Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1875)
- Date
- 1875-02-02
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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91 Pasturen gewesen unv habe mich von ihm den neuen Staatskalender von 1817 geleihnt und ihm dabei Ihre gütigen drei Stück Anfragen vorgelegt in Berücksichtigung meiner eigenen geistlichen Dummheit. Uns' Herr Pastur is noch einer von die Alten, ümmer richtig da, sehr vor Vernünftigkeit in der Predigt und vor die Begreistichkeit derselben, auch vor die Armuth, und vor sieben Schläge in der Wirthschast mit reine Brache. Vor die Stallfütterung und die vielen Betstunden is er nich, sehr aber vor den frischen Klewer und Weidezang in die liebe 'Natur. Die neumodische Bockschäfereien Hai er in den Magen, viel lieber will er, sagt er, rauhe halten, sie sünd dankbarer. Als Oekonomiker is er richtig, und als Pastur ein Menschenfreund. Na, uns' Herr Pastur sagte also zu mir: „Grüßen Sie ihm und sagen Sie ihm, die erste Fragestellung wäre eine unrichtige Ortografvieh: Supperdent unv Suppenanstalt hätte eine große Aehnlichkeit in der richtigen Schreibart, indeffen hätte 'ne große Polschon und 'ne schöne Rendlichkeit mit Zwiebeln, Burre*), Peiteßillwörteln un Sellerih und was sonst noch zu 'ner Appetitlichkeit gehört, mehr mit 'ner Supp zu thun as ein Supperdent. In Anbetracht der zweiten Frage wäre er der Meinung, daß die Jsraeliter oder Mosaischen Glaubensgensgenoffen — denn Juden wollten sie nich gerne heißen, weil daß dies ein schlechter Nebenbegriff sei — im Ganzen genommen millgewerner **) wären als die Christen, und daß ihre Kocherei sehr rendlich mit „Milchern" un „Fleischern" wäre, auch das Effend behülflich, wie er dies an seiner eigenen körperlichen Beschaffenheit erfahren habe, da er lange Jahre als Gimnast auf hohen Schulen bei so einem mosaischen Samariter 's Middwocheus Freilisch gehabt habe, wo er sich, mit Respekt zu vermelden, das Leib recht nüdlich voll geschlagen habe, ohne wesentlichen Schaden an feinem Chriftenthum zu leiden. Und damit wäre denn auch die letzte Frage erledigt. Nu frage ich Ihnen aber: Hat dieser Supperdent was gegen diese 100 Rthlr. preuschen Crant dieses Mosaischen Glaubensgenossen gehabt, oder er diese sor probat erklärt? Dieses war, wie uns Herr Pastur sagt, eine exemplarische Beitragung zu die Moralität von's 19. Jahrhundert. Leben Sie wohl Ihr Haunerviem, 27. Janewahri 1856. getreuer Bräsig. Inspektor Bräsig scheint sich zu verwundern, daß so Etwas in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch Vorkommen könne. Gegenwärtig sind wieder zwei Jahrzehnte verflossen — ob aber die religiösen Vorunheile geringer geworden, ist die Frage. Die D. V. C. erzählte dieser Tage aus dem kleinen Rheinischen Städtchen, wie eine „barmherzige Schwester" zu einem protestantischen Kranken gerufen worden, und diesem ihre Pflege angedeihen ließ. Eines Sonntagsmorgen war die Schwester fort- *) Porre, spanischer Lauch. **) Mildthatiger. gegangen, obschon man sie dringend ersucht halte, zu dieser Stunde da zu bleiben, weil der Arzt in derselben kommen und sie über den Kranken des Nähern befragen wollte. Als man sie fragte, warum sie dennoch fortgegangen, antworte sie, sie hätte sich ihre Sonntagskleider holen müssen. Da man einwand, daß sie sich dieselben hätte gleich mitbringen können, erwiedcrte sie: „Das ginge nicht! Ich bin eine geheiligte Person, und meine Kleider dürfen nicht in einem protestantischen Schranke hängen!!!" — Aber brauchen wir so weit zu gehen? Hat nicht in diesen Tagen ein Pastor in der aufgeklärten Stadt Oldenburg von seiner Vorgesetzten Behörde das Verbot erhalten, am Grabe eines ihm befreundeten Juden eine Grabrede zu halten? Aus -er Leifemappe Or. H. Zirndorf, Seminardirector. Pest vor sechözehu Jahren. i. Groß waren die Erwartungen, mit denen ich mich, von den Karpathenthälern des nordungarischen Grenzgebietes herabsteigend, der glänzenden Landeshauptstadt näherte. Ich hatte jetzt ein volles Jahr in diesem mir fremden Lande gelebt, wenn Vergrabensein in rastlose und mühselige Berufspflicht ohne einen sonnigen Lichtblick der Geselligkeit, der Freundschaft und der Natur Leben genannt werden kann. Es war hohe Zeit, das: ich dieses interessante Land, ja daß ich das Leben selbst wieder von einer schöneren Seite kennen lernte, und darum begrüßte ich den Austritt aus meinem Lehramte mit einem unbeschreiblichen Wohlgefühl wiedergewonnener Freiheit. Alle Pulse pochten in mir von Erwartung und Sehnsucht, als ich am 4. October 1858 den überbescheidenen ländlichen Reisewagen, die landesübliche „Gelegenheit" bestieg und vor dem jüdischen Todtenfelde vorbei lach meinen Ansenthaltsort bewachte an den zwei einzigen Zugangsstraßen der ernste Thanatos in jüdischer wie christlicher Gestalt) der Brücke des reißenden Waagstromes zueilte. Ein Geleite von näherstehenben Bekannten folgte mir eine ziemliche Strecke und vertrat die fühlende Menschheit bei den. Scheidenden; der Undank und die Selbstsucht saßen mittlerweile schmollend hinter verschlossenen Fenstern. Solche Trennungen, welche in einem schicksalsgewaltigen „Zu spat" den Menschen immer wieder an den Menscben rücken, zeigen wahrhafter vielleicht als ein langes Zusammenleben der Menschheit verwandte Familienzüge; und es ist fürwahr schon deshalb gut, daß Verbindungen sich lösen und Heimstätten mit ungemeffener Ferne vertauscht werden, damit in die schrille Dissonanz unserer Lebenssymphcnien der abschließende