Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1875)
- Date
- 1875-01-26
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
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75 Unterjochung durch Saladin gerettet. Diesem kühnen Gedankenflug folgte endlich ein fester, erquickender Schlaf, der aber, wenn auch nicht durch das gegen Mitternacht entstandene Unwetter, so doch durch eine andere seltsame Begebenheit mochte unterbrochen worden sein. Am frühen Morgen nämlich fand man Bertholv's Zelt demolirt und feinen Knappen vor demselben todt auf dem Boden liegen, während der Herzog selbst spurlos verschwunden war. Im Zelte fand sich noch ein Turban nebst einem saracenischen Säbel vor, ein Umstand, der auf einen nächtlichen Ueberfall von Seiten der Feinde schließen ließ und zu der allgemeinen Annahme führte, daß der Heldenliebling durch Meuchelmord sein Leben eingebüßt und als Leiche von den Verbrechern mit fortgeschleppt worden. Groß war die Bestürzung und Aufregung, die diese blitzschnell verbreitete Schreckenskunde im ganzen Lager hervor rief; man wetteiferte förmlich in der Anwendung aller erdenklichen Mittel, um über den Verbleib des Vermißten, wie über die freche, blutige That irgend welchen näheren Aufschluß zu Tage zu fördern. Vergebens! Alle Nachforschungen und Bemühungen blieben fruchtlos, und so kam denn die Trauerbotschaft, welche Bertholv's Gattin, die schöne Agnes, Tochter des Herzogs Heinrich von Oesterreich, von ihrem Onkel, dem Herzog Leopold von Oesterreich, direct vom Schauplatz auf ihrem Schlöffe Neuburg (am Inn) erhielt, so ziemlich einer Traueranzeige gleich; — sie sollte für die noch junge und tiefgebeugte Herzogin, wie wir in Weiterem erfahren, die Vorläuferin weiterer herber Prüfungen werden. Inzwischen lastete das Gefühl der Ungewißheit in Bezug auf Bertholv's Geschick gerade auf dem genannten Berichterstatter am schwersten. Wie? dachte Herzog Leopold oft, konnten Sabel und Turban nicht zur Täuschung zurückgelaffen worden und dieser nächtliche Ueberfall nicht von einer, im eigenen Lager schlau angezettelten Verschwörung ausgegangen sein? Und in diesem Falle war es vielleicht gar nicht auf Bertholv's Tod, sondern nur auf deffen Wegschaffung, d. h. Gefangennehmung abgesehen, um ihn etwa seiner vielseitig mißgönnten Heldenlaufbahn zu entrücken. Solche Fragen und Zweifel stürmten häufig auf ihn ein und ließen sein aufgeregtes Gemüth nur selten zur Ruhe kommen. Dabei lenkte sich sein Verdacht stets auf ein und dieselbe Persönlichkeit. Er wußte nämlich, wie es auch anderen Kreuzrittern nicht entgangen war, daß ein Graf Dietrich von Wafferburg gegen die Andechser einen heimlichen Groll in sich trug, seitdem letzteren die reiche Erbschaft von Neuburz und Vormbacb zugefallen war. Man hatte wahrgenommen, daß genannter Graf seit der Abreise von der Heimath jede Gelegenheit, Herzog Berthold zu schädigen, gern benutzte, und als letzterer unterwegs einmal plötzlich erkrankte, tauchte sogar das Gerücht von einem, von Dietrich bereiteten giftigem Mahle auf. Dazu kam noch der höchst verdächtige Umstand, daß während der ganzen Dauer des obigen Gefechtes der sonst so kampflustige Dietrich vermißt wurde. Seine Fahne war in den Reihen der kämpfenden Schaar nirgends zu sehen; sie wehte vor seinem Zelte, das von Bertholv's circa hundert Schritte entfernt lag, und sein Knappe hielt nebenbei Wache, indem er letzteres bis tief in die Nacht hinein beobachtete. So begründet nun auch in Anbetracht aller dieser Momente der Verdacht, daß der ohnedies als tückisch und hinterlistig bekannte Graf Dietrich jene Frevelthat veranlaßt oder auch mit ausgeführt habe. zu sein schien, — Herzog Leopold wagte ihn doch nicht öffentlich auszusprechen, nur einem Juden, den er bei häufigen Lieferungen von Lebensmitteln als einen ebenso umsichtigen, als zuverlässigen Mann hatte kennen lernen, vertraute er ihn an. Er wußte, daß Salomon — so hieß der Vertrauensmann — nicht nur Dietrichs Bekanntschaft bereits gemacht und so oft erneuert, als sich ein Mangel in des Grafen Baarschaft fühlbar machte, sondern auch seine Verbindungen in der Stadt Accon (Acre'i habe, und sogar beim Sultan, von den, er schon reiche Geschenke erhalten, in besonderer Gunst stand. Wenn irgend Einer zur Entdeckung unseres Berthold und zur Aufklärung des Thatbestandes das Zeug hat, dachte der Herzog, so ist es dieser Jude Salomon, und so benutzte er die erste beste Gelegenheit, um ihm seine geheime Vermuthung mitzutheilen und ihn zu seinem Kundschafter zu gewinnen, indem er ihm eine ansehnliche Summe Geldes zur Bestreitung der nöthigen Kosten einhändigte, und im Falle des Gelingens eine noch größere in Aussicht stellte. Salomon, der sich weder ein so glänzendes Geschäft, noch die Gelegenheit, „Gutes zu thun", gern entgehen ließ, unterzog sich willig der ihm übertragenen Rolle, und wie er in Allem, was er unternahm, besonnen und energisch auf sein Ziel losstürmte, so entwickelte er auch hier zur Lösung seiner Aufgabe eine staunenswerthe Umsicht und Ausdauer, einen vor keinem Hinderniß zurückschreckenden Eiser. Zunächst begab er sich zum Grafen Dietrich selbst, der ihn, wie schon häufig in gewiffen Fällen — möglich, daß gerade eine Ebbe in des Grafen Casse wieder eingetreten war oder nahe bevorstand — auf das Freundlichste willkommen hieß und sich in leutseligster Weise mit ihm unterhielt. Selbstverständlich brachte unser Salomon unter anderen Tagesbegebenheiten auch jene nächtliche, die Gemüther noch immer in Aufregung erhallende Affaire — wie beiläufig — zur Sprache, und es bedurfte kaum der ihm eigenen feinen Beobachrungs- und Combinationsgabe, um aus den unzusammenhängenden, von einem seltsamen Minenspiel begleiteten Auslastungen des Herrn Grafen die Ueberzeugung zu schöpfen, daß derselbe von dem Geschicke Bertholv's wohl unterrichtet sei, daß letzterer noch lebe und in irgend einem Stadttheile hinter Schloß und Riegel gebracht worden. Dem war in der That so; Herzog Berthold war nach jenem verhangnißvolleu Ueberfall trotz heftiger Gegenwehr geknebelt und durch die Stadt in einen Kerker geführt worden. Dort lag er