff in sich hatte, eine heftige zu werden, trat mir schon auf offener Heerstraße entgegen, und Namen, Gerüchte, Berufungen, schwirrten mir verwirrend um Geist und Ohr. Dian kann nicht sagen» daß durch den Hintritt dieses vielgenannten Theologen der Pester Lehrstuhl besonders verwaist aussah: in der Synagoge wenigstens trat uns diese Thatsache nicht auffällig entgegen. Wie gerne möchte man verehrten Todten Liesen Zoll der Anerkennung milgeben zu den Schatten, und gewiß das Gefühl der Leere und Einsamkeit, welches ein vielbeklagter Abschied geschaffen, ist unter den Trauerempfindungen das Menschlichste, es ist zugleich für den pietälsvollen Sinn bas Wohlthuendste. Schwab's imponirende Persönlichkeit hatte jedenfalls der Pester Gemeinde eine vermittelnde Führerstelle in Ungarn gesichert, das Höchste» was durchzusetzen war in einem Lande» wo jüdische Altgläubigkeir — ich sage absichtlich nicht Orthodoxie, der Name ist mir viel zu modern — nicht etwa Dogma und synagogales Programm» nein, wo sie Volksthum und Massenreligion ist. In ihm, den ich nie von Angesicht gesehen, trat mir aus sich ergänzenden Schilderungen der Zeitgenossen eine sehr glückliche Mischung des grundgelehrten Talmudisten und des vielseitigen, nach jedem Strome der Mittheilung hinhorchenden schönheitsftohen Geistes von neuerem Gepräge entgegen. Interessant, lehrreich in ihrer Unentwickeltheir stehen solche Geister mit einem Doppelantlitze an der Schwelle zweier Zeiträume, und Geschichte, Dichtung und haushälterische Kritik wird sie sobald nicht aufbrauchen. Ja, es kommt mir vor, als mußte man neben der klaren Regelmäßigkeit Deutschlands, wo alles planmäßig aus Akademien, Seminarien und geordneten Verhältnissen herauswächst, nach neuen Fundgruben des originellen^Autodidakten-

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