Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1875)
- Date
- 1875-02-02
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Ja, weil es zu allem Diesem durch seine eigene Narur gezwungen ist, liegen die Jnteresien der Religion und die der Priesterschaft weil auseinander, und die Vermischung derselben oder gar ihre Jdentificirunz der Religion schon unendlichen Schaden gethan, und aus ihr heraus holen viele Feince der Religion ihre Waffen gegen diese. Wenn ich so die civilisirte Welt noch innerhalb dieser beiden Barbarismen anschaue: so sehe ich sie hingegen von einem dritten befreit, der sie bedrohte, fteilich mehr mir dem Anschein, den er sich gab, als in der Wirklichkeit, ich meine: den Socialismus. Es giebr mancherlei Beispiele, daß die Well sich von einer Furcht, ich möchte sagen, epidemisch ergreifen ließ, die sich später nur als Gespensterseherei erwies. Ich kann mich daraus berufen, daß ich bereits vor zwanzig Jahren in meinen Vorlesungen die Furcht vor dem Socialismus, so viele Worte auch die socialistischen Demagogen, sei es in dicken Banden, sei es in Versammlungen und Blättern machten, für eitel und gegenstandslos erachtete. Als Idee steht der Socialismus der Natur des Menschen selbst und der ganzen Entwickelungsarbeit der menschlichen Gesellschaft, allen Grundsätzen, welche Las Fundament und das Gerüste rer letzteren bilden, also aller Vernunft und allem Rechte so schroff gegenüber, 'daß an irgend eine Verwirklichung, selbst nicht einmal an eine Vermittelung zu denken ist. Bleibt also übrig die Gewalt, rer brutale Aufstand der rohen Masse. Allein die Geschichte lehrt uns, daß rer organisirten Gesellschaft gegenüber der Aufstand irgend einer Claffe nichts durchzusetzen vermag. Nicht durch die furchtbaren Sklavenkriege wurce das Sklaventhum, nicht durch die berüchtigten Bauernkriege wurde die Leibeigenschaft beseitigt, sondern Jahrhunderte später durch die Entwickelung der menschlichen Gesellschaft, ja nickt blcs -durch mehr humane Ansichten, sondern durch die erlangte und verbreitete Einsicht, daß die freie Arbeit einen unermeßlich größern Vortheil abwirst, als die erzwungene, welche höchstens einzelnen Besitzern zu Gute kömmt. In gleicher Weise hat der Socialismus seinen Ausstand in der Juni-Schlacht 1848 und in der Commune 1871, beide Male unter den Auspicien anarchischer Zustände gemacht, beide Male besiegt und niedergeworsen, ries schon an einem einzigen Orte, an einem Centralpunkte revolutionärer Maffen — um wie viel leichter würde seine Niederlage an anderen Plätzen erfolgen, Opsercultus selbst aber schon durch das mosaische Gesetz sehr eingeschränkt. Dies sprach sich besonders dadurch aus, daß nur ein Tempel, ein Älrar für das ganze Land und Volk bestimmt war. Mit dem Sturze dieses einen Altars hörte der Opfercultns und mit diesem das Priesterrhum auf; sc schon nach dem ersten Falle Jerusalems im babylonischen Exil, so für immer nach der zweiten Zerstörung des Tempels. Weder das erste noch das zweite Mal wurde irgend ein Versuch gemacht, den Altar mit Opscrcultus und Priestern durch einen anderweitigen zu ersetzen, und schon wahrend des babylonischen Exils trat der Gebelcultus an deffen Stelle, wie die Geschichte Daniels unter Darius uns lehrt. Das Judenthum hatte also von allem dem schon währcud des Mittelalters nichts mehr, und da die feierliche Erklärung erfolgte, daß die Gebete die Opfer ersetzen, wurden die letzteren auch nicht einmal mehr symbolisch erhalten, wie dies in der katholischen Kirche geschah. jetzt, wo die Gesellschaft gewarnt und auf ihrer Huth ist. Man wird zugestehen muffen, daß der Socialismus an Gewaltsmitteln weder die Chancen der Sklavenkriege noch der Bauernkriege hat. Den einzigen Einfluß, den man den socialistischen Ideen zuschreiben kann, gleicht dem, welchen vor einem halben Jahrhundert die Homöopathie auf die medicinische Wiffenschaft übte: sie trieb zu wesentlichen Verbefferungen schneller an, als sie sonst eingetreten wären. In unsren Tagen nun hat sich ein Umschwung bethätigt, der mir von großer Tragweite zu sein scheint. Nachdem die Gesetzgebung für die sog. arbeitenden Claffen wesentliche Fortschritte gemacht, Schäden beseittgt, die in ihrer Lage vorhanden waren und ihre Selbstständigkeit geschützt hat, kam es, daß die Arbeiter durch ihre Coalition, d. h. durch gemeinschaftliche Niederlegung der Arbeit (Strike) höhere Löhne erzwangen. Eine Berechtigung hierzu lag in der übermäßigen Ausdehnung der Industrie und in der schwindelhaften Vermehrung fictiver Wenhe, wodurch das Geld an Werth verlor und die Lebensmittel zu ungeheuren Preisen erhoben wurden, zugleich ein verschwenderischer Luxus sich verhältnißmäßig durch alle Claffen verbreitere. Waren mit diesen Strikes nur keine Gewaltthätigkeiten gegen die Arbeitgeber und die Arbeiter, welche die Arbeit fcrtsetzen wollten, verbunden, so hatte das Gesetz nichts dagegen, und es wurde in den meisten Fällen der Zweck erreicht. Man näherte sich hiermit dem Gedanken, welcher den socialistischen Ideen zur ersten Basis dient, in ihnen aber mißkannt und entstellt wird, nämlich dem Gedanken, dem sog. Arbeiter einen verhältnißmäßigern Antheil an dem Erttage der Production zu geben als bisher. Der sccialistische Schwindel wollte diesem mechanischen Arbeiter den ganzen Ertrag gleichmäßig zuwenden. Er wollte nicht beachten, daß das Erzeugniß erst in dritter Instanz Product der mechanischen Arbeit ist, daß ihr 1) die Geistesarbeit vcrangehen muß, durch welche das Etabliffement gedacht, gegründet und hergestellt, die Maschinen erfunden und verbeffert, die Rohstoffe herbeigeschaffr, die Proceffe der Arbeit angeordnet und geregelt, der Absatz bewerkstelligt und das Geschäft kaufmännisch betrieben werden, und 2) das Capital, welches zur Ermöglichung und Befruchtung aller dieser geistigen und mechanischen Arbeit unentbehrlich ist und ohne welches die Arbeiter selbst ihren Lohn sofort nach geschehener Arbeit nicht-einmal erhalten könnten. Jenen socialistischen Schwindel bei Seite gesetzt, war das Verlangen, dem mechanischen Arbeiter einen verhältnißmäßigern Antheil an dem Ertrage zu verschaffen, gerechffertigt, und ihm entsprach allmälig die Erhöhung der Löhne. — Was geschah aber nun in unsren Tagen? Die schwindliche Größe des Finanzwesens brach in ihrer Hohlheit und ihrem betrügerischem Betriebe zusammen, die übermäßige Ausdehnung der Industrie knickte ab, der allgemeine Besitz schrumpfte ein, der luxuriöse Consum minderte sich, die Preise der Waaren gingen herunter. Was war die nothwendige Folge? Es erwiesen sich die hohen Arbeitslöhne als unverträglich mit der Fortsetzung rer Arbeit, als die Concurrenz