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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-02 · Heft 6 (2.2.1875) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 6 (2.2.1875)
Date
1875-02-02
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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92 Molllon eines versöhnenden Adschiedsworles hineinkl'mge. Mir harre das Ungarland, das als gastliebend so weit gerühmte, bis jetzt eben keinen Ueberfluß an gastlicher Sitte gezeigt; wird seine stelze Königsstadt die Schuld der Provinz bezahlen? Unter solchen Betrachtungen ließ ich mich in westlicher Richtung fortrollen, den hohen Berggipfel des Kryvan mir seiner sonderbaren krummen Spitze unverwandt im Auge. Ein Freund, der einzige, der sich ganz und rückhaltslos mir angeschlossen, gab mir bis zum Städtchen Rosenberg, einer Grenzhut deutschen Lebens, wie schon der Name verkündet, das Geleite. Noch hatte der Dampf erst einen kleinen Theil Ungarns der modernen Kultur erobert; in das slavische Nordungarn hatte die Eisenstaße ihre erzenen Kettenringe noch nicht eingeschlagen, und mein Weg lag bis zur Stadt Waitzen durch weltgestreckte Landschaften eines Zeit und Mühe verschlingenden Vorweltverkehrs. Nicht weniger als fünf Tage dauerte es, bis ich das Ziel, das großartige Städtepanorama der Donau vor mir liegen sah; und doch glaube ich ernstlich, daß die verschiedenen „Gelegenheiten" ebensowohl als die davorgespannien Klepper ihre Schuldigkeit redlich gethan. Unser erstes Nachtlager war Revutza, ein endloses Dorf, welches unter den wechselnden Namen und der sich gleichbleibenven Sache: Ober-, Mittel- und Unterrevutza sich stockwerkartig an die Absenkungen des Talragebirges anlehnt. Gerne möchte ich den Leser von den reizenden Perspectiven dieser Hochthäler unterhalten, wo die Heerstraße in abenteuerlichen Spirallinien die luftige Anhöhe hinankeucht und plötzlich ungeahnt aus dunklem Tannengrün reiche duftumwobene Thäler erschließt; allein unaufhaltsam drangt mich der Strom der Erinnerungen weiter nach Süden und nach dem Sitz geräuschvollen Menschenlebens. Die vereinzelten Alpenblüthen landschaftlicher Schönheit unterwegs sind beinahe alle verwelkt, das bunte Treiben einer sich fühlenden Großstadt hat in mir unverwischliche Eindrücke Hinteilaffen. In Heinik war unser zweites Nachtlager. Die Berg- und Bischofsstadl Neu sohl ward flüchtig berührt, und von jetzt ging es ohne weitere Unterbrechung in die große mittelungarische Tiefebene hinab. In Losoncz, wo wir die dritte Nacht zubrachten, begrüßte uns zum ersten Mal ein südlicher Obstmarkt, mit schwellenden Trauben, riesigen Melonen und allen anderen Attributen mittäglichen Ueberfluffes. Bon dort stand uns noch eine langweilige Tagesfahrt bevor, um Waitzen, und damit die Elsenbahnverbivvung zu erreichen. Wir passirten Balaffa-Gyarmalh, die einzige bedeutendere Ortschaft auf Vieser Strecke, und gedachten noch zu guter Abendstunde in der Freistadt Waitzen — ein wohlfeiler Titelluxus dieses „ftei" in der Wüste des vormärzlich ungarischen Städtelebens — von unserer Mühsal auszuruhen. Allein wir hatten die Rechnung ohne unsere ermüdeten Klepper gemacht; und die sagenhaften zwei Drecken, diese stereotype Antwort aus die siere Frage: wie weit noch, wollten nicht enden. So ging es denn tief in die Nacht hinein, und der Riesenkomel, welcher die Nächte jenes Spätsommers illustrirte, leuchtete über uns, als wir uns denn doch lange nach Mitternacht der ersehnten Freistadt näherten. An Unterkommen war nicht zu denken, und so ließen wir uns gegen zwei Uhr vor Dem sehr primitiven Bahnhofe abladen. In dieser abenteuerlichen Lage wachten wir den kühlen Herbstmorgen heran, bis die eisernen Thore in ihren Angeln knarrten, und die Ankunft des Preßburg-Pester Bahnzuges signalisirt ward. Um drei Uhr wurden wir endlich in ein Coupv gepackt, um eine Stunde später unter den Herbstnebeln des 8. October in Pest zu landen. (Fortsetzung folgt.) Nachtrag. St. Galleu, 22. Jan. (Privatmitth.) Zur Schächtftage! Was wir befürchtet, ist eingetroffen; der Regierungsrath hat unsere Recursbeschwerde abgewiesen und das Schächtverbot des Gemeinberaths bestätigt. Der bezügliche uns heute zugestellte Protocollauszug lautet wörtlich: Herrn Dr. Hermann Engelbert, Rabbiner in St. Gallen iz. H. der Israelitischen Genoffenschaft). Auszug aus dem Protocoll des Regierungsrathes des Cantons St. Gallen. (Sitzung am 20. Jan. 1875.) Mit Eingabe vom 22. Decbr. v. I. führt die israelitische Religionsgenoffenschaft in St. Gallen Beschwerde gegen einen Beschluß des Gemeinderaths St. Gallen vom 17. gl. M., wonach das Schächten der Thiere nach isr. Cultus untersagt und die Tödtung des Schlachtviehes vom 1. Jan. 1875 an nur nach der Methode von Bruneau mir dem von diesem conslruirten Schlachrinstrument vorgenommen werden soll. Nach Einholung der Vernehmlaffung des Gemeinderaths St. Gallens und des Gutachtens der Sanitätscommission wird auf Bericht des Polizeidepartements In Betracht: 1) daß der Gemeinderath nach Art. 69 des Organisationsgesetzes diejenige Behörde ist, welche im Umfange der politischen Gemeinde alle zu Vollziehung der Gesetze und zu Handhabung der Polizei erforderlichen allgemeinen Verfügungen zu treffen hat; 2) daß die Verordnung über Thierquälerei vom 23. Mai 1868 in Art. 2 Ul c. die Tödtung der Thiere aus eine Weise, daß dadurch unnöthige Schmerzen verursacht werden, als Thierquälerei bezeichnet; 3) daß allerdings der Regierungsrath vom 18. März 1867 auf das Gutachten von Director Zangger in Zürich der israel. Genoffenschaft in St. Gallen das Schächten gestattet hat; 4) daß das Gutachten von Director Zangger aber mit der Folgerung Ziff. 3 geschloffen hat „das Schächten könne nicht als Thierquälerei bezeichnet werden, so lauge nicht eine

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