Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1875)
- Date
- 1875-02-02
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227021--33276-3303055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 Jeuilleion. Ein Briefwechsel zwischen ^ritz Reuter und Inspektor Brasrg. In dem soeben erschienenen ersten Theil der nachgelassenen Schriften von Fritz Reuter (Br. VIII. S. 77) finden sich zwei Briefe, der eine von Reuter an Bräsig, der andere als Antwort, die uns hier interessiren werden. Diese Briefe erschienen zuerst 1855 und 1856 in Dem von Fritz Reuter herausgegebenen Unterhaltungsblatt. Lieber Herr Jnspector Bräsig! Wir sind in großer Noch, aus welcher Ihre Freundlichkeit und Ihr Scharfsinn uns vielleicht ziehen könnte, d. h. wenn Ihre Zeit es erlaubt. Wir gestehen, daß wir von dem nachfolgenden Fall gleichsam verbas't, wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen dastehen und uns fragen, ob Ihre gütigen Räthsel oder dies nachfolgende schwerer zu lösen ist. Der Fall ist folgender: In einer kleinen Stadt — bitte, ich irre mich, es ist eine Kreisstadt — lebt ein edler Israelit. Der Mann beschließt dem Zuge seines Herzens, welcher ihm als des Schicksals Stimme gilt, zu folgen und in der schweren Noth der Zeit, oder in der Zeit der schweren Noth ein Uebriges zu thun und sich seiner — bald hätte ich Mitchristen geschrieben — leidenden Mitmenschen zu erbarmen. Er überlegt sich Alles wohl, wie das seines Volkes bedächtige Art ist, er fragt sein Herz, er fragt sein Geschäft, beide nicken mit dem Kopfe und sagen: In Gottes Namen! Thu's! — Er thut's! — Er geht zu seinem Geidkasten, er holt 100 Thaler preußisch Courant hervor und giebt sie zu einer Suppenanstalt für die Armen der Stadt. — — Halt! Herr Inspector, Sie wollen sagen, was Sie wahrscheinlich schon oft gesagt haben: „Jude ist Jude, er hat seinen Bortheil dabei? Die Sache ist noch etwas anders. — Der Mann denkt: Soweit wär's gut, aber die preußischen Thaler, und wenn sie auch in ganz kleine Pfennige verwechselt werden, können die armen Teufel nicht fresien, sie müsien Suppe dafür haben; aber wo diese Suppe kochen? — Ich habe da zwei Küchen, ich will sie hergeben, diese beiden Locale, ich will mir die Last auf den Hals laden und die Gefahr, daß man bei Gelegenheit mir die silbernen Löffel stiehlt. Der Wohlweise versammelt sich in Folge dessen; er breitet seine Weisheit über den Rathstisch, verbrämt dieselbe mit extraordinären Comitsmitgliedern und verziert sie zum Ueberfluß noch mit den echten Golbquasten der hierarchischen und Stadtverordnetenvorsteher-Gewalt. Große Freude — bald hätte ich geschrieben: in Israel! — Große Freude in der christlichen Versammlung! „Haben Sie's schon gehört? Der Co." — „ „Ja, ja! weiß es schon. hat aber auch seine Köchen zu diesem wohlthätigen Zwecke angeboren." (Allgemeine Freude und Anerkennung.) Da erhebt sich der dreimal im Feuer des Glaubens und der Liebe geläuterte hierarchische Goldquast, mit welchem die Säume magistratlicher Weisheit geziert waren, und spricht: „Meine Herren, Annehmen oder Ablehnen? Das ist die Frage. Ich stimme für Ablehnen! Nie werde ich als christlicher Superintendent zugeben, daß christliche Arme aus einer Judenküche gespeist werden!" — „„Ich auch nicht!"" ruft die Stadtvorsteher-Gewalt und fügt energisch hinzu: „„Nie nicht! Nie nicht! Nie nicht!"" Beide erscheinen zum Staunen der Anwesenden in einem Heiligenschein. Trotzdem heftiger Widerspruch von vier Mitgliedern des Comitüs, weswegen dieselben in den Verdacht des heimlichen Mosaismus gerathen. Dieselben gehen ab und zürnen inwendig. Jndicirte Judenverfolgung. Nun fragen wir bei Ihrer langen Welterfahrung an, lieber Freund, 1) ob bei einer Suppeuanstalt ein Superintendent durchaus nothwendig? 2) ob ein christlicher Bettler nicht eben so vollständig aus einer Iudenküche gesättigt wird, als aus einer christlichen, vorausgesetzt, daß er gleiche Portionen erhält? und 3) ob Gefahr für das Christenthum vorhanden, wenn einer seiner Bekenner aus einer Iudenküche ißt. Belieben Sie, theurer Freund, auf vorliegende drei Fragen in Ihrer leichtfaßlichen Darstellungsweise und Ihrem praktischen Tacle zu antworten. — Wie gesagt — unsere Weisheit ist zu Ende, wir müsien bei Ihnen Vorspann suchen. Mit vorzüglichster Achtung Ihre ergebensten L. und R.*) Lieber Herr Gönner! Kommen Sie mich so mit Fragen und Supperdenten un mit anderen Verfänglichkeiten, denn muß ich Sie man sagen, es gibt' ne Andeutung von einem Sprüchwohrte, welches besagt: „Ein Narr kann mehr fragen, als sieben Waisen beantworten können." Dieses wollte ich nun grade nicht sagen, nähmlich, vaß Sie ein Narr sünd und ich' ne Waise, denn wenn auch meine beiderseitigen Eltern schon lange dod sünd und mir einsam als dazumaligen Wirthschafter zu Trivdelfitz zurückließen, so rechent man vor gewöhnlich die Leute in die siebziger Jahre» nich zu die Waisen — ich wollt blos sagen, mit Verfänglichkeiten sollten Sie mich nich unter die Augen gehen, denn worum? Uns' gnedigsten Herrschaften sünd nu wieder hier und ich könnte mich selbst da 'ne Suppenanstalt einbrocken, zu die ein langer Löffel gehört. Gedennoch indeffen! Ich bün zu unfern Herrn a. . , v * n-c <■ _!) Soll offenbar heißen: Lingnau und Reuter, Hat hundert Thaler gezeichnet. Ausgezeichnet! ' — „Ja, er | Redacteur des Uuterhaltungsblatts. Berleger und