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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-01-26 · Heft 5 (26.1.1875) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 5 (26.1.1875)
Date
1875-01-26
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
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76 seitvem verwundet und von heftigem Fieber ergriffen krank darnieder, dazu noch von einem Sklaven gepflegt, reffen Sprache er nicht verstand. Welch eine traurige Lage, welch entsetzlicher Seelenzustand! Anstatt, wie bisher, der Erste auf dem Kampfplatz zu sein, um dem ungläubigen Feinde das wiedereroberte heilige Terrain zu entreißen, sah er sich hier unrhätig an das Schmerzenslager gebannt, verlaßen und verrathen'. Mit welcher Wehmuth mußte er der Abschiedsstunde gedenken, da er begeistert für die heilige Fahrt au der Spitze seiner Schaar über die äußere Zugbrücke seiner heimalhlichen Burg auszog und voll Hoffnung und Zuversicht nach dem Fenster winkte, von wo aus die rheuere Agnes, umgeben von vier Töchterchen, ihm das letzte, beherzte Lebewohl zuries. Uud wahrend auch in häufigen Fieberanfällen diese lieben Gestalten seinen umvüsterten Geist umschwebten und beschäftigten, beweinte die trauernde Gattin den vermeintlichen Tod des Geliebten, mit dem sie ein so inniges und glückliches Eheleben geführt. Auch sie fühlte sich so einsam und verlaßen, so schütz- und hilflos! Denn kaum war die Trauerkunde dort rngelangt, als schon Herzog Konrad von Wasserburg, Bruder des obigen Dietrich, seine Erbansprüche aus die Besitzung Neuburg erhob, und in gleich rückstchts- und schonungsloser Weise geschah dies auch von einem Grafen von Bogen, der mit seinen Ansprüchen wohl noch delicatere Anträge zu verbinden sich erdreistete. Fast der Verzweiflung nahe, suchte die Bedrängte gegen den Ungestüm dieser herzlosen Ritter Schutz bei dem biederen Grafen Ropoto von Ortenburg, der sich auch väterlich ihrer anuahm. Inzwischen ward auch Berthold's dunkle Zelle von einigen Lichtuud Hoffnungstrahlen erhellt. Unerwartet traf dort eines Tages ein Arzt ein, der der deutschen Sprache mächtig und bestrebt war, nicht nur den Kranken zu heilen, sondern auch den Entmuthigten tröstende und erheiternde Unterhaltung zu gewähren. — Der freundliche Leser wird hierin sofort das erste Zeichen von Salomon's ersprießlicher Thätigkeit erblicken, wenn wir hinzufügen, daß derselbe gleich nach der befriedigenden Unterredung mit Dietrich sich in die Stadt begeben und so lange sich im feindlichen Lager umhergetrieben, bis er den Aufenthaltsort Berthold's ausfindig gemacht und Näheres über seinen Zustand erfahren hatte. Das Anerbieten eines reichen Lösegeldes für den Gefangenen, das er dem Festungscommandanten machte, wurde zurückgewieseu, da nach des Sultans ausdrücklichem Befehl kein christlicher Gefangene ohne seine Zustimmung freigegeben «erden dürfe, dagegen wurde ihm die Hinzuziehung jenes deutschen Arztes gestattet. Bon diesem erhielt er nun tagtäglich befriedigende Berichte über den günstigen Verlauf der Krankheit Berthold's, und nachdem dieselbe als nahezu gehoben erklärt werden konnte und auch die entschwundenen Kräfte sich allmälig wieder eingestellt hatten, eilte Salomon nach Jerusalem, um in einer Audienz beim Sultan den letzten Versuch zur Befreiung Berthold's zu machen. Von seinem hohen Gönner auf daS Huldvollste empfangen, theilte er ihm den Zweck seiner Reise und sein Anliegen mit, erzählte mit aller Umständlichkeit jenen verrärherischen Ueberfall des tapfern Herzogs, schilderte dessen gegenwärtige traurige Lage, in die er nicht durch Treulosigkeit und nicht in Folge des Kampfes gerathen sei, und empfahl ihn schließlich der Gnade und dem Gerechtigkeitssinn des mächtigen Herrschers. Saladin, der in der That an Redlichkeit, Großmuth und Milde seine christlichen Gegner weit übertraf, hatte Salomon schweigend und mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, und noch ehe derselbe geschloffen, rief er aus: Eine solche Verrätherei dulde ich nicht unter den Meinigen! Herzog Berthold soll sofort der Freiheit zurückgegebeu werden, jedoch gegen das Versprechen, nie mehr das Schwerdt gegen die Gläubigen zu führen unv baldmöglichst in seine Heimalh zurückzukehren. Nach wenigen Tagen konnte Berthold's Arzt, der trotz der Wiederherstellung des Patienten, seine täglichen Besuche fortsetzte, dem Gefangenen eröffnen, daß seine Leideuszeit bald vorüber sein, vielleicht schon heute ihr Ende erreichen werde, und als der ungläubige Herzog kopsschüttelnd seine Zweifel zu erkennen gab, öffnet sich plötzlich die Thür des Kerkers, und der jüdische Handelsmann tritt in Begleitung feindlicher Krieger herein und kündigt dem Gefangenen im Namen des Sultans die Freiheit an. Unter dem erschütternden Eindruck dieser unerwarteten Botschaft von der frohen, glücklichen Wendung seines Geschickes, verließ Herzog Bertholv schwankend die Lüstern Kerkerräume und kam erst im Freien allmälig zu sich selber. Von der Wache bis zum Strdtthor begleitet, langte er an der Seite Salomon's mit vor Freude hochklopfenvem Herzen im christlichen Lager an. Wer vermag wohl das Staunen, die Ueberraschung und den Jubel zu schildern, womit dort der lang vermißte nnd allgemein gefeierte Heldenherzog empfangen und begrüßt wurde? und wer erst das freudige Entzücken, womit bald darauf beide Gatten auf Schloß Neuburg nach langer trüber Trennungsunv Leidenszeit die Stunde der Wiedervereinigung feierten? Dietrich von Wasserburg erlebte Berthold's Befreiung nicht; er war bereits einer Wunde erlegen, die er in einem Zweikampf erhalten. Der Jude Salomon dagegen wurde für seine gelecsteten Dienste von den Großen des Heerlagers reichlich beschenkt und fortan mit allgemeinem Zutrauen beehrt. Herzog Berthold starb im Jahre 1204 und wurde in Diessen begraben, — dem einzigen Ort in Oberbayern (mit Ausnahme von München), der unseres Wissens schon frühe und noch in dem, verhängnißvollen 14. Jahrhundert von Juden bewohnt wurde. Sollte etwa Herzog Berthold seine Dankbarkeit gegen seinen jüdischen Lebensretter auch auf dessen Glaubensgenossen ausgedehnt tinv ihnen in der Berfolgungszeit ein Asyl in seiner Graffchaft gewährt und auf Jahrhunderte hinaus gesichert haben?*) *) lieber den historischen Werth der oben erzählten Episode «erde ich in Bälde einige Notizen folgen taffen.

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