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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-02-02 · Heft 6 (2.2.1875) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 6 (2.2.1875)
Date
1875-02-02
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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89 schmeichelhaften Anträge — sogleich die Bedingung stellt, an Sabbathen und Festen vom Unterrichte dispensirt zu sein. Es ist vem Correspondenten durchaus nicht gelungen zu beweisen, daß jener Act der Toleranz zu der Behauptung nicht berechtigt, selbst aus den höchsten Kreisen Schwedens sei jede Spur des Borurtheils gegen Juden und Judenthum verschwunden, und wollen wir diese Behauptung spater noch verschiedenfach motiviren. Der Correspondent citirt eine Aeußerung des Bischofs Björk im Reichstage, als wäre sie jüngst gesprochen. Wer aber mit den schwedischen Verhältnissen so gut vertraut zu sein vorgiebt, sollte wiffen, daß jener Bischof seit mindestens 10 Jahren schon kein Mitglied des Reichstages ist. Die ganze Presse hat sich damals bereits entrüstet über jene Aeußerung ausgesprochen und erstere documentirt sicher weit eher die öffentliche Meinung, als die vereinzelte Stimme eines fanatischen Priesters. Es ist freilich wahr, und ich habe das in einem meiner früheren Berichte bereits erwähnt, der Staat unterstützt nicht die jüdische Schule, den jüdischen Cultus;*) aber — so viel hier bekannt ist — ist bisher noch kein desfallsiger Antrag gestellt worden. Man hat in der kurzen Zeit an wirklicher Gleichstellung so außerordentlich viel erreicht, daß man sich vorläufig damit begnügen kann. Die vom Correspondenten scheinbar in Abrede gestellte Liebe zum Judenthum beweist sich ja gerade als vorhanden, durch die näheren Umstände bei oben erwähnter Ernennung sowohl, wie dadurch, daß unsere Gemeindemitglieder gern und freudig, ohne daß je eine Epecutivmaßregel nöthig gewesen, die sehr bedeulenden Kosten des Cultus, ihrer Schule tragen. Für die Wahrheit der Behauptung einzustehen, daß „fanatische Priester in ihre Zöglinge immer noch Haß gegen Juden und Judenthum pflanzen", muß ich dem Correspondenten überlasten; hier wenigstens merkt man nichts davon, und ich sollte meinen, in der Hauptstadt des Landes vermag man den Pulsschlag des politischen, geistigen und Gemüthlebens eines Volkes weit eher und richtiger zu beurtheilen, als in einer Provinzialstadt. Und zugegeben auch, daß Schreiber dieses noch nicht gar so lange in Schweden lebt, so beruhen doch seine Mittheilungen auf eingeholte Erkundigungen bei Personen, deren Uriheil mindestens so competent ist, wie das des Herrn Correspondenten aus Norrköping. Gerade dem, der lange Zeit in Deuffchland inmitten der dortigen GemeinveverhälMiffe gelebt hat, drängt sich der Abstand zwischen dort und hier sehr leicht auf. Ruft man auch heute nicht mehr im deutschen Lande dem Juden „Hepp, hepp" nach, so geschieht es doch nicht selten, daß die liebe Straßenjugend diesen oder jenen, den Kleidung oder Gesichtsbildung als den Nachkommen Abrahams bezeichnen, mit dem Rufe: Jud'Jud' oder dergleichen *) Ebensowenig wie den katholischen. beehren. Hört man das hier je? Ist es je einem schwevischen Schriftsteller oder Dramaturgen in den Sinn gekommen, um sein Werk pikant zu machen, den Juden als Wucherer, Jntriguanten zu carikiren? Finden nickt unsere Glaubensgenossen, sofern sie sonst die nörhige Qualität besitzen, Zutritt zu den feinsten, geschlossenen Gesellschaften, kennt man in socialer Beziehung irgend eine Ausschließung? Haben sich die deutschen Regierungen nicht beeilt, aus Staatsmitteln den Cultus der Altkatholiken zu subveniren, während die weit zahlreicheren Juden immer noch leer ausgehen? Uns bleibt wenigstens das bittere Gefühl der offenbaren Zurücksetzung erspart, der Staat unterhält eben nur die Staatskirche. Hat man hier jemals mit den Juden so experimenlirt, wie z. B. hinsichtlich der Civilehe in einem Theile Deutschlands? In Berlin wird, wie einer Ihrer dortigen Berichterstatter jüngst erwähnt, Dr. Geiger, einer der hervorragendsten unserer Glaubensgenossen, dessen Verlust auch hier allgemein betrauert wurde, zu Grabe getragen, ohne daß die kleinste Ordensdecoration, ohne daß eine einzige Ehrenauszeichnung von höchster Stelle zu bemerken ist, während wir in unserer ja nicht zahlreichen Gemeinde an 2o Decorine aufzählen könnten. *) Äst es denkbar, selbst bei den großen Fortschritten, den die Juden in Preußen in neuerer Zeit gemacht, daß ein Glaubensgenosse Polizei-Intendant wird, wie hier Herr Rubenson, der jetzt sogar provisorisch das Polizeimeisteramt verwaltet? Die Regierung hat eS durch die That erwiesen. daß sie alle vorhandenen Kräfte benutzt, ohne Unterschied der Ccnfession. So erwähnen wir bei dieser Gelegenheit nur noch die Herrn Robert Rubenson, Chef der metereologischen Anstalt der Wissenschaftsakademie, Moritz R., Abgeordneter im Reichstage für Stockholm und Sekretär der Communalbehörde (ein ungemein einflußreicher Posten), Joseph R., Stadtverordneter, dessen Bruder Albert R., Jnspector des königl. musikalischen Conservatoriums, und die jüngste Ernennung des Hofmalers Geskil Srlomon als außerordentlichen Professor der Akademie der schönen Künste. So könnte ich noch gar Vieles anführen, was für meine Behauptung spricht, befürchtete ich nicht, den bemessenen Raum dieser Correfpondenz allzusehr in Anspruch zu nehmen. Schließlich noch die Bemerkung, daß in der That in Norrkoping das Rischus sich mehr als in irgend einem Theile Schwedens erhalten hat. Wir beklagen das, möchten uns aber dagegen verwahren, daß der Herr Corresponoent seine dort empfangenen Eindrücke als maßgebend für weitere Kreise unseres Landes ausgiebt. ll. *) An Decorirten fehlt es innerhalb der jüdischen Gemeinde in Berlin, sowie in Preußen überhaupt, durchaus nicht; bei der Bernerkung, welche der Herr Correspondent im Auge hat, galt cs nur die | jüdische Theologie und Literatur. 6

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