Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1875)
- Date
- 1875-02-02
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SS Großbritannien. London, 24. Januar. (Pnvatmitth.i Sir Moses Montefiore, der rastlose Helfer und Unterstützet feiner leidenden Glaubensgenossen, hat von Neuem an die israelitischen Gemeinden im heiligen Lande die Anfrage ergehen lassen, durch welche Art von Arbeit ihnen wohl am ehesten geholfen werden könne: durch Ackerbau, Handwerk oder Handel, indem er für diejenige, welche sie wählen würden, ihnen eine in Europa;u sammelnde Unterstützung in Aussicht stellte. Die Antworten, welche der Baronet auf sein Rundschreiben von Gemeinden und Privaten Palästinas erhalten hat, liegen jetzt in einem stattlichen Hefte vereint vor uns, und wollen wir deren Hauptinhalt kur; angeben, da er gewissermaßen ein Stimmungsbild von unfern Glaubensgenossen im heiligen Lande entrollt. In Jerusalem ist man im Allgemeinen nicht so sehr für den Ackerbau, für welchen man die Israeliten wenig geeignet hält, eingenommen wie für Handwerk und Handel, von denen jenes durch Lieferung guter Werkzeuge, dieser durch Vorstrecken von Kapitalien zu billgen Zinsen gefördert werden müßte. Besonders auch die Vertreter rer deutschen Gemeinden sprechen sich entschieden gegen die Ackerbau-Unternehmungen aus. In einem Briese heißt es über diesen Punkt: „Wenn das Korn reif sein wird, werden die Araber und Beduinen die Ernte einheimsen und die Heerden der Juden an Schafen und Ziegen, ihr Rindvieh und ihre Lastthiere wegnehmen. Ist es doch jetzt für keinen Israeliten sicher, ohne eine Eskorte von Soldaten von Jerusalem nach dem Jordan zu gehen." Freilich einige wenige Privatpersonen sind anderer Ansicht, aber wir halten sie entweder für im Jrrthume befangen oder von unlautern Absichten erfüllt, wie es offenbar der Mann ist, welcher behauptet: die eingeborenen Juden von Palästina dürsten zwar kein Land erhallen, da sie in dessen Anbau unerfahren seien, wohl aber die Landsleute des Schreibers, d. h. die Juden auS Ungarn, Rumänien und Rußland, da sie ihr ganzes Leben hindurch Ackerbau getrieben hätten'.'. — Die Rabbanim aller Gemeinden von Safed sprechen sich zwar für die Erwerbung von Land zum Anbau aus; indeß man wird wenig zu einem solchen Versuche ermuntert, wenn man hört, daß die zahlreichen jüdischen Bewohner des Ortes Pekiin bei Sased sämmtlich Ackersleute sind, aber durch bie schweren Bedrückungen ihrer andersgläubigen Nachbarn zu äußerstem Elende herabgebracht und fast ihres ganzen Besitzthums beraubt worden sind. Günstiger scheinen die Dinge in der Umgegend von Tiberias zu stehen, wo dreißig Personen sich sehr hoffnungsvoll in Bezug auf ländliche Beschäftigung äußern. Auch in Caiffa spricht sich wenigstens ein Privatmann in diesem Sinne aus. Im Allgemeinen aber scheint es uns viel aussichtsreicher, wenn Sir Moses mit een zu sammelnden Geldern vorzugsweise die Hand werter unterstützen würde. Das ist eine Beschäftigung, die schon Tausende von palästinensischen Israeliten treiben, zu der sie Lust und Geschick haben, und die sie in den Städten sesthält, wo sie verhältnißmäßiger Sicherheit genießen. Zweierlei scheint dazu ersorderlich: gute Handwerker-Schulen, damit die jüdischen Handwerker odentliche und tüchtige Arbeit zu liefern erlernen; und Ausrüstung mit den nothwendigen Werkzeugen. Der Handel darf erst in zweiter Linie kommen, da er die ungebildeten und wenig gewissenhaften Menschen leicht zur Unredlichkeit verführt und in dem armen und unsichern Lande doch, von vielen betrieben, nur geringe Aussicht giebt. Der Ackerbau endlich scheint uns bei dem räuberischen Charakter der mohammedanischen Landbewohner auf der einen und der geringen Befähigung und Neigung für jenen bei den Juden aus der andern Seile nur unter ganz besoneern Verhältnissen zulässig. Rühmeuswerth ist der Eifer, mit welchem sich Tausende von Israeliten des heiligen Landes zu jeder Art von Arbeit bereit erklären; es ist gewiß dringend zu wünschen, daß die zu ihrer Beschäftigung nothwendige Fonds zusammenkämen, der beredte Appell des edlen Montefiore an seine Glaubensgenossen Erhörung fände! Hoffentlich würden dann auch die Israeliten Palästinas beweisen, daß sie ihre Versprechungen zu halten und redlich von der Arbeit ihrer Hände zu leben gedenken. Damit wäre ein unendlicher materieller und moralischer Segen über viele Tausende gebreitet.*» Schweden. Stockholm, im Januar. (Privatmitlh.) Die Correspondenz aus Norrköping in Nr. 52 vorigen Jahrgangs Ihrer geschätzten Zeitung zwingt mich auf die Ernennung des Herrn Rector Valentin zum Lehrer der königlichen Prinzen noch einmal zurückzukommen. Während die jüdischen Blätter der verschiedensten Richtungen meine damalige Mittheilung Ihrer Zeitung entlehnten, hebräische, französische und englische Berichte dieses Ereigniß als einen wahren Gen cirp bezeichneten, sieht das „das Judenthum liebende Herz" des Correspondenlen nichts Besonderes darin, daß man einem Juden ein solch ehrenvolles Amt anträgt, einem Juden, der — nicht verblendet von dem *) Die von unsrem Herrn Correspondenten aus der Schrift, welche das Comitö des Board selbst versendet, entnommenen Berichte bestätigen, wie wir zu bemerken uns gestatten, vollständig das, was wir seit vielen Jahren über die Zustände in Palästina als das allein Richtige behaupteten, und weshalb wir uns so vielen chimärischen Entwürfen widersetzten, welche die öffentliche Wohlthätigkeit nur irre leiteten oder mißbrauchten. Sir Moses gebt daher ganz richtig zu Werke, wenn er die Grundbestimmung der zu sammelnden Fonds dahin präcistrt, daß sie nicht zu Almosen, sondern zur Förderung der Arbeit jeglicher Art benutzt werden soll. Da ein solcher Fond auch mit der Zeit erst wachsen kann — denn die gegenwärtigen finanziellen und industriellen Verhältnisse der Welt lasten für den Augenblick keine allzugroßen Zuflüsse erwarten, und diese Lage der Dinge muß ein solches Resultat entschuldigen — so wird man auch Zeit haben, mit der Unterstützung in Palästina langsam vorzugehen und die gemachten Erfahrungen zu imnlcr weiterer Ausdehnung der Wirksamkeit zu benutzen.